Amnesty Journal Myanmar 11. Januar 2010

Die Angst besiegen

Soziale Ausgrenzung ist für die meisten an HIV/AIDS erkrankten Menschen in Myanmar alltäglich. Dabei könnten jedes Jahr Zehntausende gerettet werden, wenn sie die notwendige medizinische Versorgung bekämen. Doch die Junta hat das Gesundheitssystem heruntergewirtschaftet.

»Ich liebe Liebeslieder, leider kann ich nicht so gut singen.« Der 34-jährige Khin Cho Oo sitzt in einer Karaoke-Bar in Yangon. Die Wände sind blau gestrichen, davor stehen Sofas aus grünem Kunstleder. Müde blickt er auf den Bildschirm. Das lebensbedrohliche HI-Virus hat sein Immunsystem fest im Griff. Es scheint ihm schwer zu fallen, das Mikrofon zu halten.

Der DJ erfüllt Khins Wunsch und spielt einen verkratzten Pop-Song aus Burma. Die 30-jährige Kyi Myo Tun neben ihm ­lächelt verlegen.

»Wir träumen davon, Kinder zu bekommen. Aber darauf müssen wir wohl noch ein paar Jahre warten. Wenn Khin seine Medizin regelmäßig nimmt, gut isst und viel schläft, kann er seine Widerstandskraft Tag für Tag verbessern«, sagt sie optimistisch. Das frisch verliebte Paar hat dabei weitaus mehr Glück als die meisten anderen Burmesen, die sich mit dem Virus infiziert haben. Kyi hat bereits eine antiretrovirale Therapie begonnen. Diese verlangsamt die Wirkung des Virus. Khin will demnächst mit der Therapie anfangen.

Die meisten HIV-Infizierten in Myanmar sind hingegen von Ausgrenzung betroffen und sterben einen einsamen Tod. Etwa 240.000 Einwohner sind HIV-positiv. 76.000 von ihnen, darunter auch Khin, benötigen akute medizinische Hilfe. Obwohl die UNO festgestellt hat, dass Myanmar zu den am stärksten betroffenen Ländern Asiens zählt, erhält nur ein Fünftel der Betroffenen Hilfe. Die Medikamente werden dabei nicht etwa vom Regime zur Verfügung gestellt.

»Die Junta hat sehr viel Geld für den Bau der neuen Hauptstadt im Dschungel ausgegeben. Außerdem hat sie 300 Kampfflugzeuge in China gekauft und 10.000 junge Soldaten zur Grundausbildung nach Russland geschickt. Die Generäle geben nur für solche Dinge Geld aus, die ihrem eigenen Macherhalt dienen. Die Gesundheit der Menschen interessiert sie nicht«, ­erklärte die HIV-Aktivistin Phyu Phyu Thin, als ich sie vor zwei Jahren traf.

Damals besuchte ich zwei Klöster für HIV-infizierte Menschen, die Phyu Phyu Thin zusammen mit Mönchen führte, die sich trotz Drohungen um Kranke und Bedürftige kümmerten. Auf einfachen Bambusmatten lagen die Patienten mit eingefallenen Wangen und hervortretenden Augen. Manche hielten sich gegenseitig in den Armen, um ein wenig Fürsorge und Behaglichkeit zu spüren. Die meisten waren auf der Suche nach Medizin und ärztlicher Betreuung aus ihren abgeschiedenen Dörfern in die Hauptstadt gekommen. Einige konnten sich erholen, andere starben. Wie der junge Mann, den man für den Weg zum Krematorium in eine blaue Decke gehüllt und mit Rosenblättern bedeckt hatte.

Phyu Phyu Thin ist auch Mitglied der pro-demokratischen Nationalen Liga für Demokratie (NLD) von Aung San Suu Kyi. Mehrmals wurde sie wegen ihrer Arbeit verhaftet und musste mehrere Monate in dem berüchtigten Insein-Gefängnis verbringen, wo viele der 2.000 politischen Gefangenen in Myanmar noch immer festgehalten werden.

Zwei Jahre später treffe ich mich erneut mit Phyu Phyu Thin in Yangon. »Inzwischen sind alle HIV-Patienten in mein eigenes Haus in der Stadt umgezogen. Ständig halten sich 40 bis 50 Personen bei mir zu Hause auf. Für mehr habe ich einfach keinen Platz«, fügt sie entschuldigend zu.

Die HIV-Klöster, in denen die kranken Burmesen behandelt wurden, existieren nicht mehr. Als die Mönche während der später gescheiterten Safran-Revolution im Herbst 2007 gegen das Regime aufbegehrten, rissen Soldaten die einfache Holz­konstruktion ein, mit der einer der Tempel errichtet war. Die Mönche mussten fliehen. Die Patienten wurden auf die Straße getrieben. Der zweite Tempel wurde im Frühjahr dieses Jahres geschlossen, nicht ohne die Mönche zu ermahnen, sich künftig mehr dem Studium der heiligen Schriften zu widmen.

Generäle ohne Mitleid
Da das Haus von Phyu Phyu Thin ständig von der Geheimpolizei überwacht wird, müssen wir uns in einem Luxushotel treffen. Der Kontrast könnte kaum stärker sein: hier plantschende Kinder im Swimmingpool, dort die schmutzigen Blechhütten im Slum. Leider ist das Hotel einer der wenigen sicheren Orte, an denen man sich ungestört treffen kann.

Während des Aufstands, bei dem 38 Menschen ums Leben kamen, war Phyu Phyu Thin abgetaucht. Drei Monate später, als der Wirbelsturm Nargis das Irrawaddy-Delta verwüstete und mehr als 140.000 Menschen tötete, nutzte sie das Chaos, um wieder aufzutauchen.

Sie erklärt, dass die Militärjunta die beiden HIV-Krankenhäuser im Land ausbaue, so dass die Gesamtzahl der Betten für HIV-Infizierte inzwischen auf 250 gestiegen sein dürfte.

»Doch wozu nützen große Krankenhäuser, wenn es drinnen nichts gibt?«, fragt sie.
Die Patienten müssen ihre Medikamente selber kaufen. Doch nur wenige können die 30 Dollar pro Monat dafür aufbringen, die in Myanmar einem durchschnittlichen Monatsgehalt entsprechen. »Wenn es so weiter geht, verlieren wir einen Großteil der jungen Generation. Das ist eine Katastrophe für unser Land«, erklärt Phyu Phyu Thin.

Ungefähr die Hälfte des Staatshaushalts von Myanmar geht an das Militär. Für das Gesundheitswesen steht jährlich hingegen nur ein Dollar pro Person zur Verfügung. So können sich schwere und oft tödliche Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und HIV unter der Bevölkerung ausbreiten.

Vor einigen Jahren stellte die Weltgesundheitsorganisation fest, dass das Gesundheitswesen des Landes das zweitschlechteste der Welt sei. Schlimmer war es nur in dem von Kriegen verwüsteten Sierra Leone. Am stärksten sind die ländlichen Regionen betroffen, wo auch die ethnischen Minderheiten leben. In ihrer Not greifen die Menschen hier auf die traditionelle Medizin zurück: Blätter und Rinden.

»Letztens hat jemand um vier Uhr nachts bei mir angeklopft. Vor der Tür stand ein zwölfjähriger Junge mit hohem Fieber und Lungenentzündung. Er war die 300 Kilometer aus dem Norden mit dem Bus gereist und dann direkt zu mir gekommen. Vermutlich wird er sterben«, so Phyu Phyu Thin weiter. Er ist zu spät gekommen.
»Unsere Regierung weiß nicht, was Mitleid bedeutet. Gegen dieses Gefühl sind sie immun«, so die HIV-Aktivistin.

Aufklärung über HIV/Aids existiert in Myanmar kaum. Größere Menschenansammlungen untersagt die Junta. HIV-Aktivisten seien inhaftiert worden, weil sie Kondome verteilt hätten, erklärt Phyu Phyu Thin. Die Ignoranz ist dabei in allen sozialen Schichten anzutreffen. Während meines Interviews mit Khin und Kyi in der Karaoke-Bar verzichtet der Dolmetscher, der einen Abschluss in Philosophie besitzt, auf seine Cola, weil er befürchtet, das Virus könne in sein Glas gelangen.

Auch Khin und Kyi gehören zu den Patienten von Phyu Phyu Thin. Kyi berichtet, wie sie gegen Ausgrenzung und Isolation kämpfen musste: »Meine Eltern ließen mich nicht mehr neben meinem Sohn schlafen. Keiner wollte mehr von dem essen, was ich gekocht hatte. Meine Geschwister haben ihre Kinder vor mir versteckt, und die anderen Dorfbewohner machten auf der Stelle kehrt, wenn sie mich sahen.«
Kyi starrt auf den Boden. »Am Ende hielt ich es einfach nicht mehr aus.«

Selbst nachdem sie ihren Eltern Aufklärungsbroschüren über die Ansteckungswege von HIV und Aids gezeigt hatte, ließ deren Angst nicht nach. Schließlich war der Druck so hoch, dass sie das Dorf verlassen musste. »Aber wenn ich mich wieder um mich selbst kümmern kann, gehe ich zurück und hole meinen Sohn«, sagt sie bestimmt.

Angesteckt wurde die junge Frau von ihrem Ehemann, der 2006 im Gefängnis starb, wo er wegen seiner Tätigkeit als Kurier für die oppositionellen Kräfte in Haft saß. Er hatte Briefe zwischen Myanmar und Thailand transportiert. Kyis neuer Lebensgefährte war zuvor Fernfahrer. Wie viele seiner Kollegen hat er sich beim Geschlechtsverkehr angesteckt – in einem der kleinen Dörfer entlang der Straße, wo es keine Kondome gibt.

»Ich bin mir sicher, dass viele andere Fahrer auch HIV-positiv sind. Doch sie haben Angst, sich testen zu lassen. Denn sie wissen genau, das ihr Leben zerstört ist, wenn sie positiv sind«, sagt Khin. »Ich sage ihnen immer, lasst euch testen. Je eher ihr mit der Behandlung anfangt, desto höher sind die Überlebenschancen.«

Auch durch Prostituierte wird das HI-Virus übertragen. In den Bordellen, die meist früheren Offizieren gehören, müssen sich die jungen Mädchen der ethnischen Minderheiten verdingen. Von dort breitet sich das Virus entlang der Handelsrouten aus. Der Handel mit Jade, Rubinen und Teak ist sehr lukrativ, und häufig werden diese Güter illegal nach China gebracht. Die neue Autobahn zwischen der Shan-Provinz im Norden von Myanmar und der südchinesischen Stadt Kunming ist auch bekannt als der Aids Highway. Daneben wird die Krankheit auch durch Drogenabhängige übertragen. Es ist allgemein bekannt, dass der Opiumhandel eine wichtige Einnahmequelle der Junta ist.

Viele der Patienten von Phyu Phyu Thin werden später selbst Aktivisten und helfen anderen HIV-Infizierten. Jetzt verbreiten sie Informationen an Stelle des Virus in ihren Heimatdörfern. So auch Kyi: »Ich hab mich sehr alleingelassen gefühlt. Das möchte ich anderen ersparen.«

Humanitäre Krise
Im November 2008, als die Zahl von 25.000 Aids-Toten in nur einem Jahr bekannt wurde, rief die Organisation Ärzte ohne Grenzen dazu auf, das, was sie den »vermeidbaren Tod« nennt, aufzuhalten.

Die Ärzte sehen die Schuld jedoch nicht nur bei der Junta, sondern auch bei der internationalen Gemeinschaft. Die Diktatur gehört zu den Ländern auf der Welt, die am wenigsten internationale Hilfe erhalten. Offensichtlich möchte niemand mit der Militärjunta in Verbindung gebracht werden.

Doch die Organisation ist davon überzeugt, dass man die ­Bevölkerung auch direkt, unter Umgehung der Generäle, unterstützen kann. »Wir haben hier eine humanitäre Krise, die durch jahrzehntelange Versäumnisse ausgelöst wurde. Die Menschen leiden und wir müssen ihnen unabhängig von der politischen Situation Hilfe zukommen lassen«, erklärt ein Arzt der Organisation.

Myanmar hat Mittel aus dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV, Malaria und Tuberkulose beantragt. Die internationale Institution hat weltweit bereits mehr als 15,6 Milliarden Dollar im Kampf gegen die Krankheiten ausgegeben. Doch die Generäle in Myanmar sind davon ausgeschlossen, da man Betrug und Missbrauch fürchtet.

Tatsächlich ist es sehr schwierig, in dem Land zu arbeiten. Ein lokaler Entwicklungshelfer, der anonym bleiben möchte, erzählt: »Wir stehen ständig unter Verdacht, mit der Opposition in Kontakt zu stehen. Selbst ein Wort wie ›Training‹ ist schon verdächtig. Die Junta befürchtet, dass wir den Menschen dabei helfen, sich gegen sie zu organisieren. Aus diesem Grund benutzen wir auch zwei Broschüren für unsere Arbeit. Eine für den Geheimdienst, die andere – die wahre – holen wir erst raus, wenn sie gegangen sind.«

Obwohl Phyu Phyu Thin Mitglied der NLD ist, beschreibt sie ihre Arbeit als humanitäre und nicht als politische Tätigkeit. Doch die Gefahr einer Inhaftierung ist allgegenwärtig. Nur zu schnell könnten die Generäle in ihrem Tun eine Bedrohung ihrer Machtansprüche sehen. Mehr als 20 Aktivisten sind noch immer im Gefängnis, weil sie den Opfern des Wirbelsturms Nargis Hilfe leisteten.

Dennoch kennt Phyu Phyu Thin keine Furcht. »Es ist mir egal, was die Regierung über mich denkt. Selbst wenn sie mir ­damit drohen, mich einzusperren oder was anderes mit mir zu machen, werde ich weiter arbeiten. Wir müssen die Angst besiegen.«

Der erste Patient von Phyu Phyu Thin war ein Polizist. Ein Mann, der das Rückgrat des Regimes bildet. Heute betreut sie auch zahlreiche Patienten aus dem Militärapparat. »Patienten sind für mich alle gleich«, erklärt sie.

Wir sind wieder in der Karaoke-Bar. Nach den burmesischen Liebesliedern ertönt jetzt Elvis. Khin und Kyi erzählen mir, warum sie zu Khins Eltern ziehen möchten, sobald sie sich erholt haben. Die Tradition in Myanmar sieht vor, dass die Frau ihrem Ehemann folgen muss. Aber es gäbe auch noch einen anderen Grund, sagt Khin.
»Meine Eltern wissen überhaupt nicht, dass es eine Krankheit namens Aids gibt. Sie denken, wir hätten Tuberkulose. ­Darum haben sie weniger Angst vor uns.«

Von Thomas Aue Sobol. Der Autor ist Journalist und lebt in Kopenhagen.
Übersetzung: Frank Thomas.

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