Amnesty Journal Korea (Nord) 10. November 2010

Flucht aus Nordkorea

Jedes Jahr fliehen Tausende, die unter Hunger und ­Unterdrückung leiden, aus Nordkorea nach China. Die meisten sind Frauen. Sie werden Opfer von Gewalt
oder zur Heirat mit Chinesen gezwungen. Andere reisen auf gefährlichen Wegen in Richtung Südkorea in ständiger Gefahr, aufgegriffen und ins Land derAlbträume zurückgeschickt zu werden.

Von Thomas Aue Sobol

Der südkoreanische Pastor tritt aufs Gaspedal und jagt den ­Minibus über die holprige Piste. Neonlichter werfen Streifenmuster auf die Gesichter der zwei Mitfahrerinnen, die sich zusammen gekauert haben und wie Mädchen wirken, obwohl es sich um erwachsene Frauen handelt. Sie sind auf der Flucht aus Nordkorea, vor dem Terrorregime auf der anderen Seite des Flusses Tumen.

Vom chinesischen Flussufer aus betrachtet erscheint Nordkorea nahezu friedlich. Weiße Häuserreihen, über einer Papierfabrik steigt Rauch auf, im Fluss baden zwei nackte Kinder – eines winkt uns zu. Weiter oben auf dem grünen Hügel kommen Soldaten aus einer kleinen Hütte. Hinter ihnen ziehen sich Pfade aus rotem Kies wie Blutadern den Berghang hinauf. Und auch der Diktator hat sich verewigt: »Kim Jong-il – 10.000 Jahre soll er leben!« steht in weißen Lettern auf der Felswand.

Im Schutz der Dunkelheit überqueren jedes Jahr Tausende Flüchtlinge das Changbai-Gebirge. Im Kriechgang versuchen sie die Grenzkontrolle zu umgehen oder bestechen diese mit ­ihren letzten Habseligkeiten. Auf der Suche nach einem besseren Leben – oder einfach um zu Überleben. Zwei von drei koreanischen Flüchtlingen sind Frauen. Für sie ist es einfacher weg­zulaufen und Arbeit in China zu finden. Doch oft enden sie als Zwangsprostituierte oder als Sklavinnen chinesischer Männer.

In China wird entgegen der UNO-Konventionen Jagd auf diese Frauen gemacht. Sie werden zurück nach Nordkorea geschickt, wo man sie als Verräterinnen brandmarkt, ins Gefängnis steckt, foltert und im schlimmsten Fall hinrichten lässt. Unterdessen versucht eine Allianz aus protestantischen Pfarrern und Fluchthelfern, die Frauen über verborgene Wege nach Südkorea zu bringen – in die Freiheit und auf den Weg zu Gott.

Die 21-jährige Mi-Young ist dünn und blass. Sie scheint viel zu zerbrechlich für die Geschichte, die sie uns zu erzählen hat. Zusammen mit weiteren nordkoreanischen Frauen werden wir sie in den kommenden Tagen in Hotels nahe der chinesischen Metropole Shenyang treffen, die circa 200 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze entfernt liegt.

»Ich bin nervös, dass der Raum überwacht wird«, sagt Mi-Young. In Nordkorea, wo jeder gegen jeden spioniert, kann es ­einen schnell das Leben kosten, wenn man Präsident Kim Jong-il oder den Gründervater Kim Il-sung kritisiert. »Ich kann nichts Schlechtes über sie sagen«, erklärt Mi-Young, fügt aber später hinzu: »Sie sind aber nicht diejenigen, die das Korn wachsen ­lassen.« Schätzungsweise zwischen 50.000 und 200.000 Nordkoreaner leben wie gejagte Tiere in China und befinden sich ständig in Gefahr, abgeschoben zu werden. Chinesen erhalten Geld, wenn sie die Frauen anzeigen. Sie zu verstecken steht unter Strafe.

Lange Gardinen verhüllen die Fenster, als Mi-Young uns über ihre Kindheit während der Hungersnot in den neunziger Jahren berichtet: »Als die Maiskörner an den Kolben aufgegessen waren, aßen wir die Hülsen. Daraus haben wir Suppe oder Brei gekocht. Oder wir haben Gras und Bergpflanzen gegessen, von denen unsere Köpfe angeschwollen sind«, sagt Mi-Young und fährt fort: »Hier in China würde man das nicht mal den Schweinen zu fressen geben.«

Zuerst starben die Kinder, dann die Erwachsenen. Während das Land Fisch und Obst exportierte, kommen mehr als eine Million Menschen wegen Unterernährung ums Leben. Im Dorf von Mi-Young konnten sie die Toten nicht bestatten, da es keine Bäume mehr gab, um daraus Särge herzustellen. Wer Mundraub beging, wurde per Kopfschuss hingerichtet. Mi-Young stand bei öffentlichen Hinrichtungen immer in der ersten Reihe. Die Kinder waren gezwungen, daran teilzunehmen.

»Wenn ich mich schuldig mache, sterbe ich einen fürchterlichen Tod«, erinnert sie sich. Einer der Getöteten hatte einen Ochsen geschlachtet, ein anderer hatte Frauen an chinesische Männer verkauft. Als ihr Vater später an einem Hirntumor erkrankte, sah Mi-Young keine andere Möglichkeit als nach China zu fliehen, wo es Gerüchten zufolge Reis in Hülle und Fülle geben sollte. Damals war Mi-Young 19 Jahre alt und wog 35 Kilo.

Doch die Freundin, mit der sie zusammen geflohen war, ­betrog sie und verkaufte sie an einen chinesischen Mann. Sie schaffte es zwar, zu entkommen, wurde aber von der Polizei ­aufgegriffen und zurück über die Grenze gebracht. Später floh Mi-Young ein zweites Mal aus Nordkorea.

Hungrige Soldaten
Mi-Sun, die ältere Schwester von Mi-Young, betritt das Hotelzimmer. Leise wiegt sie ihr Baby im Arm. »Als ich nach China kam, wurden meine Augen so groß«, berichtet sie und zieht sich zur Illustration mit den Fingern die Augen auf. Hier sah sie zum ersten Mal Nahrungsmittel im Überfluss, die Autos und den Wohlstand. Mi-Sun kam erst vor einem Monat aus Nordkorea und die Anstrengungen der Flucht klingen in ihrer Stimme immer noch nach. »Nachdem meine Schwester geflohen war, wurde das Leben für uns immer schwieriger. Die Polizei sagte, sie sei unsere Schwester und Tochter. Wir seien deshalb für sie verantwortlich und würden bestraft werden. Aber meine Mutter konnte die Beamten bestechen«, berichtet Mi-Sun.

Die Betrügereien des Regimes bemerkte sie zum ersten Mal, als sie auf dem Markt Reissäcke sah, die den Schriftzug »Süd­korea« trugen. Ohne ausländische Fernseh- oder Radiosender kannte sie nur die nordkoreanische Version der Weltgeschehnisse. »Unsere Führer haben behauptet, die Menschen in Süd­korea würden schrecklich unter Hunger leiden. Aber wieso können sie uns dann Reissäcke schicken?«, fragt sich Mi-Sun.

Die große Hungersnot in den neunziger Jahren hat Nord­korea zwar überwunden, den Hunger selbst jedoch nicht. Einem UNO-Bericht vom Oktober 2009 zufolge benötigen neun Millionen Nordkoreaner – mehr als ein Drittel der Bevölkerung – Hilfe in Form von Lebensmitteln. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen erreicht jedoch nur zwei Millionen Menschen.

Dass der Westen nur zögerlich Lebensmittel spendet, hängt unmittelbar mit den Nukleartests vom vergangenen Jahr zusammen. Südkorea unterbrach 2008 seine jährlichen Lieferungen von mehr als 500.000 Tonnen Lebensmitteln, weil nicht ­sichergestellt war, dass diese tatsächlich die Bedürftigen erreichen würden. Eine umfassende Unterstützung wird nur gegen Einstellung des Nuklearprogramms bewilligt.

In den neunziger Jahren, nachdem das nordkoreanische Rationierungsprogramm für Lebensmittel kollabiert war, konnte das Regime nur noch seine hohen Beamten und Militärs versorgen. Der Rest der Bevölkerung musste sein Essen auf den von Korruption und Willkür beherrschten Schwarzmärkten kaufen, die nach der Hungersnot entstanden waren.

Seit Jahrzehnten propagieren Gründervater Kim Il-sung und sein Sohn Kim Jong-il die nationalkommunistische Juche-Ideologie. In ihrem Mittelpunkt stehen ein starkes Militär, die Glorifizierung der nationalen Führer sowie die völlige diplomatische und ökonomische Autarkie. Für die Bevölkerung ist diese Isolation eine Katastrophe. Weil nicht genügend Energie zur Verfügung steht, muss die Landwirtschaft mit Ochsen statt mit Maschinen betrieben werden. Hinzu kommt, dass das karge Land besonders anfällig für Naturkatastrophen ist. Die Auswirkungen bekommt selbst das Militär zu spüren. So haben die Hungerjahre laut einem US-Bericht bei der Bevölkerung derart zu Verzögerungen in der mentalen Entwicklung geführt, dass einer von vier Rekruten wieder ausgemustert werden muss.

Nach ihrer zweiten Flucht hielt sich Mi-Young mehrere Jahre in China auf, wo sie illegal in Gasthäusern und Restaurants arbeitete. Zeitweise lebte sie sogar auf der Straße. Sobald sie verdächtigt wurde, Nordkoreanerin zu sein, ergriff sie die Flucht und begann an einem anderen Ort wieder von vorne. Einige ­chinesische Arbeitgeber setzen ihre nordkoreanischen Arbeitskräfte kurz vor dem Zahltag vor die Tür. Wenn sie protestieren, droht man, sie der Polizei zu melden.
»Ich bin nicht frei!«, schrieb Mi-Young vor einiger Zeit an den südkoreanischen Pastor Chun Ki-won von der Durihana-Mission. »Ich möchte wie ein normaler Mensch leben.«

Die Christen ignorieren China
In Seoul macht es sich Pastor Chun Ki-won an seinem Schreibtisch bequem. Heute trägt er seine Pastorenrobe und zeigt uns eine Fernsehaufzeichnung. Ein nordkoreanischer TV-Moderator starrt in die Kamera und beschimpft den Priester.
Ab und zu wirft Chun Ki-won einen Blick auf den Monitor, der die Bilder der Überwachungskameras zeigt. »Die CIA hat mir Bodyguards angeboten, aber die waren nur zwei Tage hier. Ich hab das nicht ausgehalten«, sagt der Pastor und fährt fort: »Wenn ich sterben muss, dann lasst mich sterben.«

Auf der Suche nach neuen Geschäftsmöglichkeiten reiste Chun Ki-won 1995, damals noch als Hotelbesitzer, in den Nordosten Chinas. Entrüstet kehrte er nach Hause zurück, ließ sich zum Priester weihen und gründete die Durihana-Mission. Er reiste 1999 erneut nach China, um so viele Frauen wie möglich zu retten. Und um sie auf den Weg Gottes zu führen. Nachdem er zwei Jahre später an der mongolisch-chinesischen Grenze aufgegriffen wurde, verbrachte er acht Monate in einem chinesischen Gefängnis. Die neun Nordkoreanerinnen, die er herausschmuggeln wollte, wurden deportiert. Seitdem hat Chun Ki-won insgesamt 830 Personen zur Flucht nach Südkorea verholfen. »Egal was China sagt, wir folgen den Gesetzen Gottes, und die sagen uns, dass wir den Menschen in Not helfen sollen«, ­betont der Pastor.

Deutliche Kritik übt er auch daran, dass China die UNO-Flüchtlingskonvention missachtet. Diese verbietet die Abschiebung von Flüchtlingen in ihre Heimatländer, sofern ihnen dort Folter oder Verfolgung drohen. China behauptet, es handele sich nicht um Flüchtlinge, sondern um illegale Immigranten. Besonders im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking stieg die Zahl der Deportationen rasant an. So wurden jede Woche zwischen 150 und 300 Nordkoreaner abgeschoben.

In China werden die Flüchtlinge an versteckten Orten der Mission getauft, wo sie auch täglich mehrere Stunden die Bibel studieren. Dass der Religion ein solch hoher Stellenwert beigemessen wird, birgt aber ein hohes Risiko. Denn scheitert die Flucht, kann die »Verbindung zum Christentum« in Nordkorea zu Folter, lebenslanger Haft oder zur Todesstrafe führen. Dies berichten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch. Die Diktatur hasst das Christentum. Schließlich darf es nur zwei Götter geben: Kim und Kim. Auch für Mi-Young und ihre Schwester könnte dies zu ­einem ernsthaften Problem werden.

Der letzte Stopp vor der Freiheit
Bangkok, Thailand: Über 7.000 Kilometer vom Grenzfluss Tumen entfernt, in Thailands überschäumender Hauptstadt, öffnet die 25jährige Eunsuh eine rostige Tür. Dahinter ist der Ort, an dem die Durihana-Mission ihre Flüchtlinge vorübergehend versteckt hält, wenn sie von China und Laos angekommen sind. Vom südostchinesischen Shenyang werden die Flüchtlinge nach Peking geführt, von dort 3.000 Kilometer weiter mit dem Zug nach Kunming, im Südwesten von China. Im goldenen Dreieck zwischen China, Laos und Myanmar führen Menschenschmuggler die Frauen weiter durch den Dschungel, über Berge und Flüsse, wo sie für Grenzpatrouillen und Banden leichte Opfer sind, nach Thailand. In Südostasien ist Thailand das sicherste Land für die Leute aus Nordkorea. Einmal in der südkoreanischen Botschaft in Bangkok angelangt, ist die Einreise nach ­Südkorea praktisch gesichert.

Eunsuh erzählt, dass sie, genauso wie Mi-Young, nach China verkauft worden ist – von ihrer eigenen Mutter. Einige Jahre verbrachte sie mit einem gewalttätigen chinesischen Mann, bis sie einige Missionare traf, die ihr bei der Flucht in die Mongolei halfen. Doch der Fluchtversuch scheiterte und Eunsuh wurde nach Nordkorea abgeschoben.

»Glaubst du an Gott?«, schrie sie der Untersuchungsbeamte im nordkoreanischen Gefängnis an. »Sag die Wahrheit oder erdulde die Konsequenzen!« Die nächsten sechs Monate verbrachte sie in einer fünf mal fünf Meter großen Zelle mit 40 bis 50 Mitgefangenen. »Mit offenen Augen betete ich zu Gott«, sagt Eunsuh heute.
Zurück in China berichtet auch Mi-Young über die Brutalität, die sie in dem nordkoreanischen Gefängnis miterleben musste: »Die Wärter schrieen eine schwangere Frau an, die in China war: ›Warum hast du mit einem Chinesen geschlafen, du Verräterin?‹ Sie beschimpften sie, weil sie ihre Haare gebleicht hatte, und schlugen sie, bis sie Blut spuckte… doch die Schläge gingen weiter«, berichtet Mi-Young und senkt ihre Stimme. »Am Ende ist sie gestorben.«

Nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen befinden sich 200.000 gewaltlose politische Gefangene in nordkoreanischen Haftanstalten und Arbeitslagern, die über das Land verteilt sind. Mi-Young wurde entlassen, nachdem ihre Mutter die Wärter bestechen konnte. Drei Monate später floh sie erneut nach China, wo sie jede Arbeit annahm, um ihrer Familie Geld schicken zu können. Doch in Nordkorea stahl eine Bande alles und tötete ihre Mutter. In Bangkok hofft Eunsuh unterdessen, dass Pastor Chun Ki-won ihr helfen kann, in die USA zu gelangen. »Ich habe gehört, dass die Südkoreaner auf uns Nordkoreaner herabblicken. Darum möchte ich lieber nach Amerika«, sagt Eunsuh.

Jesus ist wichtiger als die Sicherheit
Chun Ki-won sieht sich in seinem Büro um. An den Wänden hängen Auszeichnungen und gerahmte Zeitungsausschnitte über die Frauen, die er gerettet hat. Doch nicht immer mit gutem Ende. Mi-Youngs Schwester Mi-Sun und ihr Baby, mit dem sie zusammen in das Hotel in Shenyang geflohen war, wurden von der chinesischen Polizei verhaftet und zurück über den ­Tumen-Grenzfluss nach Nordkorea geschickt. Informanten in Nordkorea glauben, dass die Schwester in eines der Gefängnisse gebracht wurde, aus »denen man niemals zurückkehrt«.

Chun Ki-won ist sich zwar bewusst, dass konvertierte Flüchtlinge in Nordkorea schwerer bestraft werden. Dennoch will er mit der Missionierung nicht warten, bis sie in Südkorea außer Gefahr sind. »Ich kann nicht sicher sein, dass die Flüchtlinge das Evangelium annehmen, wenn sie in Südkorea sind«, sagt er. Außerdem wisse man ja gar nicht, ob es alle überhaupt bis dorthin schaffen. »Diejenigen, die wahre Christen sind, werden auch bei ihrer Abschiebung nach Nordkorea zu ihrem Glauben stehen. Die meisten werden jedoch lügen, um eine Bestrafung zu verhindern.«

In Seoul, der Hauptstadt Südkoreas, serviert uns die 23-jährige Yumi Tee. An Hals und Ohren trägt sie glitzernden Schmuck. Das einzige Schmuckstück, das sie in Nordkorea tragen durfte, war eine Plakette mit dem Konterfei Kim Il-sungs, die nahe dem Herzen zu tragen war. »Er war ein schlechter Mensch«, sagt Yumi heute, da sie in Sicherheit ist und sich traut, ihren väterlichen Führer zu kritisieren.

Noch vor kurzem veranstalteten Nord- und Südkorea eine medienwirksame und emotionale Wiedervereinigung von Geschwistern, Eltern und Kindern, die sich seit dem Koreakrieg 1953 nicht gesehen hatten. Bezogen auf die Flüchtlinge aus dem Norden scheint die Bruderliebe aber zusehends zu schwinden.

Mitte der neunziger Jahre gehörten die meisten Überläufer noch zur Elite des Militärs oder der kommunistischen Partei. Sie konnten wichtige Informationen liefern und wurden mit offenen Armen empfangen. Heute kommen die meisten Flüchtlinge hingegen aus ländlichen Regionen und besitzen keinen »Mehrwert« für Südkorea. Zudem haben sie Schwierigkeiten, sich in eine moderne, kapitalistische Gesellschaft zu integrieren. Nach Angaben einer Hilfsorganisation in Seoul ist die Hälfte der bisher 17.000 Asyl suchenden Nordkoreaner ohne Arbeit. Zwei Drittel beklagen sich über Diskriminierung.

Yumi lebt seit 18 Monaten in Seoul und arbeitet für Chun Ki-won im Büro der Durihana-Mission. Zehn Jahre lang hielt sie sich in China versteckt und ist jetzt eine erwachsene Frau. Trotzdem besitzt sie keinerlei Ausbildung und hatte noch nie einen Freund. »Viele Flüchtlinge fantasieren vom Wohlstand, aber ich habe gelernt, dass man schon um das kleinste Bisschen hart kämpfen muss. Ich mache mir keine falschen Hoffnungen«, erklärt Yumi. Für den Start in ein neues Leben erhalten die Flüchtlinge circa 20.000 Dollar von der Regierung. Die meisten schulden einen Großteil des Geldes jedoch den Fluchthelfern, die sie nach Südkorea gebracht haben. Yumi lernte drei Monate lang in der Aufnahmestelle Hanowan, wie das Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft funktioniert, wie man zur Bank geht und Lebensmittel einkauft. Jetzt lernt sie täglich acht Stunden, um ihren High-School-Abschluss zu schaffen.

In der Durihana-Mission steht Pastor Chun Ki-won auf der Kanzel und hebt die Hände schützend über seine Gemeinde. Er sagt, dass 80 Prozent der Flüchtlinge auch nach ihrer Ankunft in Südkorea zu den Gottesdiensten kämen. Momentan beten hier 15 bis 20 Personen. Yumi schließt die Augen zum Gebet. Kritiker behaupten, dass die Gottesverehrung der Flüchtlinge lediglich auf die Verherrlichung ihrer einstigen nordkoreanischen Führer zurückzuführen sei.

Yumi möchte bald in die USA oder nach Japan auswandern. Nicht weil ihr das Leben in Seoul nicht gefällt, sondern weil sie die Welt kennenlernen möchte. Zum ersten Mal in ihrem Leben.

Postskriptum: Mi-Young ist die Flucht über Laos und Thailand nach Südkorea geglückt. Ihre Schwester befindet sich jedoch immer noch in nordkoreanischer Gefangenschaft. Eunsuh wurde Asyl in den USA gewährt. Um die Identität der Frauen zu wahren, sind die Namen in diesem Artikel frei erfunden.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Dänemark.

Aus dem Englischen von Frank Thomas.

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