Amnesty Journal Eritrea 21. Februar 2020

Gefährliche Gedichte

Farbige Frau mittleren Alters blickt lächelnd in die Kamera.

Wegen Versen verhaftet: Die Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu

Die Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu saß in Eritrea sechs Jahre lang unschuldig im Gefängnis. Aus Angst vor einer erneuten Verhaftung ist sie aus ihrer Heimat geflohen. Cornelia Wegerhoff traf sie in München.

von Cornelia Wegerhoff

Die gute Nachricht ist: Yirgalem Fisseha Mebrahtu strahlt. Sie kommt gerade von einer Lesereise zurück, hat in London, Manchester und Birmingham aus ihrem neuen Gedichtband vorgetragen. Und sie hat einen ihrer Brüder getroffen. Endlich! Mehr als zehn Jahre lang hatte sie ihn nicht gesehen. Zuhause in Adi Keyh, im Hochland von Eritrea, waren sie sieben Geschwister, erzählt Yirgalem. Immer war was los. Als sie dann eines Tages völlig verzweifelt in einer Einzelzelle im Gefängnis gesessen hat, habe sie angefangen zu beten: "Gott, gib mir nur eine Minute, in der ich noch mal meine Familie sehen kann." Ihre Freiheit hat die Lyrikerin und Journalistin wieder, ihre Großfamilie nicht. Da war das weih­nachtliche Treffen mit einem ihrer Brüder ein Geschenk.

"Und trotzdem liebe ich mein Land"
Yirgalem ist aus Eritrea geflohen. Seit Dezember 2018 lebt sie allein in München im Exil. Drei ihrer Brüder halten sich inzwischen ebenfalls in Europa auf. Sie kenne keine einzige eritreische Familie, in der es nicht abgewanderte Angehörige gebe, sagt die 37-Jährige. Aus keiner afrikanischen Nation fliehen so viele Menschen wie aus Eritrea. Der langjährige Krieg mit Äthiopien, eine völlig verfehlte Planwirtschaft und vor allem Korruption und Machtmissbrauch haben das Land im Nordosten Afrikas zu einem der ärmsten weltweit werden lassen. Zusätzlich leiden die Eritreer unter der menschenverachtenden Unterdrückung durch ihr totalitäres Regime. "Und trotzdem liebe ich mein Land", sagt die Autorin. Ihre Eltern und ihre anderen Geschwister seien doch dort. Und vor allem: ihr wahres Publikum.

Yirgalem schreibt Gedichte. Schon in der Grundschule hat sie damit angefangen. Als Studentin gründete sie zusammen mit anderen einen Literaturclub. Alles, was die junge Frau erlebt und fühlt, fasst sie in Verse. Und sie fand damit schnell Gehör. Die Worte der Lyrikerin berührten die Menschen in Eritrea. Über hundert Gedichte hatte Yirgalem sowohl in privaten als auch staatlichen Zeitungen Eritreas veröffentlicht, ist sogar mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden, als sie im Februar 2009 überraschend festgenommen wurde.

Die ganze Redaktion festgenommen
Dabei habe sie die Zustände in Eritrea in ihren Gedichten nie offen kritisiert, betont Yirgalem. Sie habe schließlich gewusst, wie gefährlich das sei. Willkürliche Verhaftungen sind in dem Land an der Tagesordnung. In der jährlich erscheinenden "Rangliste der Pressefreiheit" von Reporter ohne Grenzen rangiert das Land seit Jahren auf den letzten Plätzen. Die Schere der Selbstzensur sei ständig in ihrem Kopf gewesen, sagt Yirgalem. "Ich dachte also, die suchen jemand anderen", erinnert sie sich an den Tag ihrer Festnahme.

Sie verdiente damals ihr Geld bei Radio Bana, einem staatlichen Bildungssender, war verantwortlich für Themen aus der Landwirtschaft. Die Soldaten, mehr als ein Dutzend Männer, nahmen gleich die gesamte Redaktion fest: 26 Kollegen und – als einzige Frau – Yirgalem. Bei ihrer Vernehmung hielt man ihr Kontakte zu oppositionellen Medien außerhalb des Landes vor. Doch seien ihr noch nicht einmal die Namen der Sender bekannt gewesen, sagt Yirgalem. Außerdem hätten die Sicherheitskräfte sie zu ihren Gedichten befragt, welche Botschaft in ihnen versteckt sei. Mit dem verflossenen Liebhaber, über den die Protagonistin in einem ihrer Gedichte klagt, habe sie doch sicher den Präsidenten gemeint, versuchte sich der eritreische Sicherheitsapparat in der Ausdeutung der Metaphorik. Die Lyrikerin muss heute noch darüber lachen. Dabei hat sie für die absurden Unterstellungen bitter bezahlt: Sechs Jahre lang saß Yirgalem im Gefängnis. Den genauen Grund kennt sie bis heute nicht. Es gab weder eine offizielle Anklage noch eine Gerichtsverhandlung.

"Nordkorea Afrikas"
Eritrea wird als "Nordkorea Afrikas" bezeichnet. Schon seit Jahren kritisiert der UN-Menschenrechtsrat die totalitären Praktiken, mit denen das Regime unter Präsident Isaias Afewerki die etwa fünf Millionen Bürger und Bürgerinnen schikaniert. So wird der obligatorische Militärdienst willkürlich ausgedehnt und kommt faktisch Zwangsarbeit gleich. "Moderne Sklaverei", sagt Yirgalem. Jeder, der versucht, der Unterdrückung zu entgehen, muss mit sofortiger Inhaftierung in Militärgefängnissen rechnen. Und dort mit Folter.
"Frage auf Frage", so der vieldeutige Titel eines der Gedichte von Yirgalem aus der Zeit vor ihrer Verhaftung. Darin heißt es:

Meine Fragen werden immer mehr,
während ich schrumpfe, wachsen sie sogar.
Fragen in meinen Händen, in meinem Mund,
Fragen in meinem Kopf, in meinem Herzen,
Fragen (stehen) vor mir, hinter mir,
eine Frage hier, eine andere dort,
in dieser Richtung, in jener, Fragen überall.
Ich verabscheue dies, ich kann es nicht länger aushalten,
ich will Veränderung, ich sehne mich nach der Antwort.

Isolationshaft auf zwei mal zwei Metern
Die Antwort, die die Dichterin bekam, war anders als erwartet: Sie landete im Hochsicherheitstrakt, zu Beginn sogar in Isolationshaft, im berüchtigten Gefängnis "Mai Swra" vor den Toren der eritreischen Hauptstadt Asmara. Zwei mal zwei Meter groß sei ihre Zelle dort gewesen, erzählt sie. Sie wurde misshandelt und gefoltert. Immer wieder musste sie aufgrund ihrer Verletzungen wochenlang auf die Krankenstation, saß im Rollstuhl. Nach ihrer Freilassung 2015, der schon bald die nächste Verhaftung und wieder vier Monate Gefängnis folgten, blieb Yirgalem nur noch die Flucht.

"Ich lebe noch", heißt der trotzig-tapfere Titel ihres Gedichtbandes, den sie 2019 in ihrer Muttersprache Tigrinya veröffentlicht hat. Manche ihrer Texte hat sie heimlich im Gefängnis geschrieben. An Übersetzungen ins Englische und Deutsche wird gerade gearbeitet. Yirgalem ist Stipendiatin des "Writers-in-Exile"-Programms des deutschen PEN-Zentrums. Nach Jahren der Verfolgung hat ihr die deutsche Schriftstellervereinigung Zuflucht angeboten und unterstützt sie bei Veröffentlichungen. Ihre traumatischen Erlebnisse hinter Gittern beschreibt die Autorin mittlerweile in Kurzgeschichten.

Von München aus versucht Yirgalem sich auch für ihre Kolleginnen und Kollegen einzusetzen. Elf Schriftsteller, Dichter und Journalisten seien seit mittlerweile 18 Jahren inhaftiert, sagt Yirgalem. Niemand weiß, wohin genau sie verschwanden und ob sie überhaupt noch am Leben sind. Amnesty geht von Tausenden politischen Gefangenen in Eritrea aus. Yirgalems bitteres Fazit: "Eritrea ist wie ein großes Gefängnis."

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