Amnesty Journal Kambodscha 08. Februar 2010

"Diese Kinder wollen ein normales Leben führen"

Als Kind wurde Somaly Mam wie eine Sklavin verkauft und als Jugendliche zur Prostitution gezwungen. Doch die Kambodschanerin konnte sich befreien und setzt sich seit Jahren als Präsidentin der Somaly Mam Foundation und als Gründerin der Organisation AFISEP gegen Menschenhandel und Sexsklaverei ein. Ein Gespräch
über Korruption, Armut und das mangelnde Engagement gegen Kinderprostitution.

Infokasten: Somaly Mam
Die 1970 geborene Kambodschanerin musste sexuelle Sklaverei am eigenen Leibe erleben. Seit sie diesem Schicksal entronnen ist, engagiert sie sich für die Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution und Sklaverei. Mit der von ihr gegründeten Organisation AFISEP (Agir pour les Femmes en Situation Précaire) und der Somaly Mam Foundation konnte sie bis jetzt rund 5.000 südostasiatische Mädchen aus der Zwangsprostitution befreien. Für ihr Engagement wurde Somaly Mam 2008 mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde ausgezeichnet.

In Kambodscha und den angrenzenden Staaten werden täglich Tausende Frauen und Mädchen zu Opfern sexueller Ausbeutung. Unternehmen die Regierungen genug, um Zwangsprostitution und Menschenhandel zu verhindern?
Es gibt immerhin Bewegung bei diesem Thema. Die kambodschanische Regierung hat 2008 aufgrund des internationalen Drucks ein Gesetz gegen Menschenhandel erlassen. Doch das ist nicht genug, denn es handelt sich um ein weltweites Problem. In Indien oder Pakistan, in Osteuropa und Afrika gibt es keine Gesetze gegen Menschenhandel. Ich will ein Beispiel geben: Ein achtjähriges Mädchen aus Kambodscha wurde an die chinesischen Syndikate, die Triaden, verkauft, zwei Jahre später verkauften die Chinesen es an die Yakuza, die japanische Mafia. Von dort wurde das Mädchen weitergehandelt an einen südamerikanischen Clan, von dort ging es weiter über Brasilien und Kolumbien nach Mexiko. Schließlich wurde es in Los Angeles auf der Straße aufgegriffen. Da war das Mädchen vierzehn Jahre alt. Wir sehen also, dass das organisierte Verbrechen international kooperiert und Menschen über Grenzen hinweg handelt. Leider sind NGOs und Regierungen nicht so gut international vernetzt, wie es diese Banden sind.

Wie arbeitet Ihre Stiftung, die Somaly Mam Foundation?
Unser Ziel ist es, Kinder aus der Sexsklaverei zu retten. Wir gehen in die Bordelle und sprechen mit den Mädchen, die dort arbeiten müssen. Wir zeigen ihnen Alternativen auf und stellen ihnen medizinische Versorgung und eine Unterkunft zur Verfügung. Gleichzeitig bieten wir ihnen eine schulische und handwerkliche Ausbildung an. Diese Kinder wollen ja ein normales Leben führen, in die Schule gehen und in einer Familie leben. Durch unsere finanzielle Unterstützung können wir den Mädchen ein anderes Leben bieten.

Wie lange bleiben die Mädchen bei Ihnen?
Sie kommen zunächst für drei Monate und können Vertrauen aufbauen. Das ist sehr wichtig. Sie entscheiden, ob sie bleiben wollen oder in ihre Familien zurückkehren. Wenn sie dann unsere Einrichtung verlassen, halten wir Kontakt und bieten für weitere drei Jahre psychologische und medizinische Hilfe an. Einige der Mädchen arbeiten dann in unserer Stiftung mit. Unser Programm »Überlebende helfen Überlebenden« ist sehr erfolgreich. Die Mädchen, die früher Opfer der Sexsklaverei wurden, haben nun die Möglichkeit, anderen Mädchen zu helfen. Ich glaube an die Kraft der Überlebenden. Denn natürlich sprechen die Kindersklaven eher mit einer Überlebenden, weil sie hier Vertrauen haben können und vor Augen geführt bekommen, dass es einen Ausweg gibt. Wir arbeiten seit zwölf Jahren mit unserer Organisation und konnten etwa 5.000 Mädchen retten.

Welche Rolle spielt Armut?
Es gibt eine klare Verbindung zwischen Armut und Kinderhandel. Manche Familien in Kambodscha sind so arm, dass sie ihre Kinder verkaufen müssen. Gleichzeitig bewirken die Menschenrechtsverletzungen, dass diese Kinder, vor allem die Mädchen, weiterhin in Armut leben müssen. Wir müssen diesen Teufelskreis durchbrechen, und Bildung spielt dabei eine wichtige Rolle. Solange die Eltern viel Geld für die Ausbildung der Kinder aufbringen müssen, und solange Mädchen gegenüber Jungen benachteiligt werden, wird dieses Problem bestehen bleiben. Wir brauchen eine neue Politik. Zudem muss sich auch die Mentalität der Gesellschaft ändern, um der Ungleichheit zwischen Jungen und Mädchen ein Ende zu bereiten.

Was muss dafür getan werden?
Die asiatischen oder auch afrikanischen Regierungen müssen für dieses Problem sensibilisiert werden. Wir brauchen Zeugenschutzprogramme zum Schutz der Opfer. Gleichzeitig müssen strenge Gesetze erlassen werden, die die Männer zur Rechenschaft ziehen. Es wurde in der Vergangenheit schon zu viel geredet und zu wenig gehandelt. Dabei sind die Fakten klar. Doch es hat sich fast nichts geändert. Wir sind manchmal ermüdet, denn wir kämpfen jeden Tag gegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen. Wir müssen die Kinder in unseren Unterkünften verpflegen. Die Politik unternimmt einfach zu wenig, um dieses Problem zu lösen.

Könnte die internationale Gemeinschaft hier helfen?
In den letzten Jahren wurde viel über dieses Problem, das sich in Kambodscha, Laos und Vietnam ähnlich darstellt, gesprochen. Jetzt müssen Taten folgen. Natürlich können wir hundert Mädchen aus den Bordellen herausholen. Doch solange sich nichts an der Durchsetzung des Rechts ändert, solange Korruption und Armut herrschen, werden hundert neue Mädchen in die Prostitution gezwungen. Es handelt sich hier um organisiertes Verbrechen. Und dagegen muss sich die internationale Staatengemeinschaft zur Wehr setzen. Zu einem ehrlichen Engagement gehört, dass die westlichen Staaten die Männer, die Kinder in Bordellen missbrauchen, auch in ihren Heimatländern zur Rechenschaft ziehen. Notfalls müssen für die extraterritoriale Strafverfolgung Gesetze geändert werden. Wenn Sex mit Kindern in den westlichen Staaten verboten ist, dürfen Männer nicht straffrei ausgehen, die deswegen in Entwicklungsländer fahren.

Wie können Menschen im Ausland Sie unterstützen?
Das werde ich oft gefragt. Natürlich brauchen wir immer finanzielle Unterstützung. Aber auch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit können hilfreich sein. Tourismusunternehmen sollten angesprochen werden, um auf das Problem der Kinderprostitution aufmerksam zu machen. Nur wenn wir international zusammenarbeiten, jeder an seinem Ort, können wir dem Problem beikommen. Man kann auch mit unserer Stiftung Kontakt aufnehmen. Über www.somaly.org. Jede Postkarte oder E-Mail mit einem Gruß ist eine große psychologische Unterstützung für uns. Wenn die Mädchen sehen, dass irgendwo auf der Welt jemand an sie denkt, hilft ihnen das enorm.

Interview: Ali Al-Nasani

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