Aktuell Libanon 04. September 2020

Einen Monat nach der Explosion: "Beirut ist nicht gerade ein Ort der Hoffnung in diesen Tagen"

Luftbild: Skyline des Hafens von Beirut am Mittag, im Zentrum zerstörte Hafengebäude, Rauchschwaden in der Luft

Luftaufnahme des zerstörten Hafenviertels in der libanesischen Hauptstadt Beirut am Tag nach der Explosion vom 4. August

Heute vor einem Monat gingen die schockierenden Bilder der verheerenden Explosion in Beirut um die Welt: Mindestens 190 Menschen wurden am 4. August getötet, mehr als 6500 verletzt. Bereits vor der Katastrophe war die Situation im Libanon aufgrund politischer und wirtschaftlicher Krisen und der Corona-Pandemie äußerst prekär. Im Interview berichtet Sahar Mandour über die aktuelle Lage. Sie arbeitet als Libanon-Expertin im Nahost-Büro von Amnesty International in Beirut.

Interview: Stefan Wirner

Sahar, wie hast du den Moment der Explosion erlebt? 

Porträtfoto einer jungen Frau, sie blickt direkt in die Kamera

Sahar Mandour, Amnesty-Expertin für den Libanon

Ich saß gerade mit mehreren Frauen im Pool-Bereich eines Hotels im Beiruter Stadtviertel Hamra, darunter auch eine Freundin, die ein paar Tage vorher aus London gekommen war und in dem Hotel wohnte. Wir sahen uns auf ihrem Handy gerade das Video von dem Feuer an, das vor der Explosion im Hafen ausgebrochen war, als wir plötzlich diesen riesigen Knall hörten. Und dann sahen wir, wie alles um uns herum – Glasscherben, Holz, Eisenteile – durch die Luft und in unsere Richtung flog.

Als ich mich gefasst hatte, war ich völlig überströmt vom Blut meiner Freundin. Den ganzen Abend, von 18:10 Uhr bis Mitternacht, waren wir von einem Krankenhaus zum nächsten unterwegs, um eine Behandlungsmöglichkeit für sie zu finden, genauso wie Hunderte andere verletzte Personen, die sich vor den Eingängen der Krankenhäuser sammelten. Das vierte Krankenhaus, bei dem wir ankamen, nahm uns schließlich auf. Wir warteten drei Stunden, bis das tapfere medizinische Personal Zeit hatte, die Wunden meiner Freundin zu behandeln. Sie hatte drei Verletzungen im Gesicht. Inzwischen geht es ihr aber wieder besser und sie ist zurück in London.

Wie war die Reaktion der Bevölkerung in Beirut?

Schon in der Nacht nach der Explosion zeigten viele ihre Wut und ihr Aufbegehren gegen den Staat in den Straßen. "Sie haben uns in die Luft gejagt", hörte man schockiert aus allen Mündern. Am 5. August zeigten die Leute ihren Protest, indem sie die Straße der zerstörten Bezirke übernahmen und den abwesenden Staat ersetzten, indem sie Schutt von den Straßen und aus den Häusern räumten und den Betroffenen auf alle mögliche Arten halfen. Der Staat ließ sich mindestens eine Woche lang nach der Explosion nicht blicken, trotz der Hilferufe an seine verschiedenen Behörden, die Arbeiten zu organisieren, die Zerstörung zu dokumentieren und die Gebäude hinsichtlich des Einsturzrisikos einzustufen.

Es waren hauptsächlich Freiwillige, die den zerstörten Bezirken und den Menschen dort halfen. Die ersten waren Gruppen junger Menschen, im späten Teenager-Alter oder Anfang 20, die im vergangenen Jahr während der Protestwelle, die am 17. Oktober begonnen hatte, zum ersten Mal zusammengekommen waren und den Sturz des Regimes gefordert hatten.

Bald kamen Freiwillige aus allen Altersgruppen zwischen 20 und 70 hinzu, die auch Teil der Protestbewegung im Oktober gewesen waren: Pfadfindergruppen aus dem ganzen Libanon, Aktive aus lokalen humanitären Organisationen, feministische Kollektive, familiäre, religiöse oder regionale Gemeinschaften und so weiter.

In den Tagen nach der Explosion kam es zu größeren Protesten in Beirut. Wer ging auf die Straße? 

Am 8. August riefen verschiedene Gruppe zum Protest auf. Es sollte um die Opfer getrauert und Rechenschaft von der Regierung gefordert werden. Die Polizei und militärische Einheiten schlugen auf die friedlichen und unbewaffneten Protestierenden ein. Es war klar zu erkennen, dass sie die Absicht hatten, die Protestierenden zu verletzen. Die Sicherheitskräfte schossen unfassbare Mengen Tränengas, Gummigeschosse und Schrotmunition ab, die potenziell auch tödlich sein kann. Sogar medizinisches Personal wurde zum Ziel dieser Gewalt.

Im Hintergrund schwer ausgerüstet Polizisten mit Schutzschildern, davor Demonstrierende

Regierungskritische Proteste in der libanesischen Hauptstadt Beirut am 8. August 2020

 

Also gingen die Sicherheitskräfte äußerst brutal vor.

Als Beobachterin kann ich versichern, dass wir mit einer unglaublichem Menge an Tränengas beschossen wurden, selbst als wir in entfernten Ecken standen. Außerdem wurde offenbar mit Schrotflinten, die sonst auch bei der Jagd verwendet werden, scharf geschossen – diese werden nun auch gegen Protestierende eingesetzt. Die Sicherheitskräfte schossen gezielt auf Köpfe, Brust, Bauch und Arme der Protestierenden. Diese Gewalt war hässlich und unnötig. Amnesty hat diese Polizeigewalt scharf kritisiert in einer Pressemitteilung. Viele Menschen glauben, dass die Behörden gesetzeswidrig mit einer derartigen Gewalt vorgingen, um eine ähnliche Protestwelle wie die vom Oktober zu verhindern, die bis in den März 2020 angedauert hat, bis zu dem Zeitpunkt, als die Pandemie-Maßnahmen ergriffen wurden.

Inzwischen ist die Regierung zurückgetreten. Was wird jetzt im Libanon geschehen?

Es wird bald eine neue Regierung gebildet werden. Wir wissen nicht, was im Libanon geschehen wird. Es herrscht völlige Unklarheit, und das mitten in einem nie dagewesenen wirtschaftlichen Zusammenbruch, mitten in politischen Unruhen und einer gesundheitlichen Notsituation. Die meisten in unserem Freundes- und Bekanntenkreis wollen aufgrund von Hoffnungslosigkeit und Angst vor weiteren künftigen Verheerungen das Land verlassen. Es ist allgemein bekannt, dass der Libanon in regionale Konflikte verstrickt ist und die Menschen wenige Möglichkeiten haben, darauf Einfluss zu nehmen. Beirut ist derzeit nicht gerade ein Ort der Hoffnung. Einen Monat nach der Explosion lässt sich kaum jemand hier finden, der das alles irgendwie unbeschadet überstanden hätte. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt – aber wir befürchten, dass es noch schlimmer wird. 

Welche Rolle spielt die Hisbollah im Moment?

Hisbollah ist eine Regierungspartei im Libanon. Sie ist im Parlament und in der Regierung seit 2005 stark vertreten und bildet eine Allianz mit zwei anderen Hauptregierungsparteien: Dem Amal Movement des Parlamentssprechers und dem Free Patriotic Movement, angeführt vom Präsidenten der Republik. Die Hisbollah ist auch die einzige Partei im Libanon mit einem offiziell anerkannten bewaffneten Flügel. Er besitzt schwere Waffen. Seit dem Ausbruch der Proteste im Oktober hat der Führer der Hisbollah den Protestierenden wiederholt und mit Nachdruck gedroht, dass seine Partei einen Sturz des Regimes nicht hinnehmen, sondern es um jeden Preis verteidigen wird.

Die Corona-Pandemie erschwert die Situation zusätzlich. Wie ist die Lage?

Der Gesundheitssektor war schon vor der Explosion überlastet, weil er den Ausbruch der Pandemie mitten im wirtschaftlichen Zusammenbruch eindämmen musste. Nach der Explosion aber führte die Tatsache, dass Hunderte die Krankenhäuser aufsuchten oder in die verwüsteten Bezirke eilten, um zu helfen, zu einem alarmierenden Anstieg der Infektionszahlen. Die Hilfe und Unterstützung durch regionale und internationale Gemeinschaften half dem Gesundheitssektor dabei, diesen Anstieg einzudämmen.

YouTube-Video über die Menschenrechtssituation im Libanon:

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Einige Berichte besagen, dass die Menschen in Beirut seit der Explosion zusammenstehen und dass eine große Solidarität herrscht. Ist das so?

Ja, das kann ich bestätigen.

Was bedeutet all das für die Menschenrechtsarbeit, insbesondere für die Arbeit von Amnesty International im Libanon?

Die Menschenrechtssituation leidet auf verschiedenen Ebenen darunter, insbesondere was den Zugang der Menschen zu ihren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten betrifft und ihr Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

Die Explosion fand statt vor dem Hintergrund einer schwindelerregenden Wirtschafts- und Finanzkrise, die zu einer achtzigprozentigen Entwertung der lokalen Währung innerhalb eines Jahres führte und Menschen ihre Ersparnisse raubte. Dazu kommen jahrzehntelange staatliche Versäumnisse in so grundlegenden Bereichen wie Strom- und Wasserversorgung sowie landesweite Proteste, die im Oktober 2019 mit dem Ruf nach wirtschaftlichen und sozialen Rechten begannen und bald in die Forderung nach Rechenschaft der Verantwortlichen mündeten.

Wir brauchten einen Tag, um zu trauern und um uns wieder zu sammeln, dann richteten wir uns wieder auf.

Was unser Amnesty-Team betrifft: Einige von uns haben durch die Explosion leichte Verletzungen erlitten oder mussten Zerstörungen an den Häusern hinnehmen. Unser Büro wurde nur leicht in Mitleidenschaft gezogen. Wir brauchten einen Tag, um zu trauern und um uns wieder zu sammeln, dann richteten wir uns wieder auf. Bisher gab es keine offiziellen Einschränkungen, die unsere Arbeit oder unsere Bewegungsfreiheit, um Betroffene zu befragen, gefährdet hätten. Unser Büro ist wieder intakt, dennoch arbeiten wir aus der Ferne und von zu Hause aus aufgrund der Pandemie-bedingten Maßnahmen. 

Wie geht es nun weiter?

Wo auch immer wir arbeiten, zu Hause, im Büro oder draußen: Es kommt darauf an, dass wir die Menschenrechte im Libanon verteidigen. Wenn eine schlimme Katastrophe passiert, bleibt dir nichts anderes übrig, als dafür zu arbeiten, dass sich die Dinge verbessern. Wir nehmen heute im Libanon die Frage der Gerechtigkeit sehr persönlich.

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