Amnesty Journal Brasilien 05. Oktober 2009

Das Gesetz der Stille

Das Internetprojekt »Viva Favela« zeigt einen anderen Blick auf die Armenviertel von Rio de Janeiro.

Noch nie hat Cláudio Pereira die Drogenbosse seiner Favela um Erlaubnis gefragt, ob er als Reporter in dem Viertel arbeiten darf. Seit seiner Kindheit wohnt er in der Favela Maré, die als einer der gewalttätigsten Orte Rio de Janeiros gilt. Cláudio kennt hier jede und jeden. Als Mitarbeiter der Internetzeitung »Viva Favela« (Es lebe die Favela!) kann er sich in Maré problemlos bewegen.

»Maré und ich sind zusammen aufgewachsen. Ich habe hier mit Tausenden von Leuten Fußball gespielt, die später entweder ums Leben kamen oder andere Wege eingeschlagen haben«, erzählt Cláudio Pereira. Seiner Meinung nach ist es nicht gefährlich, in der Favela zu leben. »Hier kennen sich alle. Niemand tut dir was an. Es genügt, wenn du weißt, wie du zu deinem Ziel gelangst«, sagt er. Mit anderen Worten: Man sollte sich nicht auffällig verhalten.

Bei seinen Recherchen für die Internetzeitung ist er auf viele ungewöhnliche Geschichten gestoßen. Eine seiner Reportagen handelt davon, dass es in einer einzigen Straße 30 Schönheitssalons gibt. In einem anderen Artikel berichtet er über eine Freiluftbühne, die nachts zu einem kulturellen Treffpunkt für das ganze Viertel wird. Undenkbare Szenen für alle, die Favelas stets mit Gewalt gleichsetzen. Weltweit verbreiten die Medien dieses negative Image.

Aus der Nähe betrachtet sind die Armutsviertel komplexer und interessanter, wie die Website www.vivafavela.com.br zeigt. Das von der Nichtregierungsorganisation Viva Rio 2001 gegründete kleine und unabhängige Projekt besteht aus einem Team von Favela-Bewohnern, die unter Anleitung von professionellen Journalisten arbeiten.
Cláudio Pereira und seine Kollegen kennen sich gut aus in ihren Favelas. Im Gegensatz zu den ortsfremden Journalisten ­genießen sie freien Zugang.

Wie gefährlich diese Viertel für Besucher von außen sein können, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 2002, als der für den Fernsehsender Rede Globo arbeitende Journalist Tim Lopes von Drogendealern ermordet wurde. Er hatte in der Favela »Complexo do Alemão« über Drogen und sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen recherchiert.

Mit ihren Reportagen gibt die Internetzeitung den anonymen Favela-Bewohnern Gesichter und Namen, denn viele Bra­silianer betrachten die Favela-Bewohner nur als Komplizen der Drogenhändler. »Außerhalb der Favela haben viele Menschen Vorurteile. Sie glauben, die Favelas bestehen nur aus Drogenhandel«, sagt die 28-jährige Guaraci Gonçalves, ehemalige Korrespondentin von Viva Favela, die an der renommierten staatlichen Universität von Rio de Janeiro Literatur studierte und heute als Grundschullehrerin arbeitet.

Guaraci Gonçalves ist in Tuiuti aufgewachsen, einer der fast tausend Favelas der Stadt, in denen insgesamt über 1,2 Millionen Menschen leben. Sie war oft in den wohlhabenden Vierteln unterwegs und hat sich nie damit abgefunden, als Bürgerin zweiter Klasse behandelt zu werden. »Das große Problem für diejenigen, die in der Favela leben, besteht darin, dass sie keine Stimme haben«, sagt die junge Frau.

Zu den Ungerechtigkeiten gehört der Mangel an medizinischer Hilfe. Guaraci wird nie den Tag vergessen, an dem ein Nachbar einen Herzinfarkt erlitt und sie verzweifelt nach einem Notarzt rief. Keiner war bereit, die Favela zu betreten. Dort sei es nicht sicher, bekam sie zu hören. Gonçalves erzählte die Geschichte auf einer der wöchentlichen Redaktionskonferenzen. Die dort besprochenen Themen reichen von Kultur über Umwelt bis hin zu Wirtschaft, Gesundheit, Geschlechterfragen sowie Bildung. Ziel ist es, eine geschäftstüchtige, kreative und solidarische Favela zu zeigen.

Weil Viva Favela wie sonst kein anderes Medium aus den Vierteln berichten kann, nutzen die großen Zeitungen und TV-Sender die auf der Homepage von Viva Favela publizierten Berichte, um ihrerseits Reportagen zu erstellen. Für die Geschichte der Kunsthandwerkerin Zezé, die Taschen aus recyceltem Plastik herstellt, interessierte sich sogar die ARD.

»Dass es Viva Favela gelungen ist, positiv über Favelas zu berichten und damit fünf Millionen Fernsehzuschauer zu erreichen, zeigt, wie immens wichtig das Projekt ist«, meint Marcelo Moreira, Journalist bei Brasiliens größtem Fernsehsender Rede Globo, den die Reportagen von Viva Favela zu eigenen TV-Berichten inspiriert haben.

Das Thema Gewalt ist jedoch auch bei Viva Favela nicht zu vermeiden. Dazu gehören Berichte über den so genannten »Caveirão«, ein gepanzertes Fahrzeug, das die Polizei von Rio de Janeiro angeblich nur im Kampf gegen Drogendealer einsetzt. Eine Journalistin der Internetzeitung berichtete hingegen, dass »der Caveirão die Bewohner terrorisiert«. In einem Artikel schilderte sie mehrere Übergriffe bei Polizeieinsätzen und kritisierte die Regierung des Bundesstaates. Viva Favela wurde deshalb vorgeworfen, ein »Verteidiger der Banditen« zu sein.

Die Internetzeitung erhielt daraufhin zahlreiche Solidaritätsbriefe. »Die Regierung schickt Panzerwagen, die in alle Richtungen schießen. Es sterben Kinder, Erwachsene, Jugendliche und Alte, die keinerlei Beziehung zum Drogengeschäft haben«, schrieb beispielsweise ein evangelischer Pastor. Als die Medien anschließend auch kritisch über die Einsätze mit dem »Caveirão« berichteten, musste der Kommandant der Einheit für Spezielle Operationen (Bope) sich öffentlich rechtfertigen. Durch den Kinofilm »Tropa de Elite« wurde diese Einheit mittlerweile auch international bekannt.

Gefangen zwischen der Diktatur des Drogenhandels und der Polizeigewalt, leiden die Favela-Bewohner in besonderem Maße unter der fehlenden öffentlichen Sicherheit in Rio de Janeiro. Die Mittel- und Oberschicht sieht sie hingegen als Urheber und nicht als Opfer der Gewalt. Da die etablierten Medien kaum Zugang zu den Favela-Bewohnern haben, übernehmen sie die Polizeiberichte, in denen die Bewohner fast ausschließlich als Komplizen der Drogendealer dargestellt werden. Die Polizei unterschlägt dabei, dass ein Verstoß gegen das »Gesetz der Stille«, also niemals einen Drogendealer zu denunzieren, den Tod bedeuten kann.

Viva Favela zeigt, dass auch die Bewohner der Armenviertel unter den Drogenhändlern leiden. Sie müssen die Regeln der Dealer befolgen und für »Sicherheitsleistungen« sowie für die ­illegale Lieferung von Strom, Wasser oder Gas zahlen. Die Macht der Drogenbanden geht so weit, dass sie sogar die Kinder beim Spielen beeinflusst: In den Vierteln, die von rivalisierenden Gangs beherrscht werden, dürfen sie die Zahl Drei nicht erwähnen – den Namen des »Dritten Kommandos«, das in vielen Gebieten den Drogenhandel dominiert.

Große Resonanz fand auch ein Bericht über den Fall Borel, bei dem vier Jugendliche 2003 in der gleichnamigen Favela durch Polizisten ermordet wurden. Entsetzt über das Verbrechen schickten die Bewohner von Borel einen Brief an den brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Der Brief beeindruckte durch seine detaillierte Darstellung des Vorfalls und wurde von Vertretern der Kirche, Nichtregierungsorganisationen und der Rechtsanwaltskammer unterschrieben.

Viva Favela hatte den Polizeiübergriff zuerst bekannt gemacht. »Als ich mit einem Bewohner von Borel telefonierte, schwor er, dass es sich bei den Opfern um Arbeiter handelt, die eiskalt ermordet wurden«, sagte der Journalist von Viva Favela, der den Vorfall recherchierte. Nachdem der Nationale Sekretär für Menschenrechte durch Viva Favela von den Morden erfuhr, reiste er nach Rio de Janeiro und besuchte die Angehörigen der Opfer. Sein Besuch in der Favela machte Schlagzeilen über die Landesgrenzen hinaus.

Die Internetzeitung beschäftigte sich auch mit der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) und zeigte auf, dass Fa­vela-Bewohner politisch Verfolgte versteckten und auch selbst Widerstand gegen die Militärs leisteten. Acht Jahre nach seiner Gründung berichtet Viva Favela immer noch über die Favelas – ohne Vorurteile und so nah wie möglich an der Realität.

Von Cristiane Ramalho.
Die Autorin ist ehemalige Chefredakteurin von Viva Favela und Autorin des Buches »Notícias da Favela«.

Übersetzung: Sven Hilbig

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