Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 19. November 2010

Der Krieg der iPods

Die US-Armee setzte in Guantánamo und anderen Gefängnissen auch Musik als Folterinstrument ein

Die US-Armee setzte in Guantánamo und anderen Gefängnissen auch Musik als Folterinstrument ein

In ihrem »Krieg gegen den Terror« verwendete die US-Armee verschiedene Methoden, um Verdächtige gefügig zu machen. In Guantánamo und anderen Gefängnissen wurde auch Musik als Folterinstrument eingesetzt – ohrenbetäubend laut und manchmal ­tagelang, bis die Opfer jede Orientierung verloren.

Von Tobias Rapp

Im Frühjahr 2003 wird Ruhal Ahmed aus seiner Zelle im Block Delta des Militärgefängnisses von Guantánamo geholt und in eine Verhörzelle gebracht. Er muss sich hinhocken, der Militärpolizist, der ihn geholt hat, fesselt seine Fußschellen an einen Ring im Boden, seine Arme müssen die Beine von hinten umfassen, dann werden seine Handschellen ebenfalls am Bodenring befestigt. Eine sogenannte »stress po­sition«: Der Gefangene kann nicht sitzen, nicht stehen, nicht knien. Er kann nur in einer Zwischenposition kauern, rasch ­bekommt er Krämpfe. Ahmed kennt die Prozedur, sie ist Teil der so genannten »standard operating procedure«, schmerzhafte Fesselungen gehören zur normalen Verhörvorbereitung.

Er ist schon über ein Jahr in Guantánamo, über Wochen musste er immer wieder die gleichen Fragen beantworten, was er und seine zwei Freunde, die mit ihm gefangen genommen worden waren, im Herbst 2001 in Afghanistan gemacht hätten. Alle drei sind Engländer muslimischer Herkunft, Ahmeds Familie kommt aus Bangladesch. Die »Tipton Three« werden sie genannt, nach ihrem Herkunftsstädtchen in der Nähe von Birmingham in Nordengland. Bei diesem Verhör steht allerdings ein Ghettoblaster in der rund zehn Quadratmeter großen Zelle. Der Soldat macht eine Eminem-CD an. Sehr laut. Dann geht er.

Die Musik läuft stundenlang, manchmal tagelang, in ohrenbetäubender Lautstärke. Und nicht nur das. Manchmal bekommt er noch ein Stroboskop vor das Gesicht gestellt. Die Zelle ist dunkel, das Gerät schießt ihm Blitze in die Augen. Zusätzlich regeln die Verhörspezialisten oft die Klimaanlage nach unten. Über Stunden muss er in eisiger Kälte ausharren. Er kann nicht auf die Toilette gehen, muss es einfach laufen lassen, um dann stundenlang in seinem Urin oder seinen Exkrementen zu kauern. In Stresspositionen. Die Fesseln lassen die Beine anschwellen. Bei Musik, die ihn anbrüllt.

Ruhal Ahmed ist nicht der Einzige. Viele Gefangene des »Kriegs gegen den Terror« erzählen ähnliche Geschichten. Ausgerechnet Musik, die Kunstform, die in den vergangenen Jahrzehnten am häufigsten und wirksamsten zur Weltverbesserung eingesetzt wurde – von Woodstock über »Rock gegen Rechts« bis zu »Live8«, ist zum Mittel im »Krieg gegen den Terror« geworden.

Nicht nur, weil mit Musik gefoltert wird. Wenn der Vietnam-Krieg als der erste »Rock’n’Roll-Krieg« gilt, weil die Musik von den Doors und Jimi Hendrix überall aus den Transistorradios schepperte, ist der »Krieg gegen den Terror« der erste iPod-Krieg. Fast jeder Soldat hat ein solches Gerät. Viele nutzen Musik als Gefühlsverstärker: Sie hören aggressive Musik, um sich aufzuputschen, bevor sie auf Patrouille fahren, und ruhige Musik, um danach wieder runterzukommen. Das ist wahrscheinlich normal, in einer Welt, in der Musik omnipräsent ist. Dass Musik aber auch Folter sein kann, ist trotzdem nur schwer vorstellbar.

»Wenn ich Leuten erzähle, dass Musik Folter sein kann, schauen sie mich an und denken, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank«, sagt Ruhal Ahmed heute. Er wurde im März 2004 freigelassen und lebt nun wieder in England. »Wie kann eine Kunst, die so viel Freude macht, Folter sein? Aber so ist das: Normale Folter kann man aushalten. Musikfolter nicht. Ich habe alles gestanden, was von mir verlangt wurde. Dass ich Bin Laden und Mullah Omar kenne. Dass ich weiß, was ihre Pläne sind. Alles. Nur damit es aufhört.«

In Guantánamo, in Afghanistan, im Irak und in anderen amerikanischen Geheimgefängnissen haben US-Soldaten und Geheimdienstleute Terrorverdächtige gefoltert. Waterboarding und Schlafentzug gehörten zu ihren Methoden und auch laute Musik. Gefangene wurden tagelang an den Handgelenken aufgehängt und mit den Beats von Dr. Dre beschallt. Sie wurden ­gefesselt und bekamen Kopfhörer aufgesetzt, über die Meat Loaf lief, stundenlang. Sie wurden in Holzkisten gesteckt und mussten nächtelang »Saturday Night Fever« von den Bee Gees ertragen.

Es gibt seit langem eine Verbindung zwischen Krieg und ­Musik. Von den Posaunen, die angeblich die Mauern von Jericho zum Einsturz brachten, über die Militärkapellen, die den Armeen des 19. Jahrhunderts halfen, ihre Gewaltmärsche zu absolvieren, bis zu den Boxentürmen, die die US-Einheiten im irakischen Falludscha aufstellten, um die islamistischen Kämpfer mit AC/DCs »Highway To Hell« in die Flucht zu schlagen.
 
Die Geheimgeschichte von Musik und Folter reicht in die fünfziger Jahre zurück. Was die Verhörspezialisten – damals wie heute – erreichen wollen ist klar: Es geht darum, den Gefangenen zu »brechen«. Wie das genau funktioniert, hat die US-amerikanische Regierung gemeinsam mit britischen und kanadischen Behörden während des Kalten Krieges erforschen lassen.

KUBARK hieß damals das Verhör-Handbuch der CIA, das festlegte, wie mit Gefangenen umzugehen ist, ihm waren Forschungen vorausgegangen. Zwar verbot die US-Armee seine Verwendung nach dem Ende des Vietnamkriegs. In anderer Form wurde das Wissen jedoch weitergetragen: In einem Programm namens SERE (»Survive, Evade, Resist, Escape«) wird Mitgliedern von ­Eliteeinheiten bis heute beigebracht, wie sie der Folter nach ­einer Gefangenennahme widerstehen können. Etwa im Fall ­eines Absturzes hinter feindlichen Linien.

Tatsächlich war es dann auch ein Psychologe des SERE-Programms, der im Winter 2001 von der CIA beauftragt wurde, Verhörmethoden für den »War On Terror« zu entwickeln. Im Sommer 2002 autorisierte George W. Bush die »speziellen Verhörmethoden«. Den Gefangenen über lange Zeiträume mit lauter Musik zu beschallen, oft in Kombination mit anderen Qualen – unbequemen Fesselungen, extremen Temperaturen oder Lichteffekten – ist dabei ein wichtiger Teil.

Die Methode wird auch »no-touch torture« genannt. Sie hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Auf den ersten Blick erschließt sich nicht, warum eigentlich mit Musik gefoltert wurde und nicht mit reinem Krach. Tatsächlich treffen sich in der Musikfolter aber Kultur und Krieg: Oft folgte die Musikfolter einer Strategie der kulturellen Demütigung. Für streng gläubige Muslime kann es Sünde sein, bestimmte Musik, wie zum Beispiel Heavy Metal, zu hören. Außerdem kriecht die Musik in anderer Weise in das Bewusstsein des Gefolterten. Manche Gefangenen berichten, die Musik hätte sich als Ohrwurm bei ihnen festgesetzt.

Die Regierung Obama nahm als eine ihrer ersten Amtshandlungen dieses Dekret zurück. Ob man sich aber wirklich überall daran hält, ist unklar. Auf der Air Base von Bagram, einem Teil des Kabuler Flughafens, den die Amerikaner kontrollieren, befindet sich immer noch ein Militärgefängnis, in dem Gefangene interniert sind. Ab und zu darf das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ihn betreten. Aber wie die CIA heute an ihre Informationen kommt, wissen nur die Beteiligten.

»Es fühlt sich an, als hätte man sehr starke Migräne, und dann kommt jemand und schreit dich an – multipliziert mal tausend«, sagt Ruhal Ahmed. »Du kannst dich nicht konzentrieren, auf nichts. Vorher, wenn ich verprügelt wurde, konnte ich mich oft vom Schmerz wegfantasieren und an andere Dinge denken. Aber mit der Musik verliert man jede Richtung. Die ­Musik übernimmt dein Gehirn. Du verlierst die Kontrolle und fängst an, zu halluzinieren. Du wirst an eine Grenze gestoßen und merkst, dass dahinter der Wahnsinn lauert. Eine Grenze, hinter der es, wenn man sie einmal überschritten hat, kein ­Zurück mehr gibt. Diese Grenze habe ich mehrfach gespürt.«

Für den Gefolterten ist es ziemlich gleichgültig, welche ­Musik gespielt wird, das sagen übereinstimmend fast alle, die dieser Qual ausgesetzt worden sind. Entscheidend ist, dass man den Anfang und das Ende der Qual nicht bestimmen kann. Die potentielle Unendlichkeit ist das, was die Folter ausmacht. Man verliert die Herrschaft über die Zeit, damit verliert man die Herrschaft über sein Leben.

Aus den Aussagen der Gefangenen lässt sich die Folter-Playlist rekonstruieren. Sie umfasst Stücke von AC/DC, Aerosmith, The Bee Gees, Britney Spears, Bruce Springsteen, Christina Aguilera, David Gray, Deicide, Don McLean, Dope, Dr. Dre, Drowning Pool, Eminem, Hed P. E., James Taylor, Limp Bizkit, Marilyn Manson, Matchbox Twenty, Meat Loaf, Metallica, Neil Diamond, Nine Inch Nails, Pink, Prince, Queen, Rage Against the Machine, Red Hot Chili Peppers, Redman, Saliva, die »Sesamstraße«-Musik, Stanley Brothers, die amerikanische Nationalhymne, Tupac Shakur und den »Meow Mix«-Jingle (eine Katzenfutterwerbung).

US-Bürgerrechtsorganisationen haben diese Liste zusammengetragen. Ihnen geht es dabei nicht in erster Linie um den Schutz künstlerischer Werke. Sie haben vor allem die am »Krieg gegen den Terror« beteiligten Regierungsbehörden auf Herausgabe der Akten verklagt, in denen die Namen dieser Bands vorkommen. Der »Freedom of Information Act« sieht ­diese Möglichkeit vor. Es ist ein Spielstein in ihrem Kampf gegen ebenjenen Krieg – denn, je mehr Akten offengelegt werden, desto mehr Einsicht hat man in die Mechanismen des Krieges, desto leichter kann man Verantwortliche dingfest machen.

Es ist ein zähes Hin und Her, meistens dauert die Öffnung der Akten Monate, manchmal Jahre. Druck durch die Öffentlichkeit, Unterstützung durch Künstler hilft da natürlich. Aber es geht eigentlich nicht um die Musik selbst. Es geht um Aufklärung.

Einige Musiker sind stolz darauf, dass ihre Musik zur Folter eingesetzt wird, wie der Sänger von Drowning Pool, der sagte: »Ein paar Stunden laute Musik hören? Ich kann daran nichts Schlimmes finden, in den USA bezahlen Kids dafür.« Auch die US-amerikanische Metal-Band Metallica gehört dazu. In Interviews freute sich ihr Sänger James Hetfield darüber, dass seine Musik eingesetzt wird, um Gefangene zu quälen. Hetfield sieht sich als jemand, der den US-Truppen dabei hilft, den Feind zu besiegen. »Wir haben unsere Eltern, unsere Ehefrauen, die Menschen, die wir lieben, schon immer mit dieser Musik bestraft. Warum sollte es den Irakern anders gehen?«, sagte er. »Ein Teil von mir ist sogar stolz. Hey, sie haben Metallica ausgewählt!«

Andere wehren sich dagegen. »Dass unsere Musik auf diese barbarische Weise missbraucht worden ist, finde ich ekelhaft«, sagte Tom Morello, Gitarrist der linken Band Rage Against The Machine dem amerikanischen Musikmagazin Spin. »Wenn man weiß, wofür wir ideologisch stehen, ist das schwer zu ertragen.« Morello ist mit seiner Band in den orange-farbenen Overalls aufgetreten, die die Gefangenen in Guantánamo tragen. Oder Massive Attack, die Ruhal Ahmed in einem ihrer letzten Videos Raum gaben, um davon zu erzählen, wie es ist, mit Musik gefoltert zu werden.

Der Autor ist Kulturredakteur beim »Spiegel«.

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