Aktuell Äthiopien 12. November 2020

Amnesty veröffentlicht Beweise für Massaker mit Dutzenden Toten

Soldaten auf der Ladefläche eines kleinen LKWs, sie tragen Waffen

Kämpfer einer regierungstreuen Miliz sind auf dem Weg in die äthiopischen Region Tigray, um dort gegen die "Tigray People's Liberation Front" (TPLF) zu kämpfen (9. November 2020).

Seit Anfang des Monats kämpft die äthiopische Zentralregierung im Norden des Landes gegen die Regierung der Region Tigray und der mit ihnen verbündeten Truppen. Nun ist die Gewalt weiter eskaliert: Untersuchungen von Amnesty International bestätigen, dass in einer Stadt zahlreiche Zivilpersonen, wahrscheinlich Hunderte, brutal getötet wurden.

Ihre Opfer hatten keine Chance: Unbekannte haben in der Nacht vom 9. November 2020 in der äthiopischen Stadt Mai-Kadra mit Messern und Macheten ein Blutbad angerichtet. Sie töteten Dutzende Menschen, wenn nicht sogar Hunderte. Dies belegen Amnesty-Recherchen.

Die Menschenrechtsorganisation hat dafür zahlreiche Foto- und Videoaufnahmen ausgewertet und digital verifiziert. Darauf ist zu sehen ist, wie in der ganzen Stadt Leichen gefunden und aufgebahrt wurden.

Amnesty bestätigte, dass die Aufnahmen vor Kurzem angefertigt wurden, und verifizierte mithilfe von Satellitenaufnahmen, dass der Ort des Geschehens tatsächlich Mai-Kadra in der Region Tigray ist (14.071008, 36.564681).

"Wir konnten bestätigen, dass ein Massaker an zahlreichen Zivilpersonen stattgefunden hat, die allem Anschein nach Tagelöhner_innen waren und nichts mit der anhaltenden Militäroffensive zu tun hatten. Es handelt sich hier um ein schreckliches Geschehen, dessen wahren Umfang wir noch nicht absehen können, da Tigray zum Großteil von der Außenwelt abgeschnitten ist", so Deprose Muchena, Regionaldirektor für das südliche Afrika bei Amnesty International.
 
"Die Regierung muss die Kommunikationskanäle nach Tigray wiederherstellen, um Rechenschaftspflicht und Transparenz für ihren Militäreinsatz in der Region zu gewährleisten. Zudem müssen humanitäre Einrichtungen und Organisationen zur Beobachtung der Menschenrechtslage uneingeschränkten Zugang zu der Region erhalten. Amnesty International wird nach wie vor alle Mittel einsetzen, um Menschenrechtsverstöße seitens aller Konfliktparteien zu dokumentieren und aufzudecken."

Tweet von Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland, über die Gewalt in Äthiopien:

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Die Organisation hat mit Augenzeug_innen gesprochen, die das Militär mit Lebensmitteln und anderen Gütern versorgten und am Morgen des 10. November, also unmittelbar nach dem tödlichen Angriff, in Mai-Kadra eintrafen. Sie fanden in der ganzen Stadt Leichen und Verletzte vor.

Augenzeug_innen und verifizierten Bildern zufolge wurden die meisten Toten im Stadtzentrum nahe eines Gebäudes der Commercial Bank of Ethiopia sowie entlang einer Straße nach Humera aufgefunden.

Nach Amnesty International vorliegenden Informationen hatten die Leichen klaffende Wunden, die offenbar von scharfen Waffen wie Messern und Macheten stammten. Diese Berichte sind von einem unabhängigen Pathologen bestätigt worden. Laut Augenzeugenberichten waren keine Schusswunden sichtbar.
 
Die Augenzeug_innen gaben an, dass sie gemeinsam mit Angehörigen des Militärs einige Verwundete fanden und diese in Krankenhäuser in Abreha-Jira und Gondar brachten, bevor sie die Leichen aus den Straßen entfernten.

"Die Verletzten sagten, sie seien mit Macheten, Äxten und Messern angegriffen worden. Die Wunden der Toten lassen ebenfalls darauf schließen, dass sie durch scharfe Objekte verursacht wurden. Es ist furchtbar und es macht mich traurig, dies in meinem Leben mitansehen zu müssen", berichtete ein verstörter Zeuge.

Mehrere Polizisten stehen mit Mund-Nase-Masken am Straßenrad, daneben ein roter Pick-Up

Die Polizei des äthiopischen Bundesstaats Tigray sichert am Tag der dort stattfinden Regionalwahlen am 9. September 2020 eine Straße ab.

Amnesty International kann bisher nicht bestätigen, wer für die Tötungen verantwortlich ist. Die Organisation hat jedoch mit Augenzeug_innen gesprochen, die angaben, dass Unterstützer_innen der Volksbefreiungsfront von Tigray ("Tigray People’s Liberation Front", TPLF) die Massentötung zu verantworten hätten. Offenbar hatte das Militär zuvor in einem Gefecht einen Sieg über Einheiten der TPLF errungen.

"Die äthiopischen Behörden müssen unverzüglich eine gründliche, unparteiische und zielgerichtete Untersuchung dieses Angriffs auf die Zivilbevölkerung einleiten und die Verantwortlichen in fairen Verfahren vor Gericht stellen", forderte Deprose Muchena.
 
Noch steht die offizielle Zahl der Opfer in Mai-Kadra nicht fest. Die Medienagentur der Regionalregierung von Amhara, AMMA, berichtete jedoch von etwa 500 Opfern. Ein Mann, der half, die Leichen zu bergen, sagte Amnesty International, dass er anhand der Ausweispapiere einiger Getöteten erkennen konnte, dass die meisten von ihnen der ethnischen Gruppe der Amharen angehörten.

Hintergrund

Am 4. November 2020 entsandte Ministerpräsident Abiy Ahmed das äthiopische Militär in die Region Tigray, um gegen die paramilitärische Polizei der dortigen Regionalregierung und die Milizen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) vorzugehen. Er reagierte damit eigenen Angaben zufolge auf wiederholte Angriffe der Sicherheitskräfte von Tigray auf einen Militärstützpunkt in Mekelle und andere Militärlager in der Region.

Seit Ausbruch des Konflikts kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen staatlichen Truppen (wie dem Militär, der Spezialpolizei der Region Amhara und lokalen Milizen in Amhara) einerseits und bewaffneten Einheiten in Tigray (wie der Spezialpolizei und den Milizen in Tigray) andererseits.

Das Verteidigungsministerium und der Ministerpräsident haben erklärt, dass die äthiopische Luftwaffe mehrere Luftangriffe gegen Militäreinrichtungen der TPLF durchgeführt habe. Der Ministerpräsident und Armeechef gaben an, weiterhin Luftangriffe auf spezielle nicht-zivile Ziele vornehmen zu wollen und wiesen die Anwohner_innen an, sich von Waffendepots und anderen militärischen Zielen fernzuhalten.

Laut Angaben des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) waren bis zum 11. November ungefähr 7.000 Menschen aus dem Westen der Region Tigray in das Nachbarland Sudan geflohen.

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