Amnesty Journal Mexiko 28. August 2019

Die Clique schlägt zurück

Über eine Schulter auf ein Handy geblickt, im Hintergrund ein Gemälde.

Aktivistinnen setzen sich mit Webinformationen und Graffiti gegen Machogewalt zur Wehr. Ciudad Juárez, 2019.

Millionen Mexikanerinnen werden im Internet Ziel von Angriffen. Betroffene und Aktivistinnen wehren sich.

Von Dorothea Bornewasser

Eine Gruppe flippiger Frauengestalten stellt sich hinter die Comicfigur Leos, eine vierarmige Blauhaarige mit drei Augen. Die Frau sieht sich ungeahnten Attacken ausgesetzt, als ihr Freund ein intimes Foto von ihr ungefragt ins Netz stellt. Die Szene aus dem interaktiven Cybercomic findet sich auf der Webseite von La Clika – Libres en linea (Die Clique – online frei). Mit präzisen Handlungsvorschlägen bieten die Macherinnen Frauen und Mädchen Hilfe an, die Ziel von Gewalt im Netz sind – und das ist in Mexiko jede siebte.

Mehr als neun Millionen Mexikanerinnen waren schon einmal von der Veröffentlichung intimer Fotos ohne ihre Zustimmung betroffen, vom Hacken ihrer Konten in sozialen Medien bis hin zu Erpressungsversuchen und Todesdrohungen über das Internet.

"Das Internet ist der meistbesuchte öffentliche Raum", sagt Lulú V. Barrera, Mitbegründerin des feministischen Kollektivs Luchadoras, die das Projekt La Clika aufgebaut hat. Ziel sei es, Frauen und Mädchen Informationen zu liefern, um das, was ihnen geschieht, beim Namen nennen zu können – und aktiv zu werden. Die meisten Betroffenen digitaler Gewalt in Mexiko sind zwischen 12 und 29 Jahre alt. Viele wagen nicht zu erzählen, was ihnen passiert ist, oder werden von ihrem Umfeld an den Pranger gestellt.

La Clika beruht auf langer Vorarbeit. Im Jahr 2017 veröffentlichten die Luchadoras einen Bericht für die UN-Sonderbeauftragte für Gewalt gegen Frauen, Dubravka Šimonović. "Das Internet ermöglicht neue Formen der Gewalt gegen Frauen", betont Šimonović. "Aber die Mehrheit der Staaten versagt noch, dieses Problem in den digitalen Räumen als eine 'echte' Form der Gewalt anzuerkennen." Amnesty International veröffentlichte 2018 einen Bericht über Gewalt gegen Frauen im Netz unter dem Titel "Toxic Twitter".

"Digitale Gewalterfahrungen sind real und lösen bei Betroffenen psychische und physische Beschwerden aus, wie Depressionen, Angstzustände, chronische Rücken-, Bauch- und Kopfschmerzen", sagt Barrera. Eine wichtige Botschaft sei deshalb: "Es ist nicht deine Schuld!« Im Unrecht seien "die Männer, die Fotos ohne Einverständnis der Abgebildeten versenden oder weiterverbreiten". Ein Weg dagegen ist das sogenannte Safer Sexting über Dienste wie Telegram, die es erlauben, Fotos anzusehen, aber nicht zu speichern. "Eine Präventionsmaßnahme kann auch sein, Aufnahmen ohne Gesicht zu machen", sagt Barrera.

Die Vorsicht ist mehr als berechtigt: So wurde die mexikanische Senatorin Ana Guevara Opfer zahlreicher Attacken im Web, als sie einen brutalen Übergriff auf sich öffentlich machte. Ihr Fall half aber auch, Gesetzesinitiativen gegen digitale Gewalt in neun Bundesstaaten durchzusetzen. In Puebla, Yucatán und Chiapas sind diese am umfangreichsten und sehen Gefängnisstrafen von sechs bis zwölf Jahren vor.

Inwieweit die Gesetze aber auch konsequent angewandt werden, ist zweifelhaft. So etwa in dem als "Stadt der Femizide" bekannten Ort Ciudad Juárez. Eine Facebook-Gruppe mit 63.000 Männern, die intime Fotos verbreiten, hat hier ihren Sitz. Das "Imperio Alpha«"fordert seine Mitglieder auf, packs – Nacktaufnahmen von Frauen – zu teilen. Die "Alphas" sind in der Stadt mit Autoaufklebern omnipräsent.

Betroffene wie Tania, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, setzen sich über Facebook zur Wehr. "Ich schäme mich nicht für meine Fotos", schreibt sie dort. Doch beinträchtigten die im Internet kursierenden Bilder ihre heutige Beziehung, sorgten für Eifersucht und Misstrauen. "Lasst mich endlich in Ruhe!", fordert sie.

"Das Gefährliche am Imperio Alpha ist die Normalisierung von Frauenverachtung im Netz", urteilt Lluvia, die ebenfalls ­anonym bleiben will. Einst war sie selbst aktiv in Ciudad Juárez, schrieb für anarchistische Fanzines und setzte sich gegen Frauenmorde ein. Bis eines Tages Polizeibeamte an ihren Informationsstand im Stadtzentrum kamen, um sie einzuschüchtern. Seitdem hat sich Lluvia zurückgezogen. Doch ihr Unmut, über das, was in der Stadt geschieht, bleibt. Gerade wenn Beziehungen auseinandergehen, können Manipulation und Kontrolle über die Ex-Partnerin in Racheakte umschlagen – beispielsweise mit dem Verbreiten intimer Fotos im Netz. Das Imperium Alpha bietet da eine beliebte Struktur. "Bei den Alphas ist Vorsicht geboten. Sie sprechen Frauen und Mädchen ihre Persönlichkeitsrechte ab und machen die Degradierung zu Sexualobjekten salonfähig", so Lluvia.

Auch Verónica Corchado, Direktorin des städtischen Fraueninstituts von Ciduad Juárez, hat das Imperio Alpha im Blick. "Gruppen wie diese machen Erfolge in der Umsetzung von Menschenrechten und damit Frauenrechten zunichte." Die Feministin war jahrelang in zivilgesellschaftlichen Projekten aktiv, um die Mütter verschwundener Frauen und Mädchen zu unterstützen. Vor zwei Jahren fasste sie den Entschluss, den Gang durch die Institutionen zu wagen. Der ersten parteiunabhängigen Stadtregierung von Ciudad Juárez schlug Corchado ein integrales Sicherheitskonzept für Frauen im Zentrum vor. Sie kennt die Gewalt gegen Frauen in der Grenzmetropole in all ihren Facetten. "Digitale Gewalt ist ein neues weitgreifendes Phänomen. Wir alle haben das Recht, unsere Fotos frei nach unseren ganz individuellen Motiven mit anderen zu teilen."

Diejenigen, die die Fotos von sich gemacht und einer Person ihres Vertrauens geschickt haben, dürften dafür keine Diffamierung erfahren. Vielmehr müssten jene, die gegen die bestehende Rechtsgrundlage handeln, belangt werden. "Denn wer Nacktfotos verbreitet, kann nicht nur dafür bestraft werden. Wenn es sich um Minderjährige handelt, dann liegt Kinderpornografie vor. Gruppen, die mit Likes oder Geld von diesen Dynamiken profitieren, schaffen eine Basis für schwerwiegende Verbrechen gegen Frauen und Mädchen."

Verónica Corchado hat als Pionierin die ersten Baumaßnahmen in Ciudad Juárez und vermutlich ganz Mexiko umgesetzt, die das Recht von Frauen auf eine sichere Stadt in den Mittelpunkt stellen. Rund um die Kathedrale drängen sich flanierende Passanten, Verkaufsstände und Essenskarren. Dahinter verstecken sich kleine Geschäfte und die Eingänge weitausladender Markthallen. Nun wurden hier weiblich besetzte Polizeiposten, Notrufsäulen mit Kameras und überwachte öffentliche Toiletten in lila Farbe eingerichtet. Unterstützt wird das Sicherheitskonzept mit der für das gesamte Stadtgebiet geschaffenen Smartphone-App »Du bist nicht alleine«. Mit dieser werden beim Schütteln des Handys automatisch ausgewählte Vertrauenspersonen der Besitzerin benachrichtigt. "Die neuen Technologien sind nicht nur eine Gefahr, sondern auch ein Chance für Frauen und Mädchen, ihr Leben sicher und selbstbestimmt zu gestalten und ihnen eine Stimme zu geben", so Corchado.

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