Amnesty Journal 28. November 2016

"Der Rost in den Köpfen"

"Der Rost in den Köpfen"

Guantánamo im Tanz. Szene aus "Herrumbre", Staatsballett Berlin

In seiner Choreografie »Herrumbre« thematisiert Nacho Duato, Intendant des Staatsballetts Berlin, Terror und Folter. 2017 läuft die Produktion erneut in der Berliner Staatsoper. Ein Gespräch über Störgeräusche, Menschenrechte und Schönheit.

Interview: Georg Kasch

Angesichts der Anschläge von Brüssel, von Nizza, von München wirkt »Herrumbre« erstaunlich aktuell. Dabei ist die ­Choreografie schon zwölf Jahre alt.
Ich habe »Herrumbre« 2004 choreografiert und für die Berliner Premiere im Februar 2016 auch nicht verändert, aber es wirkt, als hätte ich es erst gestern gemacht. Leider ist das ein Thema, das es schon immer gegeben hat. Vor allem Folter. Diese aktuelle Form des Terrorismus, der bis vor unsere Haustür kommt, ist das einzig Neue. Deshalb habe ich den Abend »Herrumbre« genannt, Rost. Es gibt Menschen, die im Kopf verrostet sind und deshalb solche Dinge tun. Etwa die Selbstmordattentäter: Hinter ihnen stehen Menschen, die diese Menschen bewusst haben verrosten lassen. Und es geht auch darum, dass andere Menschen so weit erniedrigt werden, dass sie ihre Würde verlieren, innerlich erodieren, verrosten.

Wie ist »Herrumbre« entstanden?
Ursprünglich wollte ich ein Stück nur über Folter machen. Mich hat das Thema gereizt, weil ich eine Ausstellung über die ­Inquisition gesehen habe, die mich fasziniert hat. Da gab es viele Folterinstrumente, die höchst aufwendig aus Silber gestaltet ­waren. Wunderschöne Gegenstände – mit entsetzlicher Wirkung. Aber dann ereigneten sich die Terroranschläge in Madrid, einer von ihnen in der Nähe meiner Wohnung. Deshalb habe ich beide Themen kombiniert. Am Ende sind keine konkreten Gegenstände, keine konkrete Handlung mehr in der Choreografie geblieben. Das ist auch der Grund, warum das Publikum den Abend aushält.

Es gibt tatsächlich Tanzabende, die dem Publikum mehr zumuten.
Meine Choreografien zeigen nie das Naheliegende. Ich habe schon Abende über Drogensucht und Erotik gemacht, doch am Ende sieht man keine expliziten Szenen. Ich will niemanden schockieren. Was ich erzähle, geschieht auf einem schmalen Grat zwischen Deutlichkeit und Abstraktion. Wenn man zu deutlich wird, besteht immer die Gefahr, dass es ins Lächerliche kippt, deshalb fasziniert mich diese Grenzlinie. Ich gebe den Menschen Bilder mit, die es ihnen erlauben, über den Tanz ­hinauszudenken, die in ihnen bestenfalls ein Bewusstsein für schwierige Themen wecken. Wir erzählen etwas Schreckliches, aber wir wollen das Publikum nicht quälen, sondern zu einer Auseinandersetzung mit den schrecklichen Zuständen in unserer Welt anregen.

Besonders verstörend wirkt die Klangkulisse, weil man die ­Geräusche nicht zuordnen kann.
Klang ist etwas sehr Wichtiges in Bezug auf Folter. Ich habe mal eine Dokumentation über Folteropfer der Pinochet-Diktatur in Chile gesehen. Alle sagten, dass sie die Geräusche nicht vergessen konnten: das Geräusch des Elektroschocks, die Stiefelschritte im Korridor, das Quietschen der sich öffnenden Zellentür. Anders als die Bilder – oft hatten sie während der Folter die Augen geschlossen. Die Geräusche aber geistern immer noch durch ihre Träume.

Es gibt immer wieder auch zärtliche Passagen, Paarbegegnungen zum Beispiel. Aber auch sie werden von diesen Störgeräuschen geprägt.
Was die wenigsten erkennen: Die Geräusche beim ersten ­Pas-de-deux mit dem Cello sind fressende Schweine. Später gibt es Aufnahmen aus einer Fabrik, in der Holz gehäckselt wird. Diese Störgeräusche halten die Szene im Gleichgewicht, denn auch in den zärtlichen Szenen ist die Bedrohung allgegenwärtig. Ich wollte allerdings auch die Schönheit zeigen: Einige der schrecklichen Folterbilder sind wunderschön, man denke nur an Francisco de Goya, Matthias Grünewald oder Lucas Cranach. Außerdem wollte ich nicht nur die Opfer zeigen, sondern auch die Mütter, die Freundinnen, die Ehefrauen.

Oft ist es so, dass auf der Bühne Tänzer, die eben noch Opfer waren, plötzlich Täter sind. Warum?
Ich wollte keinen anekdotischen Abend choreografieren, sondern Mechanismen offenlegen. Es gibt keine Geschichte, nur Bilder.

In »Herrumbre« spielt eine Wand aus Metallgittern eine ­wichtige Rolle.
Ich wollte ein Objekt, das an den Zaun in Guantánamo ­erinnert, aber nicht die ganze Zeit. Deshalb gibt es jetzt dieses ­Objekt von Jaffar Chalabi, das sich auf sehr ästhetische Weise ­bewegt. Mal erinnert es an eine Waffe, dann wieder an ein ­Flugzeug, an eine Foltermaschine, einen Satelliten.

Was bedeuten Ihnen Menschenrechte?
Sie sind unabdingbar! Ich freue mich sehr, dass Amnesty International Deutschland mit uns kooperiert in einer Situation, in der es mit den Menschenrechten weltweit bergab geht, auch in Europa, sogar in Mitteleuropa. Ist es nicht wundervoll, wenn das Publikum, vor allem das konservative, in die Staatsoper kommt und die universellen Menschenrechte das Erste sind, was es im Programmheft liest?

Woher kommt Ihr Bewusstsein für Menschenrechte?
Ich komme aus Spanien und ich erinnere mich noch gut an die letzten Toten unter Franco. Und dann der ETA-Terror: In den Neunzigern hatte man sich schon regelrecht an ihn gewöhnt, weil die Nachrichten voll davon waren. Außerdem bin ich mein halbes Leben lang schon ein Fremder, in Dänemark, den Niederlanden, Russland, jetzt Deutschland, und damit ein Bürger zweiter Klasse. Die Menschen sind meistens sehr freundlich zu mir, aber ich verstehe ihre Sprache nicht, muss ständig auf irgendwelche Ämter. Ich mag diese Situation sogar in gewisser Weise, aber für Flüchtlinge zum Beispiel, für die diese Situation existenziell ist, muss es furchtbar sein!

Haben Sie mit Ihren Tänzern über das Thema Menschenrechte gesprochen?
Ich bin ein Choreograf, der wenig über seine Arbeit spricht. Ich habe den Tänzern gesagt: Das ist das Thema, geht auf die Webseite von Amnesty International, informiert euch. Wichtig ist nicht, was ich über das Thema sage, sondern was man am Ende auf der Bühne sieht. Man kann das nicht tanzen, wenn man nicht innerlich beteiligt ist. Ich finde, das sieht ziemlich überzeugend aus, also muss es bei den Tänzern Klick gemacht haben.

Das könnte auch daran liegen, dass im Staatsballett alle möglichen Nationen vertreten sind, von denen viele wiederum eine Geschichte der Folter haben.
Viele? Alle! Menschen wissen oft nicht, wie viel Folter uns umgibt, dabei muss man nicht lange suchen. In Barcelona zum Beispiel, also im Herzen der EU, hat die Polizei einen Menschen ohne Papiere umgebracht, einen Rumänen, weil sie ihn zu hart schlugen. Das ist Folter! Und die ist unter keinen Umständen ­gerechtfertigt, nicht einmal, um Menschen zu retten.

Nacho Duato, 1957 in Valencia/Spanien geboren, tanzte beim Cullberg Ballet in Stockholm und unter Jiří Kyliáns am Nederlands Dans Theater in Den Haag, wo er auch zu choreografieren begann. 1990 übernahm er die Leitung der Compañía Nacional de Danza in Madrid, 2011 die künstlerische Leitung des Mikhailovsky-Theaters in St. Petersburg. Seit 2014 ist er Chef des Staatsballetts Berlin.

Die Choreografie »Herrumbre« (Rost), die Nacho Duato 2004 für die Compañía Nacional de Danza erarbeitete und die 2016 ihre Berlin-Premiere erlebte, thematisiert Folter und Terror. Dabei entsteht keine Erzählung. Stattdessen wechseln sich intime Paarmomente mit Massenszenen ab, die Bildern aus Guantánamo und Abu Ghraib nachempfunden sind.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Dezember 2016 des Amnesty Journals erschienen.

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