Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 12. Februar 2010

Die Freiheit der Bühne

Das Freedom Theatre im palästinensischen ­Flüchtlingslager Jenin bietet den Kindern der Besatzung einen Raum, ihre täglichen Erfahrungen mit Gewalt und Ohnmacht zu verarbeiten.

Sieben junge Männer, zwei Frauen. Sie feiern eine Hochzeit, eine palästinensische Hochzeit. Selbstbewusst springen die beiden weiß gekleideten Tänzerinnen durch den dezent beleuchteten Raum, bis sie von den ­aggressiven Bewegungen ihrer männlichen Gefährten in die Schranken gewiesen werden. Schreie unterbrechen das Spektakel. Ein Mann wird über die Bühne getragen – ein Märtyrer, im Kampf gestorben. Dann marschieren Soldaten auf, ihr Gruß weist sie als Israelis aus: »Shalom.« Alle springen auseinander.

Fragmente aus Palästina, Alltag in einem besetzten Land, inszeniert von den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern des Freedom Theatre aus dem Flüchtlingslager Jenin. Mit ausdrucksvollen Bewegungen zeichnen sie nach, was ihr Leben im Westjordanland bestimmt: die Fesseln, mit denen Frauen in der patriarchalen palästinensischen Gesellschaft leben müssen, die Verzweiflung und die ständigen Auseinandersetzungen mit den israelischen Soldaten.

Doch dem Freiheitstheater geht es um mehr als Aufklärung. Kinder und Jugendliche, die unter den elenden Bedingungen des Lagers aufgewachsen sind, sollen auf der Bühne neues Selbstvertrauen erlangen. Schauspiel als Therapie: Hier können sie die alltäglichen Demütigungen, ihre Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen verarbeiten.

Mitten im Flüchtlingslager, in dem rund 16.000 Menschen auf engstem Raum leben, bietet das Freedom Theatre Platz für Workshops, Fotokurse und Körperakrobatik. Aber im Mittelpunkt des Projekts steht die Theaterschule. Dort haben junge Männer und Frauen die Möglichkeit, professionelles Schauspiel zu lernen. Mit ihrem Stück »Fragments of Palestine« waren sie im vergangenen Herbst sogar zwei Monate auf Deutschlandtournee.

»Es geht darum, unsere eigene Identität wiederzufinden: Wer sind wir, woher kommen wir«, erklärt Theaterdirektor Juliano Mer Khamis. Eine Frage, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielt. Aufgewachsen in Israel, lebt der Sohn einer jüdischen Menschenrechtlerin und eines kommunistischen Palästinensers heute in Jenin. Dort hatte seine mittlerweile verstorbene Mutter Arna Mer, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, bereits in den achtziger Jahren ein Kindertheater gegründet, das 2002 bei einem Angriff der israelischen Armee zerstört wurde. Vier Jahre später baute Mer Khamis das Projekt als Freedom Theatre wieder auf.

Der gelernte Schauspieler tritt entschlossen für die Sache der Palästinenser ein. »Wir bilden Leute aus, die als Künstler für die Befreiung kämpfen können«, erklärt er. Das klingt zunächst zwiespältig, schließlich stammen gerade aus Jenin viele, die sich in Israel in Selbstmordattacken in die Luft sprengten. Doch das Freedom Theatre setzt nicht auf Terror. Im Gegenteil, Mer Khamis verweist darauf, dass einer seiner Studenten vor Jahren auf der Anwärterliste für Selbstmordattentate gestanden habe: »Heute ist er ein Schauspieler, das ist ein großer Erfolg unseres Projekts.«

Täglich bekommt das Freedom Theatre aber auch die Grenzen der konservativen palästinensischen Gesellschaft zu spüren. »Es war sehr schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass wir als Frauen auf der Bühne stehen«, erklärt Batool Taleb. Die 19-Jährige ist seit 35 Jahren die erste Schauspielerin in der Region. »Unsere Tradition macht es schwierig, uns von den Männern zu emanzipieren«, sagt sie. Das Theater gebe ihr die Möglichkeit dazu. »Das ist eine für die palästinensische Gesellschaft einzigartige Form der Konfliktbewältigung«, sagt Martin Glasenapp von der Gesundheitsorganisation Medico International, die das Freedom Theatre unterstützt.

Auf der Bühne haben sich die weiß gekleideten Tänzer indes wieder zusammengefunden, das »Shalom« ist einem Gedicht des palästinensischen Dichters Machmud Darwisch gewichen: »Ich bin von hier, und hier ist hier, und ich bin ich, und hier bin ich und ich bin hier.«

Von Wolf-Dieter Vogel.
Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

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