Aktuell 27. Februar 2019

Amnesty Deutschland unterstützt Generalsekretär Naidoo bei Neubeginn

Amnesty-Logo: Kerze umschlossen von Stacheldraht

Die aktuellen Berichte über massive Missstände im Umgang mit den Mitarbeiter_innen des Internationalen Sekretariats in London und seiner Regionalbüros haben auch die deutsche Amnesty-Sektion schockiert. Vorstand und Leitung des Sekretariats der deutschen Sektion haben angekündigt, den internationalen Generalsekretär Kumi Naidoo bei einem Neustart zu unterstützen. 

Nach mehr als fünf Jahrzehnten erfolgreicher globaler Menschenrechtsarbeit hat das Internationale Sekretariat von Amnesty International in den vergangenen fünf Jahren große strukturelle Veränderungen angestoßen, um Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt noch präziser und hartnäckiger dokumentieren und verfolgen zu können.

Nach dem Prinzip "Moving closer to the ground" hat sich Amnesty das Ziel gesetzt, in mehr Regionen vor allem auch des globalen Südens Präsenz vor Ort zu zeigen und enger mit der lokalen und regionalen Menschenrechtsbewegung zusammenzuarbeiten. Dieser Prozess hat – wenngleich er ein wichtiges Ziel verfolgt – auch zu Problemen und schweren Belastungen für viele Mitarbeiter_innen im Internationalen Sekretariat und seinen Regionalbüros geführt.

Langjährige Kolleg_innen fühlten sich nicht ausreichend mitgenommen und eingebunden in diesen Prozess und hatten mit der neuen Organisationsstruktur Probleme. Es gibt eine Reihe von Klagen über den nicht wertschätzenden Umgangston und das Führungsverhalten im Internationalen Sekretariat und den Regionalbüros.

Zwei Suizide von Mitarbeiter_innen des Internationalen Sekretariats im vergangenen Jahr haben die gesamte Organisation betroffen gemacht, zumal bei einem auch die Arbeitssituation mit ursächlich war. Die beiden tragischen Todesfälle haben zu Recht das Internationale Sekretariat und das International Board alarmiert, die auch umgehend und transparent gehandelt haben und umfangreiche Untersuchungen einleiteten.

Während der Untersuchungen wurden Interviews mit Mitarbeiter_innen des IS und weiteren Beteiligten geführt und ausgewertet. Die dokumentierte Arbeitskultur im Internationalen Sekretariat entspricht nicht dem Selbstverständnis der deutschen Sektion von Amnesty International. Amnesty Deutschland ist kein Teil der externen Untersuchung gewesen, da diese sich ausschließlich auf das Internationale Sekretariat und seine fünf Büros konzentriert hat.

Mit dem Betriebsrat und einem Schlichtungsteam hat Amnesty Deutschland zwei Gremien, an die sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Vereinsmitglieder mit ihren Problemen wenden können.

Amnesty Deutschland arbeitet – unabhängig von den Vorfällen im Internationalen Sekretariat – kontinuierlich daran, die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern. Dazu gehört unter anderem die Einrichtung von zwei Melde- und Vertrauensstellen, an die sich alle Mitarbeiter_innen des SdS und auch Mitglieder des Vereins sowie Externe wenden können, bei Bedarf auch anonym.

Berichte auf Website veröffentlicht

Die Ergebnisse der Untersuchungen im Internationalen Sekretariat zeigen auf dramatische Weise, dass es massive Probleme während des Wandlungsprozesses von Amnesty gibt und entsprechende Warnhinweise nicht ausreichend und nicht rechtzeitig erkannt worden sind.

Die Berichte machen deutlich, dass es deutliche Defizite auf den Management-Ebenen des Internationalen Sekretariats gibt, die das Arbeitsklima schwer belasten. Es fehlte an Respekt und Wertschätzung, Kolleg_innen wurden beschimpft und deutliche Alarmsignale ignoriert.

Das alles ist, so einer der Berichte, ein Mitgrund für den Suizid eines langjährigen Kollegen in Paris gewesen. Beim Tod einer Praktikantin in London spielte das Arbeitsklima keine Rolle. Die Ergebnisse der Untersuchungen sind auf der englischen Website von Amnesty International veröffentlicht worden, um eine offene und transparente Kommunikation zu ermöglichen.

Kumi Naidoo, nun seit knapp einem halben Jahr internationaler Amnesty-Generalsekretär, bezeichnet die Ergebnisse als "äußerst schmerzhaft". Er hat es zu seiner obersten Priorität gemacht, Amnestys Management-Strukturen zu überprüfen und die festgestellten Probleme so bald wie möglich zu lösen. Bis Ende März will Kumi Naidoo konkrete Schritte vorstellen.

In einem offenen Brief hat das Senior Leadership Team im Internationalen Sekretariat (SLT, ein Führungsteam bestehend aus sieben Senior Directors aus verschiedenen Bereichen der Organisation) am 22. Februar die volle Verantwortung für die Vorfälle übernommen. Die Mitglieder des SLT haben ihre Rücktritte angeboten, um Generalsekretär Naidoo einen Neustart zu ermöglichen. Ob Naidoo die Rücktrittsangebote annimmt, ist derzeit noch offen.

Transparenz und Rechenschaftspflicht

Als Menschenrechtsorganisation ist es Amnesty besonders wichtig, dem Anspruch an Transparenz und Rechenschaftspflicht gerecht zu werden, den Amnesty an die Gesellschaft, Regierungen und Unternehmen beziehungsweise Organisationen stellt.

Die deutsche Sektion von Amnesty International unterstützt Naidoo dabei, aus Amnesty wieder einen Arbeitsort zu machen, der den Mitarbeitenden die bestmöglichen Bedingungen bietet, um ihre wichtige Arbeit weiterhin motiviert, engagiert und mit Rücksicht auf die individuelle Gesundheit fortsetzen zu können.

Hier ist der Laddie-Report und hier der Konterra-Report zu finden.

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