Amnesty Journal Somalia 28. August 2019

Mit Augen und Bildern

Luftaufnahme einer Gegend mit zahlreichen Feldern.

Google-Earth-Aufnahme des Dorfes Darusalaam, Somalia, 2019 (Bild 1).

Mit traditionellen Recherchemethoden und modernen ­Mitteln hat Amnesty der US-Armee zivile Tote in Somalia nachgewiesen.

Von Sam Dubberley

Seit dem Amtsantritt Donald Trumps 2017 haben die USA ihre Luftangriffe mit unbemannten Flugzeugen und Drohnen weltweit drastisch erhöht. Allein in Somalia waren es 2018 mehr als in ­Libyen und im Jemen zusammen. Dennoch beharrte die US-Regierung bis April dieses Jahres darauf, dass dort keine Zivilisten getötet worden seien. Erst nach der Veröffentlichung des Amnesty-Berichts "The Hidden US War in Somalia" räumte das US-Afrikakommando (Africom) ein, dass eine Frau und ein Kind durch einen Drohnenangriff umgekommen seien. Amnesty geht davon aus, dass zwischen November 2017 und Dezember 2018 14 Zivilisten getötet und acht verletzt wurden.

Unsere Untersuchungsmethoden umfassen eine ganze Reihe an Techniken: In Mogadischu sprachen wir mit Zeugen und Familienangehörigen von Opfern. Mithilfe von Satellitenbildern suchten wir nach Sprengkratern. Und wir haben Open-Source-Techniken genutzt, um Beiträge in sozialen Medien auf ihre Echtheit zu prüfen. Die besten Ergebnisse erzielen wir, wenn wir alle Techniken kombinieren. So konnten wir nachweisen, dass drei Bauern aus Darusalaam – Ibrahim Siid Whehelow, Hassan Meyow Abkey und Ahmed Jeylani Sheekow – auf dem Feld, auf dem sie gearbeitet hatten, getötet wurden.

Bei Gesprächen mit Bewohnern des Dorfes Darusalaam erfuhren wir, dass die drei Männer am 11. November 2017 nachmittags zur Arbeit gegangen waren: Sie hatten den Shabelle-Fluss überquert und liefen 30 bis 45 Minuten. Weil sie bis spät abends arbeiteten, beschlossen sie, dort zu nächtigen. Am 12. November gegen 3 Uhr morgens wurden sie bei einem Luftangriff getötet – ohne Vorwarnung. Am Morgen trafen Al-Shabaab-Kämpfer ein und machten Fotos der Leichen, die sie in den sozialen Medien veröffentlichten. Die Analyse dieser Fotos ermöglichte es uns, genau nachzuvollziehen, wo die drei Männer ums Leben kamen.

Um den genauen Ort ausfindig zu machen, nutzten wir verschiedene Techniken. Es fing mit einfacher Schulmathematik an – mit der Formel: Entfernung = Geschwindigkeit x Zeit. Wir waren darüber informiert, dass das Bild die drei Männer zeigte. Ebenso hatten wir erfahren, dass sie 30 bis 45 Minuten zu ihrem Feld gegangen waren. Geht man von einer durchschnittlichen Gehgeschwindigkeit von etwa fünf Stundenkilometern aus, können wir annehmen, dass die Männer zwischen 2,5 und 3,75 Kilometer vom Fluss zum Feld gelaufen sind.

Bei unseren Open-Source-Untersuchungen verwenden wir viele frei verfügbare Tools. Mit am wichtigsten war bei dieser Recherche Google Earth Pro. Wir nutzten eine Reihe von Geodaten-Messgeräten, um die Länge des Weges der Männer zu messen. Als wir die mögliche Distanz festgelegt hatten, gestaltete sich unsere Spurensuche ­etwas einfacher.

Luftaufnahme einer Gegend mit zahlreichen Feldern.

Google-Earth-Aufnahme des Dorfes Darusalaam, Somalia, 2019 (Bild 1).

Luftaufnahme eines Felds mit einem vergrößertem Ausschnitt rechts unten.

Google-Earth-Aufnahme eines Felds bei Darusalaaam, Somalia (Bild 2).

Schließlich untersuchten wir alle markanten Merkmale auf den Bildern. Insbesondere einen sehr großen Baum, der rechts im Bild eingekreist ist, war ein guter Anhaltspunkt. Auch die Abstände zwischen den anderen Bäumen waren nützliche Indizien. Wir wussten, wie groß die Entfernung von Darusalaam war, das erleichterte die Suche. (Bild 1)

Wir sahen ein Feld mit auffälligen Bäumen – 1,4 Meilen von Darusalaam entfernt. So konnten wir den großen, markanten Baum, die Hecke und das gepflügte Feld ausmachen, auf dem die drei Männer gearbeitet hatten und an dessen Rand sie am Morgen des 12. November 2017 getötet wurden. (Bild 2)

Dies ist letztlich nur einer von fünf Fällen, die wir untersuchten, bei denen US-Luftangriffe Zivilisten in Somalia töteten und verletzten. Das US-Militär bekannte sich bislang nur zu einem Bruchteil der 110 Vorfälle, die es seit Juni 2017 gab. Es ist noch ein langer Weg, bis die US-Armee das volle Ausmaß der ­zivilen Opfer in Somalia einräumen wird.

Sam Dubberley leitet das Digitale Verifizierungskorps von Amnesty ­International.

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