Amnesty Journal 02. April 2009

Auf jeden Fall ergriffen

Hans-Christian Schmid dokumentiert in seinen Filmen präzise die Gegenwart.

Dem Publikum ist schlecht an diesem Februartag im Jahr 2006 im Berlinale-Palast: Die Schauspielerin ­Sandra Hüller zuckt auf dem Boden liegend, zappelt, krampft, schreit. Realitätsnah. Immerhin glaubt die von ihr gespielte Michaela, sie sei vom Teufel besessen. Ob das Exorzismusdrama sich so abgespielt hat, sei dahingestellt. Fakt ist: Das Publikum glaubt es! Die Performance wird der Jungschauspielerin den Silbernen Bären einbringen. Die Kritiker sind sich einig: Hans-Christian Schmids Film "Requiem" sei "hochemotional".

Wollte man die Filmkunst des 1965 im erzkatholischen Wallfahrtsort Altötting geborenen Regisseurs auf den Punkt bringen, könnte man sagen: Schmid ist der Dokumentarfilmer der deutschen Spielfilmbranche. "23", "Crazy" oder eben auch "Requiem" wirken, als zeichneten sie Abläufe in Echtzeit auf. Schmids Kino wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Fiktionalem und Nichtfiktionalem: "Crazy" – ein Jugenddrama? Ja, aber durch die glaubwürdige Umsetzung schaut man in diesen Film hinein wie in ein Aquarium, in dem man selber sitzt. "Requiem" – ein Film über schreckliche katholische Bräuche? Ja, auf jeden Fall ist man glaubhaft ergriffen.

Schmid setzt auf Intensität: Indem er haargenau die Stufen von Michaelas Wahn dokumentiert, nehmen wir nicht nur teil, wir werden ein Teil der Geschichte. Der dokumentarische Ansatz kommt nicht von ungefähr: Schmid studierte an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, und zwar in der Abteilung Dokumentarfilm. In seinen ersten Kurzfilmen spielten Automatensüchtige mit und das organisierte Frömmlertum. Danach ging er zum Drehbuchstudium nach Los Angeles.

Sein aktuelles Werk "Sturm" ist ein Film über Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, für den Schmid den Amnesty-Filmpreis bekam, Es ist eine komplexe und schwergängige Materie, die Schmid in seinem jüngsten Werk erklären will. Wie arbeitet das UN-Tribunal in Den Haag? Wie funktioniert internationale Rechtsprechung, kann sie überhaupt funktionieren?

"Wenn es eine Verhaftung gibt, ist das ein oder zwei Wochen in aller Munde", sagt Schmid, "aber danach ist alles vergessen". Nein, auch für einen Spielfilm reiche das Thema Kriegsverbrechen nicht aus. Irgendwann müsse man die Infos beiseite legen und sich fragen: "Wie kann ich jetzt eine Geschichte erzählen?" Entscheidend sei, dass der Film auch für sich selbst besteht.

Zu zeigen, wie die Mühlen der europäischen Bürokratie mahlen, um Kriegsverbrecher und Dokumente zu überstellen, und um die juristische Archivarbeit zu visualisieren, das ist die formale Stärke von "Sturm". Wie unter diesen Umständen das Zusammenleben in Europa funktioniert, ist sein Thema. Denn mit der Erweiterungspolitik werden Konflikte auch gern unter den blauen Teppich mit den goldenen Sternen gekehrt. Auch dies erklärt der Film genau – und überlässt es dem Zuschauer, zu entscheiden, ob diese Haltung berechtigt ist.

Schmids "Sturm" wird im Herbst in die deutschen Kinos kommen. Wer sich vorher von der Qualität seiner Bildkunst überzeugen will, sei auf den Dokumentarfilm "Die wunderbare Welt der Waschkraft" verwiesen, der im Mai 2009 startet. Er zeichnet nach, welchen Weg die Wäsche des Berliner Nobelhotels Adlon zurücklegt, bis sie – rein und weiß – in den Berliner Luxusbetten landet: Denn im Auftrag der deutschen Wäscherei "Fliegel" sorgen 400 schlecht bezahlte Arbeiter/innen im polnischen Gryfino dafür, dass die Bettlaken-Container schnellstens wieder zurück sind.

Ein Film über Arbeit, die ausgewandert ist, sagt Schmid. Und Menschen, die manchmal nicht mitkommen. Eine weitere präzise dokumentierende Film-Geschichte: "Fünf Jahre nach Polens Beitritt zur EU ist die Grenze nach Deutschland zwar offen, aber die schöne Welt ein gutes Stück entfernt", so der Regisseur.

Von Jürgen Kiontke
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin.

"Die wunderbare Welt der Waschkraft". D 2009. Regie: Hans-Christian Schmid. Start: 7. Mai 2009

Sturm
Goran Duric (Dražen Kühn) wird vor einem Supermarkt in Badeschlappen verhaftet. Hannah Maynard (Kerry Fox), Anklägerin in Den Haag, wirft ihm vor, für den Tod vieler Zivilisten verantwortlich zu sein. Da kommt der wichtigste Zeuge ums Leben. Nun will dessen Schwester Mira (Anamaria Marinca) aussagen. Die beiden Frauen müssen schon bald erkennen, dass sie nur Figuren im Spiel politischer Interessen sind.
"Sturm". D/DK/NL 2009. Regie: Hans-Christian Schmid. Start: 10. September 2009.

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