Amnesty Journal 09. April 2020

Von Liebe und Hass

Zwei Männer sitzen eng zusammen und betrachten die Handys in ihren Händen.

Hass auf dem Handy. Szene aus dem preisgekrönten Dokumentarfilm "Welcome to Chechnya".

David France’ Dokumentarfilm "Welcome to Chechnya" über die Verfolgung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intergeschlechtlichen (LGBTI) in Tschetschenien hat den diesjährigen Filmpreis von Amnesty International gewonnen.

Von Jürgen Kiontke

Ein Mädchen erzählt am Telefon: "Mein Onkel will mit mir schlafen. Wenn ich es nicht tue, wird er mich denunzieren. Er weiß, dass ich lesbisch bin." Und das kann für die junge Frau tödlich enden. Denn sie lebt in Tschetschenien, und wer dort gleichgeschlechtlich lebt, wird festgenommen, gefoltert und womöglich ermordet.

Seit 2017 gibt es Berichte, dass die LGBTI-Community in dem vom Krieg zerrütteten Land unter Präsident Ramsan Kadyrow schwerer Verfolgung ausgesetzt ist. Der US-amerikanische Dokumentarfilmer David France – der für seinen Film "AIDS – Kampf ums Leben" aus dem Jahr 2012 eine Oscar-Nominierung erhielt – ist den Berichten nachgegangen.

Systematische Verfolgung

Er begleitete Menschenrechtsaktivisten um David Isteev, die Betroffenen helfen, das Land zu verlassen. Denn, so erzählt Isteev, Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle sind in Tschetschenien absolute Hassfiguren. 2017 begannen die Behörden ­damit, alle Menschen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, systematisch zu verfolgen. Die Polizei traktierte sie mit Elektroschocks und Schlägen, die zu Knochenbrüchen führten. Anschließend wurden sie zu ihren Familien zurückgebracht mit der Aufforderung, sie umzubringen. Sollten die Angehörigen dem nicht Folge leisten, gerieten sie selbst in Gefahr.

Isteev und seine Mitstreiter betreiben ein Safe House, in dem Betroffene wie die junge Frau am Telefon zunächst unterkommen können und solidarische Hilfe erfahren. Mit seinem Film berichtet David France erstmals im Kino über Menschen in Tschetschenien, die sich gegen die Repression zusammenschließen und Bedrohte außer Landes bringen.

Drastische Aufnahmen von Bestrafungsaktionen

Der Film schont das Publikum nicht. Als ein junger Mann einen Selbstmordversuch verübt und das Safe House voller Blut ist, stehen die Aktivisten vor dem Dilemma, keinen Arzt rufen zu können, denn dann würde ihr Versteck auffliegen. France zeigt auch drastische Handyaufnahmen, die bei Bestrafungsaktionen aufgenommen wurden, bei denen Menschen starben.

Um seine Protagonisten zu schützen, bedient sich der Regisseur eines Kniffs. Sie sind per Virtual Reality verändert – der Film verpasst ihnen eine andere Identität. Gegen Ende wird die Tarnung eines jungen Mannes gelüftet: Es handelt sich um Maxim Lapunov, der 2017 mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit und vor Gericht ging, jedoch keine Gerechtigkeit erfuhr.

Zwischen Brutalität und Schönheit

"Welcome to Chechnya" ist ein filmisches Dokument, das Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen anklagt, aber auch zeigt, wie man sich dagegen wehren kann. Durch die Aktualität des Themas hob sich der Film von den 18 weiteren Mitbewerbern ab, die um den Filmpreis von Amnesty International bei der Berlinale im Februar 2020 konkurrierten. Die Jury des mit 5.000 Euro dotierten Preises, bestehend aus Amnesty-Generalsekretär Markus N. Beeko, Moderatorin Anke Engelke, Regisseur Sebastian Schipper und Regisseurin Maryam Zaree, befand, dass dieser Film weit über Tschetschenien hinausgehe. Er lasse das Publikum ohne Rücksicht Brutalität und Unmenschlichkeit erleben, die zeige, wie es ist, "als der Mensch, der man ist, gehasst und mit dem Tode bedroht zu werden". Er mache aber auch das Gegenteil sichtbar: "Das Glück und die Schönheit, die es bedeutet, der sein zu dürfen, der man ist; ein freier Mensch." Aus einem Film über Hass sei ein Film über Liebe geworden.

"Welcome to Chechnya". USA 2020. Regie: David France

Weitere Artikel