Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 06. August 2009

Zwischen allen Stühlen

Wer sich in Israel dem Militärdienst entzieht, muss mit Gefängnisstrafen und feindseligen Reaktionen in der Familie, bei Freunden und am Arbeitsplatz rechnen. Thomas Aue Sobol hat mit drei jungen ­Israelis gesprochen, die den Dienst an der Waffe verweigern, weil sie meinen, Israel sei zu weit gegangen.

Omer Goldmann

Die 19-jährige Omer Goldmann wohnt in einem beliebten Viertel von Tel Aviv. Junge Leute sitzen hier mit ihren Laptops in den Cafés und trinken Smoothies. Die Gewalt in den besetzten Gebieten scheint weit weg zu sein, aber das täuscht. Der Gaza-Streifen liegt knapp 80 Kilometer entfernt. Omer ist die Tochter eines ehemaligen Vizechefs des israelischen Nachrichtendienstes Mossad. Als sie vergangenes Jahr ohne sein Wissen an einer Demonstration im Westjordanland teilnahm, rief sie ihr Vater an. »Er brüllte so laut in das Handy, dass das ganze Tal es hören konnte«, erzählt sie mit einem Lächeln.

Omer ist eine bekannte Verweigerin. Sie wird auf der Straße erkannt, manche spucken vor ihr aus. Soldaten beschimpften sie als »mother fucking leftwing« auf ihrem Anrufbeantworter. Andere werfen ihr und allen anderen Wehrdienstverweigerern vor, sie seien gegenüber den Palästinensern nur so »zimperlich«, weil noch keiner ihrer Angehörigen bei einem Selbst­mord­attentat in Stücke gerissen wurde. Sie habe Opfer der Gewalt auf beiden Seiten gesehen, entgegnet Omer. Vergangenes Jahr hat sie die Familien des zehnjährigen Ahmed Mousa und des 17-jährigen Youssef Amireh besucht, die von israelischen Soldaten erschossen worden waren. Vor einigen Jahren war ihre Freundin in einem Nachtklub in Tel Aviv, als sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. »Zwei Tage danach konnte sie immer noch nicht sprechen. Sie erbrach und kratzte sich ununterbrochen. So etwas beeinflusst uns alle.«

Näher als alle Beschimpfungen geht ihr der Streit mit ihrem Vater. Als Omer 28 Tage im Gefängnis sitzen musste, weil sie den Wehrdienst verweigert hatte, besuchte ihr Vater sie nicht. »Er machte einen langen Urlaub. Weit weg, damit er mich nicht besuchen konnte«, sagt die zierliche Frau, die ihren Gefängnisaufenthalt als »die dunkelsten Nächte meines Lebens« beschreibt. Sie hofft, sich irgendwann mit ihm zu versöhnen. Beide wollten sie Frieden – sie könnten sich nur nicht einigen, welchen Weg Israel gehen soll. »Er befürchtet die ganze Zeit, dass sich der Holocaust wiederholen wird, wenn wir nicht zeigen, wie stark wir sind. Aber der Holocaust gibt uns nicht das Recht, alles zu tun.«

Sahar Vardi

Man braucht nicht lange in Jerusalem zu sein, um wahrzunehmen, was hier auf dem Spiel steht. Straßensperren, Soldaten mit herabhängenden M-16 Gewehren, nervöse Blicke und misstrauische Anspannung. Biegt man in eine verkehrte Straße ein, rufen die Soldaten: »Nur für Moslems!«

Hier, wo sich die wichtigsten muslimischen und jüdischen Heiligtümer befinden, und wo schon oft Selbstmordattentäter den Glauben erschüttert haben, dass jemals Frieden herrschen könnte, treffe ich Sahar Vardi. »I have a dream« steht auf ihrem T-Shirt. Die 18-Jährige ist überzeugt, ihr Staat trage die Hauptverantwortung für die Eskalation der Gewalt, die zur Jahreswende schließlich zum Angriff israelischer Bomber und Bodentruppen auf den Gazastreifen führte. Der Angriff war eine Antwort auf die Qassam-Raketen der Hamas, aber er traf nicht nur die Hamaskämpfer. Tausende Häuser wurden zerstört. Hunderte ­Zivilisten starben – niemand weiß genau, wie viele.

»Aber es geht nicht nur um die Gazaoperation. Wir haben seit mehr als 40 Jahren ein ganzes Volk besetzt und es seiner Würde beraubt. Wir bestimmen, wohin sie gehen dürfen, wo sie arbeiten und wo sie wohnen können. Sie haben keine Freiheit, und solange das so ist, bekommen wir keinen Frieden«, meint Sahar. Die junge Frau ist das, was viele Israelis »mishtamet« nennen – eine, die sich ihrer Verantwortung entzieht. Sahar sieht das anders. Sie meint, dass sie es ist, die Verantwortung übernimmt.

Im Sommer schrieben sie und 39 andere Gymnasiasten einen Protestbrief an die Regierung. Später verweigerte Sahar den Wehrdienst. Dafür landete sie mehrmals im Gefängnis – insgesamt saß die 18-Jährige 42 Tage hinter Gittern in der Frauenabteilung des Militärgefängnisses.

Sich wiederholende Verurteilungen sind nicht die einzige Konsequenz für diejenigen, die ihren Dienst in der Armee nicht antreten. Ein sehr bekanntes Beispiel ist der Fall des Kampfhubschrauber-Piloten Yonatan Shapira, der im Jahre 2002 zusammen mit 26 Kollegen nicht an Operationen in Gaza teilnehmen wollte, weil die seiner Meinung nach zu viele zivile Opfer kosten würden. Nicht nur Shapiras militärische Karriere endete, er verlor auch seinen zivilen Job in dem Unternehmen Aeropower.

Aber sind die heftigen Reaktionen nicht verständlich? Die Bedrohung Israels ist ja eine Realität, und wenn alle reagieren würden wie Sahar, wie könnte sich dann Israel verteidigen? »Die Regierung wird eine Auflösung der Streitkräfte nie zulassen, aber wenn genug Menschen sagen, dass sie nicht in Streitkräften dienen wollen, die ein anderes Volk besetzen und unmoralische Handlungen begehen, dann wäre Israel dazu gezwungen, seine Politik zu ändern. Das ist unser Ziel«, antwortet sie.
Sahar ist keine radikale Pazifistin. Aber Krieg ist für sie nur der allerletzte Ausweg. Sie meint, Israel habe zu wenig getan, um eine friedliche Lösung zu finden. Aber wie hätte Israel auf die Tausenden von Raketen reagieren sollen, die in den vergangenen acht Jahren auf das Land gefallen sind? Und sind nicht auch die Palästinenser schuldig, die ebenfalls die Gewaltspirale aufrechterhalten?

»Es ist falsch, Zivilisten zu töten. Deshalb kritisiere ich auch die Gewalt der Hamas. Aber ich bin Israeli und deshalb ist es meine Pflicht, in erster Linie mein eigenes Land davon zu überzeugen, dass es falsch handelt. Wir sind die Stärkeren. Wir haben die Macht, die Gewalt zu beenden. Deshalb meine ich auch, dass wir die Verantwortung tragen«, antwortet Sahar. Sie fügt jedoch hinzu, wenn die Palästinenser vollständig auf Gewalt verzichten würden, dann könnte das die israelische Rechtfertigung für die Besetzung in Frage stellen.

Jede Woche nimmt Sahar an Demonstrationen gegen die 720 Kilometer lange Grenzanlage teil, die im Westjordanland gebaut wird. Die Befestigung – teilweise als Zaun, teilweise als Mauer – schütze Israel vor Terroranschlägen, sagt die Regierung. Sahar und ihre Mitstreiter sagen, sie durchschneide palästinisches Land und sperre die Palästinenser ein.

Zwei Staaten, das könnte die Gewalt beenden, das denkt auch Sahar, wie die meisten ihrer Mitstreiter. Aber im Innersten hofft sie, dass Juden und Palästinenser eines Tages in einem Land zusammen leben können. Das ist ihr Traum. »Unsere beiden Völker haben hier viele, viele Jahre gelebt, und die geschichtliche, kulturelle und religiöse Bedeutung hat einen so hohen Stellenwert für beide, dass keiner ›die andere Hälfte‹ aufgeben will«, sagt sie und fügt hinzu: »Ich bin erst 18 Jahre alt. Ich habe das Recht zu träumen.«

Yitzchak Ben Mocha

Zur Jahreswende 2008/2009 lässt die israelische Armee die Operation »gegossenes Blei« anlaufen. Yitzchak Ben Mocha sitzt vor seinem Fernseher und sieht israelische Bodentruppen in Gaza einmarschieren, als ihn die Wehrverwaltung anruft. Am nächsten Morgen soll er sich in der Kaserne melden. Der Reservesoldat geht am nächsten Tag in die Kaserne, teilt aber seinen Vorgesetzen mit, er weigere sich, in den Krieg zu ziehen.

Yitzchak ist das, was die Israelis einen »refusenik« nennen – ein Soldat, der nicht den Wehrdienst verweigert, aber keinen Dienst in den Gebieten leisten will, die außerhalb der international anerkannten Grenzen liegen. Die Armee bietet ihm an, stattdessen Zelte in einem Lager außerhalb von Gaza aufzustellen. Aber auch das verweigert der Soldat. »Es ist mir egal, ob ich als Soldat in vorderster Reihe stehe, Schreibtischarbeit verrichte oder Zelte aufstelle. Ich will nicht Teil eines Systems sein, dass so viele zivile Opfer fordert«, sagt der Reservesoldat.

Im Februar sitzt Yitzchak in seiner Wohnung in Tel Aviv und ist unsicher. Er weiß nicht, ob das Militär ihn wegen Befehlsverweigerung anklagen wird. Yitzchak hat früher drei Jahre im Westjordanland gedient. Er war Mitglied einer Eliteeinheit, die Kommandoaktionen gegen Terrorverdächtige durchführt. »Es fällt mir immer noch schwer zu entscheiden, ob die Einsätze, an denen ich teilgenommen habe, Terroristen getroffen haben oder Menschen, die legitimen Widerstand gegen die israelische Besetzung geleistet haben. Meistens war ich mir nicht darüber im Klaren, wen wir festgenommen haben«, sagt der frühere Elitesoldat. Er schweigt einen Augenblick. Dann sagt er: »Ich bin davon überzeugt, dass einige Einsätze gerecht waren und andere nicht.«

Yitzchak nennt die gleichen Dinge wie die anderen refuseniks, wenn sie die täglichen Maßnahmen der Armee gegen die Palästinenser in den besetzten Gebieten kritisieren: Ältere Menschen, die stundenlang an den Kontrollposten warten müssen, Hausdurchsuchungen mitten in der Nacht ohne begründeten Verdacht, Zivilisten als Schutzschilde, wenn man sich einem ­»gefährlichen« Haus nähert.

Mit jedem der Einsätze im Westjordanland wuchsen seine Zweifel. Seine Kameraden bemerkten, dass er sich veränderte. Bei Einsätzen scherzten die Soldaten, dass sie nicht nur den Feind im Auge haben müssten, sondern auch »Chico«, wie sie Yitzchak nannten. »Das war ein sehr großer Konflikt für mich. Ich wollte nicht den Zusammenhalt zerstören in dem Land, das mir so kostbar ist. Wenn ich verweigere, wird vielleicht ein anderer am Tag danach verweigern und dann noch ein anderer am nächsten Tag und…«

Während seines dreijährigen Dienstes verweigerte Yitzchak keinen Befehl, aber als er von den vielen zivilen Opfern bei der Operation »gegossenes Blei« hörte, war er sich sicher: Israel ist zu weit gegangen. Der Elitesoldat schloss sich den mehr als 600 Soldaten an, die seit dem Jahr 2002 nicht mehr mitmachen wollen. Damals erklärten 51 Soldaten öffentlich, sie wollten nicht mehr mithelfen, »ein ganzes Volk zu beherrschen, zu vertreiben, auszuhungern und zu entwürdigen.«

Yitzchak meint, das »System« trage die Hauptverantwortung für die Taten der jungen Soldaten. Trotzdem könne jeder verantwortungsbewusste Israeli Nein sagen. »Man braucht nicht besonders klug zu sein, um zu verstehen, dass eine tonnenschwere Bombe, wenn sie in einem der am dichtesten bevölkerten Gebiete der Welt landet, nicht nur die Hamas trifft, sondern auch eine Menge Zivilisten.« Aber wie will er die israelische Bevölkerung gegen einen Feind beschützen, der sich unter Zivilisten mischt und Israel seit Jahren mit Selbstmordattentaten, Raketen und tödlichem Terror bekämpft? Yitzchak antwortet auf die Frage indirekt: »Wir müssen einsehen, dass wir die Angriffe der Hamas nicht von der Tatsache trennen können, dass wir die palästinensischen Gebiete seit mehr als 40 Jahren besetzt halten.«

Aber Hamas will ja die Existenz Israels nicht anerkennen. Werden die Angriffe auf Zivilisten nicht andauern, auch wenn die Besetzung endet? »Einige extreme Kräfte würden sicher die Angriffe fortsetzen, und dagegen müssen wir uns verteidigen. Aber wenn wir die besetzten Gebiete verlassen, ohne nur Ruinen zurückzulassen, dann, glaube ich, sind die Palästinenser klug genug, um zu verstehen, dass sie viel zu verlieren haben«, sagt er. »Eines Tages wird es einen palästinensischen Staat geben«, da ist sich Yitzchak sicher. »Die Frage ist nur, wie viel Blut noch auf beiden Seiten fließen muss, bevor es soweit ist.«

Yitzchaks Freunde in der Armee haben seine Meinung immer respektiert. Aber als er während des Gaza-Kriegs Israel in aller Öffentlichkeit kritisierte, war das zu viel für seine Kameraden. »Du lässt unser Land im Stich«, sagten sie. Seitdem reden sie nicht mehr miteinander. Manche nennen Yitzchak einen Verräter.

Von Thomas Aue Sobol.
Der Autor ist Journalist und lebt in Kopenhagen.

Amnesty-Bericht: Keine Rücksicht auf Zivilisten

Im Juli 2009 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht zum Gaza-Krieg. Amnesty verurteilt die Angriffe der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung. Der ­Bericht zählt aber auch zahlreiche Indizien dafür auf, dass Israel bei seinen Angriffen oft nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten unterschieden hat und damit ebenfalls für Kriegsverbrechen verantwortlich sein könnte. Mehr Informationen finden Sie hier.

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