Amnesty Journal 11. Januar 2011

Spiel mit und ohne Grenzen

Computerspiele sind angesagt, aus Sicht von ­Menschenrechtlern jedoch problematisch: »Ego-­Shooter« sind dumm und brutal, pädagogische ­»Serious Games« gut gemeint und langweilig. ­»Frontiers« versucht einen neuen Weg – das
digitale Spiel zielt darauf ab, die Festung Europa zu ­überwinden.

Von Maik Söhler

Man muss kein Menschenrechtler sein, um nach dem Konsum von Computer- und Videospielen wie »Killzone« die am Bildschirm erlebte Gewalt abstoßend zu finden und zu der Erkenntnis zu kommen: »Stumpf ist Trumpf!« Man muss aber auch kein Videospieler sein, um zu begreifen, dass spielerische Virtualität und gesellschaftliche Realität nicht deckungsgleich sind. Die Reihe der Un- und Missverständnisse zwischen Videospielern und Menschenrechtlern ist jedenfalls lang und wird mit jedem neuen Ballerspiel länger.

Weil sich aber Videospiele als Medium von Jugendlichen und jungen Erwachsenen weiterhin wachsender Beliebtheit erfreuen, gibt es schon seit geraumer Zeit ein Spiele-Genre, das die Schnittstelle zwischen Spielern und Kritikern von digitalen Spielen bilden will: Serious Games. Darunter versteht man alle Spiele, die nicht ausschließlich der Unterhaltung dienen wollen. Die Angebote reichen von Flugsimulatoren über soziale oder politische Rollenspiele bis hin zu Games, die kranke oder alte Menschen zur Bewegung ermuntern. Der Einsatz der Spielkonsole Wii von Nintendo samt der vielen Sportspiele gehört in Kliniken und Altenheimen zwar noch nicht zum Standard, hat aber bereits dazu geführt, dass in Seniorenstiften Wii-Bowling-Meisterschaften durchgeführt werden.

Serious Games sind – wie andere digitale Spiele auch – nicht per se gut oder schlecht. Schüler können in die Rollen unterschiedlicher politischer Akteure schlüpfen und sich so spielerisch ein eigenes Bild von komplizierten Konflikten machen; sei es im Nahen Osten und in Lateinamerika, wie in der »Global Conflicts«-Reihe, oder im Sudan, wie in »Darfur Is Dying«. Doch auch »America’s Army«, eine Trainingssimulation zur Ausbildung und Rekrutierung von Soldaten, oder »Virtuelles Training für Polizeieinsatzkräfte« werden als Serious Games geführt.

»Frontiers – You’ve Reached Fortress Europe«
Das Jahr 2010 hat viele neue Serious Games hervorgebracht. Manche lassen sich im Internet spielen, andere müssen auf dem PC installiert werden, weitere laufen nur in der Spielkonsole oder als App auf Smartphones. So unterschiedlich die Spielvoraussetzungen, so unterschiedlich sind die Spiele selbst. Nur eines haben die meisten von ihnen gemeinsam: Von Pädagogen und Politikern häufig hochgelobt und nicht selten auch ausgezeichnet, stoßen sie bei vielen Spielern auf Desinteresse – zu didaktisch, zu konstruiert, zu langweilig, heißt es in Spielerforen.

Genau an dieser Stelle setzt »Frontiers« an, ein neues Serious Game, das seit Juni in einer Test- und seit November in einer vollständigen Version zur Verfügung steht. Der vollständige Name des Spiels macht deutlich, worum es geht: »Frontiers – You’ve Reached Fortress Europe«. Im Zentrum stehen die Grenzen der Festung Europa, die so mancher Flüchtling aus Afrika oder Asien gern überwinden möchte, woran ihn die technische und polizeiliche Macht Europas zu hindern versucht.

Der Spieler ist Teil eines Teams und kann die Perspektive der Migranten wählen und mittels unterschiedlicher Taktiken wie Verstecken oder Bestechung versuchen, in die Festung zu gelangen. Dabei erhält er Punkte. Der Spieler kann aber auch die Perspektive des Grenzpolizisten einnehmen und alles unternehmen, um Flüchtlinge fernzuhalten. Keine der beiden Rollen ist einfach zu spielen. Schnell wird deutlich, dass es um das (Über-) Leben von Menschen geht. Greift der Grenzbeamte im Spiel zur Waffe, so hat er die Wahl zwischen Warnschüssen und Schüssen auf sein Gegenüber. Trifft er den Flüchtling, so wird das Ansehen seines Landes beschädigt und es gibt Punktabzug.

Die Produzenten von »Frontiers«, die Salzburger Künstlergruppe »Gold Extra«, haben sich dabei auch an eine Zielgruppe gewandt, die »sich sonst eher weniger mit der Thematik Flucht ­befasst«, wie Tobias Hammerle, einer der Produzenten, erklärt: Spieler von Ego-Shootern. Genauer, die Spieler des seit 1998 in diversen Modifikationen spielbaren Ego-Shooters »Half-Life«. Eine dieser Modifikationen ist das umstrittene Spiel »Counter-Strike«, das in keiner Debatte um eventuelle negative Auswirkungen von digitalen Spielen als Beispiel fehlt.

Interessant an »Frontiers« ist die Grafik, die realen Orten und Situationen nachgebildet ist, sowie der Ansatz, Hardcore-Spieler auf ein gesellschaftskritisches Game neugierig zu machen. Auch umgekehrt kann der Weg führen: Denn ohne »Half-Life 2« gibt es kein »Frontiers«. Wer das Flüchtlingsspiel spielen will, braucht dazu die Software des klassischen Ego-Shooters, den er online kaufen und installieren muss. Zum Spiel von »Half-Life 2« gezwungen ist niemand, doch die Gelegenheit wäre da.

Gleichzeitig werden die »Half-Life«-Spieler ermutigt, »in unsere Community reinzugehen und unser Spiel auszuprobieren«, sagt Hammerle. Der Rückgriff auf die Software des Shooters erfolgte aus Kostengründen, alles selbst zu programmieren, wäre zu teuer und aufwendig gewesen. Die bei dieser Verflechtung auftretenden Spieler-Irritationen dürfte »Gold Extra« bewusst kalkuliert haben.

»Überraschend positiv« seien die Reaktionen auf das Spiel gewesen, betont Hammerle. Zahlreiche NGOs und Schulen ließen sich das Game vorführen, auch die Amnesty-Gruppe Lüneburg holte sich von »Gold Extra« die Erlaubnis für eine Präsentation. Auf der Gamer-Webseite MODDB.com findet sich ebenfalls viel Zuspruch für die Grafik und die spielerische Realisierung eines sensiblen Themas.
Es habe allerdings auch Kritik gegeben, meint Hammerle. Manchmal sei bei der umfangreichen Recherche in Nordafrika von Flüchtlingen die Frage gestellt worden, ob es nicht grundsätzlich zynisch sei, den Kampf ums Überleben in einem Spiel darzustellen. Weitere Einwände gab es zur nicht unumstrittenen Entscheidung von »Gold Extra«, in »Frontiers« auch Waffen zuzulassen. Hammerle verteidigt diesen Entschluss: »Es ist eine moralische Entscheidung, Waffen zu benutzen oder nicht zu benutzen. Aber diese Entscheidung macht nur dann Sinn, wenn Waffen im Spiel überhaupt vorhanden sind.«

Die Salzburger Künstlergruppe hat aus der Produktion von Frontiers viel gelernt, Flucht und Grenzen will man sich weiterhin zuwenden. Ein neues Spiel sei in Planung, Arbeitstitel: »From Darkness«, Thema: medial vergessene Konfliktzonen heutiger Flüchtlingsländer. Das Spiel soll 2014 erscheinen.

Frontiers: www.frontiers-game.com
Global Conflicts: www.globalconflicts.eu
Darfur is dying: www.darfurisdying.com

Der Autor ist Onlinejournalist in Berlin.

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