Amnesty Journal 07. Januar 2011

Blinder Fleck

Die Zensur von Musik und die Unterdrückung von Musikern weist eine
Tradition auf, die von der Antike über den Nationalsozialismus bis in
die Gegenwart reicht. Die dänische Organisation "Freemuse" unterstützt
verfolgte Musiker weltweit
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Von Daniel Bax

Ich habe mich entschieden, vorerst in Mali zu bleiben", ­erklärt der ivorische Reggae-Star Tiken Jah Fakoly. "Meine Freunde und meine Familie wollen zwar gerne, dass ich wieder nach Côte d’Ivoire zurückkehre. Und die Dinge ­haben sich dort seit dem Friedensvertrag von 2007 ja auch geändert", räumt er ein. Tatsächlich nahm der Musiker damals sogar an dem großen Versöhnungskonzert in der Hauptstadt Abidjan teil. "Aber ich konnte mich bisher nicht zu einer endgültigen Rückkehr durchringen", gibt er zu. "Vielleicht sage ich ja etwas Falsches, und dann gibt es wieder Ärger?"

Tiken Jah Fakoly zählt in Westafrikas Musikszene zu den ganz Großen. Doch als die bürgerkriegsähnlichen Wirren in ­seinem Heimatland Côte d’Ivoire im Jahr 2002 eskalierten und Freunde von ihm von anonymen Banden ermordet wurden, flüchtete er ins benachbarte Mali, wo er politisches Asyl erhielt und bis heute lebt. Mit seinen kritischen Texten, in denen er die Korruption der politischen Klasse anprangert oder an anderen Tabuthemen kratzt, ist der Reggae-Musiker mit der Reibeisenstimme in seiner Region schon häufig angeeckt. Ob die Käuflichkeit religiöser Autoritäten, die europäische Einwanderungspolitik oder die weibliche Genitalverstümmelung in Westafrika – ­Tiken Jah Fakoly lässt kein heißes Eisen aus. Die Reaktionen ­ließen dann auch meist nicht lange auf sich warten. Mal waren ­seine Songs im Tschad auf dem Index, mal in Guinea. Selbst im vergleichsweise demokratischen Senegal galt er 2007 eine Weile lang als Persona non grata, nachdem er es gewagt hatte, den Präsidenten des Landes öffentlich zu kritisieren.

Tiken Jah Fakoly war der erste Künstler, der mit dem "Freemuse Award" ausgezeichnet wurde. Er erhielt den Preis im März 2008 in Oslo für seine Rolle als Kämpfer für künstlerische Ausdrucksfreiheit und Streiter gegen jede Form der Unterdrückung und Zensur, wie es in der Begründung hieß. Der "Freemuse Award" ist die jüngste Idee, mit der die Menschenrechtsorganisation "Freemuse" die Öffentlichkeit für das Thema "Musik und Meinungsfreiheit" sensibilisieren will.

Ein Thema, das oft viel zu kurz kommt, meint die Direktorin der ­Organisation, Marie Korpe. "Musiker sind genauso wichtig wie Journalisten: Sie sprechen für jene, die sich nicht selbst ausdrücken können. Gerade in Ländern, in denen viele Menschen weder lesen noch schreiben können, spielen sie eine große Rolle. Und sie unterliegen manchmal weniger Beschränkungen als jene, die sich allein in staatlich kontrollierten Medien äußern können." Doch wenn es darum gehe, auf ihre Verfolgung und Unterdrückung aufmerksam zu machen, seien sie gegenüber ­ihren schreibenden Kollegen im Nachteil. "Das Thema Kunstfreiheit genießt bei vielen klassischen Menschenrechtsorgani­sationen keine so hohe Priorität", so ihre Einschätzung. Und ihr Kollege Ole Reitov, Programmdirektor von "Freemuse", sekundiert: "Zensur von Musik scheint so etwas wie ein blinder Fleck zu sein."

Freemuse wurde 1999 gegründet, um das zu ändern. "Wir sind die einzige Organisation, die sich gezielt um verfolgte ­Musiker kümmert", betont Marie Korpe. Freemuse möchte für verfolgte Musiker gerne das sein, was der internationale PEN-Club für verfolgte Schriftsteller und Reporter ohne Grenzen für die Presse ist: eine weltweit agierende Organisation von Musikern, die sich für bedrängte Musiker in aller Welt einsetzt. Beim Start half einst das dänische Außenministerium, heute finanziert sich die Mitgliederorganisation aus diversen privaten und öffentlichen Töpfen. Ihre Arbeit betrachten die Freemuse-Aktivisten als notwendige Ergänzung zu klassischen Menschenrechtsorganisationen.

Zu diesem Zweck dokumentiert die Organisation, die in Kopenhagen ihren Sitz hat, akribisch alle Fälle von staatlicher Willkür, juristischer Verfolgung, persönlicher Drangsalierung und gewaltsamer Einschüchterung bis hin zur Ermordung von Musikern, die sie in Erfahrung bringt, und macht sie einer möglichst breiten Öffentlichkeit bekannt. Darüber hinaus setzt sie sich ­aktiv für bedrohte Musiker ein, nimmt etwa als Beobachter an laufenden Gerichtsverfahren teil und organisiert internationale Unterstützung für sie. "Für viele Künstler ist es schwierig, wenn sie angeklagt werden", sagt Ole Reitov. "Sie müssen einen Anwalt engagieren und verlieren viel Zeit und Geld mit den Verfahren. Da versuchen wir zu helfen."
Auf der Website von Freemuse werden Fälle von Zensur und Verfolgung genannt. So zum Beispiel der des bekannten Sängers Lapiro de Mbanga, der bereits seit zwei Jahren in Kamerun im Gefängnis sitzt, weil er sich die Freiheit nahm, ein freches Spottlied auf den Präsidenten seines Landes, Paul Biya, zu singen. Sein Song "Constitution Constipée" avancierte zur Hymne jener Demonstranten, die 2008 in Kamerun gegen eine Verfassungsänderung auf die Straße gingen, die es dem Präsidenten ermöglichen sollte, noch länger im Amt zu bleiben.

Auch der kurdische Musiker Ferhat Tunc muss sich seit Jahren immer wieder vor türkischen Gerichten verantworten. Obwohl die kurdische Sprache und kurdischer Gesang in der Türkei schon seit Mitte der neunziger Jahre offiziell erlaubt sind, findet der türkische Staat immer wieder Mittel und Wege, kurdischen Musikern das Leben schwer zu machen. Ferhat Tunc etwa wird die Unterstützung der PKK und ihrer separatistischen Bestrebungen vorgeworfen, seine Konzerte wurden von der Polizei ­gestört und der Musiker festgenommen.

Der afghanische Sänger Farhad Darya gilt als einer der bekanntesten und einflussreichsten Musiker seines Landes, seit er in den frühen achtziger Jahren dort seine ersten Aufnahmen machte. Während der Herrschaft der Taliban emigrierte er, kehrte aber nach dem Sturz des fundamentalistischen Regimes 2001 wieder aus den USA zurück; seine Stimme im Radio von Kabul kündete vom Anbruch einer neuen Zeit. Jüngst aber explodierte bei einem seiner Auftritte in der westafghanischen Stadt Herat eine Bombe, 13 Menschen wurden verletzt: ein Zeichen für das Vorrücken der Taliban auch in dieser Region.

Im Fall des kurdischen Sängers Ferhad Tunc wandte sich Freemuse in einem Brief an den türkischen Premier Erdoğan und an die Europäische Kommission in Ankara, zudem holte man sich Unterstützung durch den internationalen PEN-Club. "Von Fall zu Fall suchen wir andere Partner", erklärt Ole Reitov das Vorgehen: Mal kontaktiert man Berufsorganisationen wie den britischen Schauspielverband, mal Anwälte und Plattenfirmen in Frankreich. Für die Zukunft werden derzeit drei regio­nale Unterstützernetzwerke aufgebaut – für Afrika, den Nahen Osten und Südasien.
Zuletzt veröffentlichte Freemuse in diesem Jahr den CD-Sampler "Listen to the Banned" – der Titel spielt mit der Redewendung "Hör dir die Band an" und wandelt sie um in den ­Appell: "Hör dir die Zensierten an." Der Sampler versammelt Künstler, die in der einen oder anderen Weise mit Zensur zu kämpfen hatten, sowie Lieder, die in ihren jeweiligen Ländern für mächtig Ärger sorgten – zum Beispiel "Quitte le Pouvoir" von Tiken Jah Fakoly oder ein berühmtes Stück von Marcel Khalife, das dem Lautenspieler im Libanon einst ein Verfahren wegen Blasphemie einbrachte, weil er darin auch Zeilen aus dem Koran zitiert hatte. Es sind fast ausschließlich Künstler aus islamischen sowie afrikanischen Ländern, die auf "Listen to the Banned" zu hören sind, was der ausgesprochen liebevoll aufgemachten CD einen überraschend homogenen Charakter verleiht. Weil er so gut anzuhören ist, wurde der Sampler von führenden Radiojournalisten Europas nach seinem Erscheinen an die Spitze der Weltmusik-Radiocharts gewählt. Die Compilation macht deutlich, dass es durchaus nicht die schlechtesten Lieder sind, die da zensiert wurden.

Dabei ist die Zensur von Musik fast so alt wie die Musik selbst. Schon dem griechischen Philosophen Plato waren bestimmte Musikstile suspekt, auch dem orthodoxen Islam und den christlichen Kirchen waren viele musikalische Traditionen ein Graus. Von der Antike bis zur Neuzeit nahmen sich religiöse und weltliche Autoritäten das Recht, über den Musikgeschmack ihrer Mitmenschen zu richten, ihn zu kontrollieren und zu steuern.

Umfassend war die musikalische Zensur unter den totalitären Regimen des 20 Jahrhunderts. Während des Nationalsozialismus stand das gesamte musikalische Leben in Deutschland unter der Kontrolle der "Reichsmusikkammer", die vom Propagandaminister Joseph Goebbels beaufsichtigt wurde. Jüdische Folklore, jüdische Komponisten und amerikanische Unterhaltungsmusik galten bis 1945 als "Entartete Musik" und waren verboten, stattdessen wurden politisch genehme Künstler gefördert. Schon die musikalische Leidenschaft der Swing-Jugend und der Edelweißpiraten, die für ihren Protest gegen Hitler auch auf populäre Volkslieder der bündischen Jugend zurückgriffen, wurde als Form des Widerstands gesehen, die die Fans ins Gefängnis bringen konnte.

In den sozialistischen und kommunistischen Diktaturen des Ostblocks und anderswo waren nicht nur die Massenmedien, sondern auch die Produktion und der Vertrieb von Tonträgern gewöhnlich in staatlicher Hand: Das machte ein Musikleben jenseits der offiziellen Parteilinie praktisch unmöglich. Grenzgänger wie der 1980 verstorbene russische Songwriter Vladimir ­Vysotsky, der in der Sowjetunion zwar beim staatseigenen Plattenlabel Melodija veröffentlichen durfte, aber über Tabuthemen wie Prostitution und Verbrechen sang, blieben eine geduldete Ausnahme und avancierten dadurch schon zu Lebzeiten zur ­Legende.

Auch in anderen Ländern stiegen Musiker zu Volkshelden auf, weil sie durch die jeweiligen Machthaber verfolgt wurden. Seine Opposition zum Obristenregime ließ den Stern des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis nur noch heller strahlen. Die Generäle, die sich 1967 in Griechenland an die Macht putschten, verboten nicht nur seine Musik, sondern stellten auch den Besitz seiner Platten sowie das Hören und Singen seiner Lieder unter Strafe. Auch deshalb wird Theodorakis in Griechenland noch heute als eine nationale Ikone angesehen.

Vergleichbares gilt für den chilenischen Liedermacher Victor Jara, der 1973 im Fußballstadion von Santiago de Chile von den Schergen des Putsch-Generals Pinochet gefoltert und ermordet wurde. 30 Jahre später, im September 2003, wurde dieses Stadion von einer nunmehr demokratischen Regierung offiziell nach Jara benannt.

Die Militärdiktaturen, die in den siebziger Jahren in Lateinamerika herrschten, trieben damals ganze Musikgenres ins Exil – etwa die Stars der Tropicalia-Bewegung wie Caetano Veloso oder Gilberto Gil in Brasilien oder die führenden Vertreter des Nueva Canción in Argentinien und Chile. Sie konnten aber nicht verhindern, dass diese im Ausland dafür umso mehr Gehör fanden. Die Sängerin Mercedes Sosa etwa stieg im spanischen Exil zur Stimme des Widerstands gegen die argentinische Putschregierung auf – so wie schon zuvor die Sängerin Miriam Makeba in den USA an der Seite von Harry Belafonte zur führenden Aktivistin gegen das Apartheidregime in Südafrika wurde.

In den vergangenen Jahren ist es vor allem der radikale Islamismus, der viele Musiker bedroht – und manchen von ihnen das Leben gekostet hat. Während des algerischen Bürgerkriegs fielen im Jahr 1994 nicht nur der bekannte Rai-Produzent Rachid Baba Ahmed, sondern auch der populäre Sänger Cheb Hasni einem Attentat zum Opfer. Obwohl Hasni hauptsächlich romantische Liebesballaden sang, machte ihn das zur Zielscheibe. Vier Jahre später wurde in Algerien auch der kabylische Sänger Lounes Matoub, der als Star und Sprachrohr der Berber-Bevölkerung galt, von Unbekannten ermordet. Unklar ist bis heute, ob staatliche Stellen oder radikale Fundamentalisten dahinter standen. Und während der Terrorherrschaft der Taliban bestand in Afghanistan sogar quasi ein komplettes Musikverbot – ähnliche Verhältnisse streben radikale islamistische Gruppen derzeit offenbar auch in jenen Regionen Somalias oder Pakistans an, die sie kontrollieren. Auch der weltweite Umgang mit Heavy Metal, der in manchen Ländern des Nahen Ostens besonders stark verteufelt wird, findet bei Freemuse Beachtung.

"In bestimmten Regionen, etwa in Lateinamerika, hat sich die Situation in den letzten Dekaden spürbar verbessert", sagt Ole Reitov, "dafür sorgt der Aufstieg des religiösen Fundamentalismus für neue Probleme." Zudem richtet sich die Repression häufig gegen Angehörige von ethnischen Minderheiten, die auch sonst unterdrückt werden: gegen Uiguren und Tibeter in China, Kurden in der Türkei oder Musiker aus der West-Sahara in Marokko. Die gravierendsten Formen musikalischer Zensur finden sich aber noch immer in Diktaturen und autoritären ­Regimen wie in Simbabwe, Belarus oder Myanmar.

So startete Amnesty International im vergangenen Jahr eine Eilaktion für Igor Koktisch aus Belarus. Der Sänger der mittlerweile verbotenen Rockband "Mlechny Put" (Milchstraße) hatte sich immer wieder kritisch über das politische System in seinem Land geäußert und versucht, eine unabhängige Jugendorganisation zu gründen. Im Jahr 2001 wurde er unter merkwür­digen Umständen wegen Mordes angeklagt, aber wenig später freigesprochen, weil er nachweislich nicht an der Tat beteiligt gewesen sein konnte. Dennoch legte die Generalstaatsanwaltschaft Berufung gegen das Urteil ein – und erwirkte ein Auslieferungsgesuch an die Ukraine, wohin der Sänger nach dem ­Prozess gezogen war. Koktisch wurde erneut verhaftet und saß zweieinhalb Jahre in der Stadt Simferopol unter miserablen ­Bedingungen in Untersuchungshaft. Im Februar 2010 wurde er schließlich entlassen, nachdem der Europäische Gerichtshof ein entsprechendes Urteil erlassen hatte, das Koktisch auch Schadensersatz für seine Haft zusprach.

Doch nicht immer werden Musiker offensichtlich zensiert und unterdrückt. Vieles spielt sich in einer Grauzone von Marktzwängen und Konformitätsdruck ab, wie etwa im Fall der Dixie Chicks. Das weibliche Countrytrio aus den USA war bei patriotischen Radiosendern und christlichen Fundamentalisten während des Irakkriegs in Ungnade gefallen, weil es sich auf einer Europatournee von der Politik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush distanziert hatte.

"Man muss die Fälle immer im Verhältnis zum jeweiligen Land betrachten", sagt Ole Reitov, "den Fall der Dixie Chicks kann man natürlich nicht vergleichen mit der Zensur in Simbabwe." Selbst die Indizierung von rechtsradikalen Rockbands oder homophoben Reggaekünstlern wird von Freemuse notiert. "Man sollte immer skeptisch sein, wenn Musik zensiert wird", sagt Ole Reitov. "Aber wir sind keine Menschenrechts-Fundamentalisten. Warum sollen wir die Ausdrucksfreiheit von Leuten verteidigen, die anderen Menschen ihr Existenzrecht absprechen?"

Mehr unter: Freemuse.org
Sampler: "Listen to the Banned" (Grappa Musikverlag)

Der Autor ist Meinungsredakteur bei der taz.

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