Deutschland 15. April 2019

Marie Berg, 24

Porträtfoto einer jungen Frau in einem T-Shirt der NGO "Sea Watch" vor tropischen Pflanzen in einem Gewächshaus

Mit 15 habe ich im Zuge eines Schulaustausches ein halbes Jahr in Ägypten gelebt. Gerade als ich entschieden hatte meinen Aufenthalt zu verlängern, wurde uns mitgeteilt, dass wir sofort das Land verlassen müssen. Der Arabische Frühling hatte angefangen und das Auswärtige Amt hielt die Situation für zu gefährlich.

Häuser haben gebrannt und Läden wurden geplündert. Die Wut über die politische Situation und die Lebensumstände war den Menschen anzusehen. Ich wusste in diesem Moment, dass ich bald wieder in meinem behüteten und sicheren Zuhause bei meiner Mama in Deutschland sein würde – während es hier weiter brannte. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was für Situationen Menschen dazu bringen, fliehen zu müssen. Und diese Situation war ja noch verhältnismäßig harmlos im Vergleich zu dem, was in anderen Ländern passiert.

In Düsseldorf habe ich dann 2015 in einer Notunterkunft für Geflüchtete gearbeitet, mit Menschen aus Afghanistan, Syrien, Irak und Iran. Obwohl es über 300 Menschen waren, haben wir uns bald wie eine richtige Familie gefühlt. Diese Erfahrung und mein Aufenthalt in Ägypten haben mich schließlich dazu bewegt, Internationale Beziehungen zu studieren.

Ich wollte verstehen, wieso es überhaupt zu so Situationen wie in Ägypten oder in der Notunterkunft kommen muss. Jetzt mache ich ein Praktikum bei Sea Watch und kann mich aktiv dagegen einsetzen, dass Staaten Menschen an der Flucht hindern oder Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht zu leben und ein Recht auf ein glückliches Leben mit gewissen Lebensstandards hat.

Mein Engagement sehe ich als eine Pflicht, die aus meinen Privilegien hervorgeht: Ich wohne in Deutschland und es geht mir gut. Ich weiß aber, dass andere gerade auf der Flucht sind, weil sie die Hölle auf Erden durchleben. Dagegen kann und muss ich etwas tun. Ich bin natürlich nicht ausschlaggebend, aber ich versuche dazu beizutragen, dass es Menschen besser geht oder sie zumindest nicht auf ihrer Flucht sterben müssen. Das gibt mir ganz viel Kraft und Motivation. 

Oft ist die Arbeit aber auch frustrierend. Gestern ist ein Boot mit 50 Personen im Mittelmeer verschwunden. Die konnten wir nicht retten, weil wir nicht rausfahren durften. Regelmäßig werden Rettungsschiffe beschlagnahmt oder Seenotretter_innen kriminalisiert.

Und dann sind da noch die Hassmails und Briefe. Was ist mit unserer Gesellschaft los, dass Menschen sich die Zeit nehmen, sowas zu schreiben? Dieser Verlust von Empathie und Verständnis geht mir gar nicht in den Kopf.

Es wird immer gesagt: "Wir können ja nicht alle nach Europa holen." Dabei war und ist das nicht die Forderung. Die einzige Forderung ist, dass Menschen nicht ertrinken sollen. Sie sollen nicht wochenlang auf einem Rettungsschiff vor der Küste warten, um dann zu merken: die wollen uns in Europa nicht. Die denken, dass wir schlechte Menschen sind. Das ist doch total verletzend und unmenschlich. 

Der Grundgedanke von Europa ist der Zusammenhalt von verschiedenen Ländern und Menschen. Das ist eigentlich das Schönste, was man sich vorstellen kann. Wir müssen uns aber für ein solidarisches und menschliches Europa einsetzen, in dem jede und jeder willkommen ist. Das Grundgerüst dafür ist da.

Im Moment ist das Problem, dass verschiedene rechtspopulistische Regierungen an der Macht sind. Darum brauchen wir eine Zivilgesellschaft, die der EU zeigt: wir vertreten keine menschenfeindliche Politik und wehren uns dagegen. Wählen ist da natürlich der erste Schritt und ein superwichtiger. Aber ich denke, dass unser zivilgesellschaftliches Engagement entscheidend ist. Und daran kann sich jede_r beteiligen, auch wenn man nur einmal die Woche einen Asylantragsformular übersetzt.

Protokoll: Hannah El-Hitami
 

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