Amnesty Journal Mali 06. April 2010

Gitarren statt Kalaschnikows

Die junge Tuareg-Band Tamikrest verbindet traditionelle Melodien mit Rock und Reggae. Sie artikuliert die Sehnsüchte der »Kel Tamashek«, die um ihre Unabhängigkeit kämpfen.

Von Daniel Bax

Als wir angefangen haben, kamen nur ein paar Leute, wenn wir spielten«, erzählt Ousmane Ag Moussa. »Aber mittlerweile hat sich unser Ruf in Mali und Algerien herumgesprochen.« Der 27-Jährige sitzt in einem Internet-Café mitten in der Sahara – genauer gesagt in Kidal, der Provinzhauptstadt der nordöstlichsten Region Malis, die an Algerien grenzt – und ist über Skype mit Deutschland verbunden. Die Verbindung ist schlecht, durch das laute Rauschen ist nicht immer alles gut zu verstehen. Aber so viel schon: »Wenn wir in Kidal spielen, dann ist das schon ein kleines Ereignis.«

Tamikrest sind die jüngsten Vertreter eines Genres, das man getrost als Tuareg-Rock bezeichnen kann. Mit elektrischen Gitarren greifen sie jahrhundertealte Melodien auf, die an den Lagerfeuern der Sahara-Nomaden von Generation zu Generation weitergegeben wurden, und verweben sie mit den Mustern der westlichen Rockmusik und lang gezogenen Reggae-Rhythmen zu einem neuen Stil. Die Texte kreisen um zeitlose Themen wie die Liebe, artikulieren aber auch das Unbehagen der Kel Tama­shek, wie sich die Tuareg selbst nennen, – die Leute, die Tama­shek sprechen. Sie verleihen den Gefühlen und Sehnsüchten eines Volkes Ausdruck, das in den vergangenen Jahrzehnten einen radikalen Wandel seiner Lebensweise durchmachen musste und sich durch die Entwicklungen und die politischen Realitäten in seinen Ländern an den Rand gedrängt und unterdrückt fühlt.

»Natürlich waren Tinariwen unsere Vorbilder«, erklärt Ousmane Ag Moussa. »Sie haben uns den Weg bereitet.« Die legendäre Tuareg-Band Tinariwen, deren Name so viel wie »Leerer Ort« bedeutet und auf ihre Herkunft aus der Wüste verweist, hat eine eigene Musikgattung begründet. Die Anfänge von Tinariwen lassen sich in ein Ausbildungslager zurückverfolgen, das der libysche Oberst al-Gaddafi Anfang der achtziger Jahre einrichten ließ.

Zu jener Zeit waren viele junge Tuareg vor der Dürre und dem politischen Druck in Niger und Mali gen Norden geflohen, nach Algerien und Libyen, wo sie sich als Tagelöhner ohne Perspektive durchschlugen. Der libysche Potentat hoffte, aus diesen Flüchtlingen eine schlagkräftige Söldnertruppe schmieden zu können, um damit seine territorialen Ambitionen im Tschad und anderswo zu befriedigen. Politisch hielt sich der Erfolg in Grenzen. Aber musikalisch hatte er eine durchschlagende Wirkung.

Anfangs waren die Musiker, die sich zur Keimzelle von Tinariwen formten, nicht viel mehr als ein Propaganda-Organ der Tuareg-Rebellengruppe »Mouvement Populaire de L‘Azawad« (MPA) im Norden Malis. Es ging ihnen darum, mit aufrührerischen Songs für die politischen Ziele dieser Bewegung zu werben und ihre Leute zum Aufstand gegen die Regierung anzustacheln. Auf Kassetten machten ihre Aufnahmen die Runde und verbreiteten ihren Ruf überall da, wo Tuareg lebten, von Mali über Algerien und Libyen bis Niger und Burkina Faso.

Im Juni 1990 brach die Revolte los, die zweite große Tuareg-Rebellion – die erste hatte sich kurz nach der Unabhängigkeit von Frankreich in den Sechzigerjahren ereignet. Dieser bewaffnete Aufstand endete sechs Monate später mit einem vorläufigen, brüchigen Friedensabkommen, das erst 1996 mit einer feierlichen Zeremonie besiegelt wurde.

Eine Gruppe um den charismatischen Sänger Ibrahim Ah­Alhabib entschied damals, die Kalaschnikows endgültig gegen Gitarren einzutauschen. Erste Aufnahmen in Abidjan, die auf Kassetten zirkulierten, vor allem aber Mund-zu-Mund-Propaganda mehrten den Ruhm der Truppe, deren Lieder sich in der Tradition der Poeten und Geschichtenerzähler von Zelt zu Zelt und von Stadt zu Stadt verbreiteten.

»Ich bin mit ihrer Musik aufgewachsen«, sagt Ousmane Ag Moussa von Tamikrest, der im Dorf Tin-Zaouaten im Adagh-Gebirge direkt an der algerischen Grenze geboren wurde. Seit sich 2002 der Warlord Ibrahim Ag Bahanga dort niederließ, gilt die Gegend als Rebellenhochburg und wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Ousmane Ag Moussa und seinen Freund Cheikh zog es darum weiter südlich in Sicherheit, eben nach Kidal, wo sie eine musikalische Laufbahn einschlugen. Mit Erfolg: »Heute sind wir mit den Musikern von Tinariwen befreundet«, sagt Ousmane. »Wir sind wie eine große Familie.«

Tatsächlich ist um Tinariwen herum ein enges Netzwerk ­entstanden. Die Band hat einen Stil geprägt und damit auch andere beeinflusst: das von Frauen angeführte Ensemble Tartit etwa, das in einem Flüchtlingslager gegründet wurde; oder das Tuareg-Paar Toumast, das aus Niger stammt und heute in Frankreich lebt. Auch die ethnisch gemischte Gruppe Etran Finatawa, die aus der Zusammenarbeit zweier Ensembles aus Niger erwachsen ist, bewegt sich auf diesen sandigen Pfaden.

Um das Jahr 2000 herum tauchten Tinariwen erstmals auf den Weltmusik-Festivals und Konzertbühnen Europas auf. In indigoblaue Gewänder gehüllt, die Männer mit charakteristischem Turban und Gesichtsschleier, waren sie eine imposante Erscheinung. Sie profitierten vom Exotik-Bonus, doch ausschlaggebend war ihre Musik: ein energischer Bluesrock, der einerseits vertraut und doch seltsam fremd klang – hypnotisch. In den vergangenen zehn Jahren haben Tinariwen vier CD-Alben veröffentlicht und eine wachsende Anhängerschaft gewonnen, auch unter Rock- und Independent-Fans. Für ihr letztes Album »Imidiwan« haben sie jüngere Mitglieder aufgenommen.

Tamikrest stehen nun für eine neue Generation. Im Januar 2006 liefen Ousmane und sein Freund Cheikh den anderen Musikern, mit denen sie eine Band gründen sollten, erstmals über den Weg. Im Kulturzentrum von Kidal probten sie erste Stücke ein und gaben sich den Namen Tamikrest, was auf Tamashek so viel wie Knotenpunkt oder Bündnis bedeutet. Das ist nicht ohne Ironie, denn Kidal, das vor hundert Jahren von der französischen Kolonialverwaltung als Militärposten gegründet wurde, gilt heute als Knotenpunkt für den Schmuggel von Zigaretten, Cannabis, Waffen und Armutsflüchtlingen, die nach Europa wollen. Doch Tamikrest meinen damit: »Kidal ist unser Arbeitsplatz, unsere Basis«, erläutert Ousmane. »Hier treffen wir uns, denn wir kommen ursprünglich aus ganz verschiedenen Gegenden.«

Zwei Jahre nach den ersten musikalischen Versuchen traten Tamikrest schon beim berühmten »Festival au Désert« auf, das 2001 zur Feier der Tuareg-Kultur ins Leben gerufen worden war und seitdem internationale Gäste und Musiker aus aller Welt anzieht. Und dort, in den Dünen, stießen sie auf Chris Eckman, den Mitbegründer der Walkabouts aus Seattle, und dessen Freunde. Im Zelt traf man sich zum gemeinsamen Jam, zum Abrocken und Tee trinken, und aus der spontanen Begegnung erwuchs eine echte Kooperation.

Ein Jahr später, im Juli 2009, trafen sich die Musiker in Malis Hauptstadt Bamako wieder, 1.600 Kilometer südlich von Kidal entfernt. Dort entstand das Album »Adagh«, mit dem Tamikrest jetzt nach Europa kommen. In den Liedern, die Ousmane Ag Mossa mit rauer Stimme vorträgt, geht es um das Leben in der Sahara, das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und den Wunsch nach Freiheit und Eintracht. Es sind ausgedehnte, meditative Melodien, die eine trancehafte Atmosphäre erzeugen. Die geisterhaft flehenden Gitarren und der grummelnde Bass sind nur sparsam verstärkt und verzerrt und von zurückhaltender Perkussion untermalt. Die Aufnahmen besitzen einen intimen Session-Charakter, so dass man sich beim Hören in ein Zelt in der Wüste versetzt fühlen darf.

Seit dem Mai 2006 hat sich die Lage um Kidal wieder zugespitzt. Zwischenzeitlich ein beliebtes Ziel für Sahara-Abenteuerreisen, ist der Tourismus praktisch zum Erliegen gebracht. Umso mehr drängt es Ousmane Ag Moussa und seine Freunde, zu neuen Horizonten aufzubrechen. »Wir waren noch nie in Europa«, sagt er mit Blick auf seine erste Konzertreise, die im Mai bevorsteht. »Ein wenig Angst habe ich schon. Es ist ein bisschen wie eine Prüfung, die man bestehen muss.«

Tamikrest: Adagh (Glitterhouse Records)

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