Blog Deutschland 18. Januar 2017

Briefmarathon 2016: Neues Rekordergebnis in Deutschland!

Ein Hoch auf die Freiheit: Die Realschule Schonungen schrieb im Rahmen des Briefmarathons 2016 5.256 Briefe. So viele wie keine andere Schule in Deutschland.

Anne Schulze ist Praktikantin in der Abteilung "Kampagnen und Kommunikation" von Amnesty International in Berlin

Von den Niederlanden bis Neuseeland, von Togo bis nach Thailand und von Polen bis Peru: Auf allen Kontinenten haben sich im Dezember Hunderttausende Amnesty-Mitglieder und Unterstützerinnen und Unterstützer beim Briefmarathon 2016 für Menschen eingesetzt, deren Rechte verletzt werden. In mehr als drei Millionen Briefen (Stand 18. Januar 2017) zeigten sie sich solidarisch mit Menschen in Not und Gefahr und forderten Regierungen auf, die Menschenrechte zu achten. Allein in Deutschland kamen rund um den Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 331.395 Briefe und E-Mails zusammen – ein neuer Rekord!

Bundesweit machten Amnesty-Mitglieder unter dem Motto "Schreib für Freiheit" auf Weihnachtsmärkten und in Jugendgottesdiensten auf den Briefmarathon aufmerksam und betreuten Infostände in Bibliotheken und Fußgängerzonen. Eingesetzt haben sie sich unter anderem für den Fotojournalisten Mahmoud Abu Zeid, der die gewaltsame Niederschlagung von Protesten in Ägypten dokumentierte und dafür seit mehr als drei Jahren im Gefängnis sitzt. Ihm droht die Todesstrafe. Bis zu 30 Jahre Haft drohen dem ehemaligen CIA-Mitarbeiter Edward Snowden, der 2013 tausende geheime Dokumente zu Überwachungs- und Spionagepraktiken des US-Geheimdienstes NSA an die Presse weitergab. Auch für ihn haben sich Tausende Menschen eingesetzt.

Von Mitte Dezember an verwandelte sich der ein oder andere Büroraum bei Amnesty in Berlin in ein Postamt: Tagtäglich erreichte uns eine regelrechte Flut an Briefen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie vielen Helferinnen und Helfer zählten die Briefe, um sie dann u.a. nach Aserbaidschan, Indonesien, Kanada und in die Türkei zu verschicken. Wir waren überwältigt, mit wie viel Mühe und Kreativität geschrieben, gemalt und gebastelt worden war. So mancher Brief rührte uns zu Tränen.

Auszählen der Briefe im Amnesty-Sekretariat in Berlin im Dezember 2016

Seit 2014 nehmen in Deutschland auch verstärkt Schulen an der weltweit größten Amnesty-Aktion teil. 2016 waren es 546 – mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor! Schülerinnen und Schüler veranstalteten ganze Projektwochen zum Thema Menschenrechte. Sie steuerten zu den 331.395 Briefen insgesamt 69.889 bei. Den Rekord hat die Staatliche Realschule Schonungen in Unterfranken aufgestellt, deren Schülerinnen und Schüler 5.256 Briefe verfassten.

Vor allem das Schicksal der zehnjährigen Annie Alfred aus Malawi bewegte viele Schülerinnen und Schüler. "Sie nennen mich Geist oder sie sagen weißer Mann zu mir, weil ich Albinismus habe", so Annie, die wie viele andere mit dieser Erkrankung in Malawi in ständiger Angst leben muss. "Es gibt Menschen, die glauben, dass meine Knochen und meine Haare magische Kräfte besitzen, die ihnen Geld und Macht bringen, und sie würden alles tun, um sie zu bekommen." Mehr als 18 Menschen mit Albinismus wurden seit November 2014 in Malawi getötet, weil die Regierung nicht genug unternimmt, um sie zu schützen.

Viele Schülerinnen und Schüler schrieben daraufhin an Annie, malten Bilder für sie und bestärkten sie in ihrem Wunsch, Krankenschwester zu werden. Zum Beispiel schrieb die 15-jährige Julia: "Viele Menschen, egal ob in deinem Alter oder nicht, leben ohne Traum, aber du kannst für deinen kämpfen. Du darfst keine Angst vor diesen Menschen haben, denn sie sind (...) verzweifelt, weil sie wahrscheinlich nie einen Traum hatten (...)."

Auch die 10. Klassen der IGS Herder in Frankfurt am Main haben beim Briefmarathon 2016 mitgemacht.

"Viva Máxima" rief hingegen die 11. Klasse des Spanisch-Grundkurses der Berliner Sophie-Scholl-Schule, bevor sie mit dem Schreiben ihrer Briefe an Máxima Acuña begannen. Die Kleinbäuerin wird seit Jahren aufgrund von Landkonflikten mit einem Bergbauunternehmen von Polizei und Sicherheitskräften drangsaliert und bedroht. "Wir wollen, dass sie weitermacht und nicht aufgibt, deswegen schreiben wir ihr", erklärte die 17-jährige Merve. Auch der 16-jährige Ahmad schrieb Máxima eine Solidaritätsnachricht: "Ich finde, was diese Frau leistet, erfordert viel Mut und ist richtig. Daher will ich sie vor allem psychisch unterstützen, damit sie weiß, dass andere an sie denken."

Carina Becker, Referendarin an der Sophie-Scholl-Schule, hatte von einer Kollegin vom Briefmarathon an Schulen erfahren und wollte sofort mitmachen: "Als Lehrerin oder Lehrer sollte man versuchen, seinen Schülerinnen und Schülern ein gewisses Empathieempfinden mit auf den Weg zu geben, und dafür ist der Briefmarathon bestens geeignet."

Wir freuen uns sehr über das Rekordergebnis des Briefmarathons 2016 und dass sich so viele Menschen für andere eingesetzt haben. Nun warten wir gespannt, wie viele Briefe weltweit geschrieben wurden - denn viele andere Amnesty-Sektionen sind immer noch mit der Auszählung beschäftigt.

Es ist ein gutes Zeichen, dass so viele Appelle zusammengekommen sind. Denn je mehr Menschen beim Briefmarathon mitmachen, umso größer wird der Druck auf die Verantwortlichen, Menschenrechtsverletzungen zu beenden, Gefangene freizulassen und Menschen in Gefahr zu schützen.

Dass dieser gemeinsame Einsatz wirkt, zeigt zum Beispiel der Fall der Mexikanerin Yecenia Armenta, die im Juni 2016 nach jahrelanger Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde. Rund 300.000 Briefe von Amnesty-Unterstützerinnen und -Unterstützern während des Briefmarathons 2015 hatten ihr Mut und Kraft gegeben. "Da waren all diese Briefe, die mich wissen ließen, dass ich nicht allein bin. Das war ein großartiges Gefühl. Und ich dachte: 'Ja, stimmt, ich bin nicht allein.'"

Und genau darum geht es beim Briefmarathon: Menschen in Not und Gefahr zu helfen und ihnen neue Kraft zu geben. Daher hoffen wir, dass viele von euch auch dieses Jahr beim Briefmarathon mitmachen, wenn es im Dezember wieder heißt: "Schreib für Freiheit!"

Weitere Informationen auf www.amnesty.de/briefmarathon

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