Amnesty Journal Irak 10. Mai 2019

Haus um Haus

Ein Bildschirm mit der Ansicht einer Stadt.

Side-Tracker-Ansicht der Stadt Rakka, Irak.

Mehr als 3.000 Freiwillige aus 124 Ländern halfen mit, die Zerstörung der syrischen Stadt Rakka im Rahmen eines Amnesty-Projekts nachzuzeichnen.

Von Peter Stäuber, London

Rakka baut sich langsam wieder auf. Jedes Mal, wenn Donatella Rovera in die syrische Stadt zurückkehrt, ist sie beeindruckt von der Widerstandsfähigkeit der Einwohner. "Man sieht ehemals fünfstöckige Häuser, die auf eineinhalb Stockwerke zusammengeschrumpft sind. Und die Leute räumen die Trümmer auf – nicht mit Maschinen, sondern mit Eimern. Viele Familien leben in halb zerstörten Häusern, manche in einem einzigen Zimmer, dem einige Wände fehlen."

Rovera ist eine der erfahrensten Krisenberaterinnen von Amnesty International, und Rakka stand in den vergangenen Jahren im Zentrum ihrer Arbeit. Als Senior Crisis Response Adviser ist sie Teil eines Teams, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, im ­Detail nachzuzeichnen, wie, wann und von wem die Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde.

Die Idee des Projekts entstand im vergangenen Sommer, ­erzählt Rovera im Internationalen Sekretariat von Amnesty in London. Kurz zuvor hatte sie einen Bericht über die Zerstörung Rakkas veröffentlicht, der schwere Vorwürfe gegen die US-geführte Militärkoalition erhebt. Im Mai 2017 begannen die Luftwaffen mehrerer westlicher und arabischer Staaten mit der Bombardierung der Stadt, um die Dschihadisten der Terrororganisation Islamischer Staat aus ihrer Hochburg zu vertreiben.

Die Operation dauerte mehr als vier Monate, am Ende waren nach Angaben der Vereinten Nationen 80 Prozent der Stadt zerstört. Amnesty stellte außerdem fest, dass die Luftangriffe Hunderte Zivilisten getötet hatten. "Aber statt die Verantwortung zu übernehmen, ging die Koalition in die Defensive: Sie behauptete, unsere Methode sei fehlerhaft, wir verstünden die Realität des Krieges nicht", sagt Rovera. Sechs Wochen später gaben die Streitkräfte zwar zu, dass alle von Amnesty dokumentierten Fälle der Realität entsprachen, behaupteten aber, es handle sich um Ausnahmen.

Rovera war klar, dass das US-Militär nicht in der Lage war, jeden einzelnen Fall seriös zu analysieren – und dass es Amnesty an den notwendigen Ressourcen fehlte, um die gesamte Zerstörung zu untersuchen. "Also überlegten wir uns, wie wir unsere Analyse ausweiten können."

Das Strike-Tracker-Projekt war das Resultat. Es bedient sich einer Methode, die für Amnesty in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist: die Mitarbeit von freiwilligen Helferinnen und Helfern. Milena Marin aus der Amnesty-Zentrale in London zog das Projekt auf. "Das Problem war, dass uns genaue Daten fehlten. Nach Angaben der UNO waren in Rakka 11.000 Gebäude zerbombt worden. Zudem wussten wir, dass dies irgendwann zwischen Mai und Oktober 2017 passiert war." Exakte Informationen zum Zeitpunkt der Zerstörung waren jedoch zwingend nötig, um im Einzelnen nachweisen zu können, welche Luftangriffe welche zivilen Opfer und Sachschäden verursacht hatten. "Und so machten wir uns daran, Gebäude für Gebäude unter die Lupe zu nehmen", sagt Marin.

Zwei Frauen lehnen an einem Pfosten.

Milena Marin und Donatella Rovera im April 2019 in London.

Zunächst sammelte das Team Unmengen von Satellitenbildern, die in jenen Monaten von Rakka aufgenommen worden waren. Die Aufnahmen wurden so geschnitten, dass jedes zerstörte Gebäude in sechzehn verschiedenen Bildern gezeigt wurde, aufgenommen jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten, einige vor der Bombardierung, andere danach. Insgesamt waren es mehr als zwei Millionen Bilder, die Marin und ihr Team so aufbereiteten und in eine benutzerfreundliche Online-Plattform stellten. Dann waren die Amnesty-Mitglieder gefragt. "Sie brauchten keine Erfahrung mit der Analyse von Satellitenbildern, nur Detailgenauigkeit, einen Computer oder ein Mobil­telefon mit Internetzugang", sagt Marin.

Über die Ländersektionen von Amnesty wurden Freiwillige gesucht, sogenannte digitale Decoder, die sich sogleich an die Arbeit machten. Jeder nahm sich jeweils ein Gebäude vor, sah sich die Abfolge der Bilder an und machte den Zeitpunkt aus, an dem das Haus zerstört wurde. So konnten die Decoder den Zeitpunkt der Bombardierung meist auf wenige Tage einschränken. Zur Qualitätskontrolle wurde jedes Gebäude mindestens von drei verschiedenen Decodern analysiert; bei schwierigen Fällen, oder wenn es Unstimmigkeiten gab, überprüften die Amnesty-Mitarbeiter die Satellitenbilder selbst noch einmal. Mehr als 3.000 Freiwillige beteiligten sich am Projekt, insgesamt steuerten sie nach Schätzung von Amnesty mehr als 4.100 Arbeitsstunden bei.

Mit ihrer Hilfe konnten Millionen von Bildern exakt analysiert und die Zerstörung der Stadt im Detail nachgezeichnet werden. "Wir sahen, welche Stadtteile zuerst bombardiert wurden, wie sich die Menschen bewegten, wie sich die Frontlinie verschob", sagt Rovera. Die Resultate des Strike-Tracker-Projekts flossen dann in die breitere, multidimensionale Recherche von Amnesty ein.

Feldarbeit war nach wie vor entscheidend. Rovera selbst hielt sich oft in Rakka auf, sprach mit Zeugen und Überlebenden vor Ort und untersuchte einzelne zerstörte Gebäude im Detail. Zudem arbeitete sich das Team durch unzählige Videos, die in jenen Monaten in der Stadt aufgenommen und in den sozialen Medien verbreitet wurden. Alle Komponenten der Recherche wurden dann zusammengefügt zu einem umfassenden Bild der Verwüstung von Rakka.

Das Strike-Tracker-Projekt wäre nicht möglich, ohne die Verfügbarkeit großer Mengen an Satellitenbildern. Rovera vergleicht die Situation heute mit der vor zehn Jahren, als Israel im Rahmen der Operation Cast Lead den Gazastreifen bombardierte und Amnesty ohne jegliche Satellitenaufnahmen auskommen musste. "Heute hingegen ist es ganz anders: Wenn man weiß, dass an einem bestimmten Ort Kriegshandlungen bevorstehen, können wir Satellitenbilder in Auftrag geben." Früher war dies viel teurer, sagt Marin, und in vielen Fällen war es gar nicht möglich. "Jetzt gibt es hingegen unzählige kommerzielle Unternehmen, bei denen wir Satellitenaufnahmen bestellen können."

Ebenso zentral wie die Fortschritte in der Technologie war die Mitarbeit der Amnesty-Mitglieder – ein Modell, das in Zukunft öfter zur Anwendung kommen soll. "Unser Ziel ist es, einen sinnvollen digitalen Aktivismus zu schaffen, der über die Unterzeichnung einer Petition oder ein ›Like‹ auf Facebook hinausgeht", sagt Marin. "In diesem Projekt konnten die Amnesty-Mitglieder nützliche Daten produzieren, die dann in unsere Recherchen einflossen." Es war im wörtlichen Sinn ein weltumspannendes Projekt: Die digitalen Freiwilligen kamen aus 124 Ländern, manche aus Rakka selbst.

Ende April startete in London eine Ausstellung über die Zerstörung von Rakka. "Wir haben uns entschieden, diesmal keinen Bericht zu schreiben, sondern eine multimediale Plattform zu schaffen", sagt Rovera. "Dazu gehören Resultate von Strike Tracker, schriftliche Dokumentationen von einzelnen Fällen, 360-Grad-Bilder, Google-Earth-Fotos sowie Analysen von Militär­experten." Das Amnesty-Team will zunächst erreichen, dass die von den USA geführte Koalition die Verantwortung für die Zerstörung übernimmt. "Letzten Endes sollten die Verantwortlichen jedoch Reparationen zahlen. Denn die Leute in Rakka ­haben alles verloren – und sie haben bislang kaum Hilfe erhalten."

Hier kannst du das Projekt ansehen: https://decoders.amnesty.org/projects/strike-tracker

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