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Der NSU-Komplex - Nur die Spitze des Eisbergs

Berlin - 14. Februar 2018, Beginn 19:00 Uhr, Einlass ab 18:30 Uhr

Diskussion Ehrenamtliche Gruppen

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Amnesty International und das NSU-Tribunal wollen in einer Abendveranstaltung entscheidenden Fragen zum NSU-Prozess auf den Grund gehen:

Was lernen Politik und Gesellschaft aus dem NSU-Prozess? Inwieweit hat institutioneller Rassismus die Aufdeckung und Aufklärung der NSU-Morde verhindert? Was muss (noch) passieren, damit sich deutsche Behörden endlich umfassend mit diesem Problem auseinandersetzen? In welchen Lebensbereichen begegnen Menschen in Deutschland institutionellem Rassismus? Welche Rolle und Verantwortung kommt dabei der Zivilgesellschaft zu?

Der Abend beginnt mit einem dokumentarischen Auszug der NSU-Monologe der Bühne für Menschenrechte. In den NSU-Monologen erzählen Schauspielerinnen und Schauspieler von den jahrelangen Kämpfen dreier Familien der Opfer des NSU.

Nach einer anschließenden Keynote von Mehmet Daimagüler diskutieren:

Tahir Della, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland

Mehmet Daimagüler als Nebenklage-Anwalt im NSU-Prozess

Marie Piper als Sprecherin der Expertengruppe Anti-Rassismus bei Amnesty International

Isidora Randjelović, IniRromnja, Netzwerk Berliner Sinti- und Romafrauen

Ayşe Güleç, NSU-Tribunal

Moderation: Doris Liebscher, Autorin des Buchs "Den NSU-Komplex analysieren"

Veranstaltungsort

Werkstatt der Kulturen
Wissmannstraße 32
Berlin 12049
Deutschland

Hintergrund

Der Prozess zu den NSU-Morden in München ist in die letzte Phase eingetreten: Die Plädoyers der Nebenklage zeigen deutlich: Die Geschichte des NSU-Netzwerks und seiner Verbrechen ist nicht nur eine Geschichte rassistischer Morde durch gut organisierte Neonazis, die mitten in Deutschland jahrelang abtauchen konnten. Es ist auch die Geschichte jahrelangen staatlichen Versagens, des Verhinderns und Vertuschens, bei der Aufklärung dieser Morde. Zwei Untersuchungsausschüsse im Bundestag und sieben Untersuchungsausschüsse in Landesparlamenten haben zwar einige wichtige Erkenntnisse gebracht. Trotzdem blieb die notwendige Aufklärung der Verstrickung der Verfassungsschutzbehörden genauso aus wie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem institutionellen Rassismus der Ermittlungsbehörden.

Alles sieht danach aus, dass auch der NSU-Strafprozess in München eher als Symbol für staatliche Verstrickungen und Vertuschungen in die deutsche Geschichte eingehen wird.

Gleichzeitig zeigen Fälle wie der des Sierra Leoners Oury Jalloh, der 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, dass Ermittlungspannen und Rassismus in Justiz und Sicherheitsbehörden in Deutschland keine Ausnahmeerscheinungen sind.

Informationen zu den Teilnehmenden

Mehmet Daimagüler, der als Nebenklage-Anwalt im NSU-Prozess die Geschwister von Abdurrahim Özüdogru und die Tochter von Ismail Yasar vertritt, hat als Rechtsbeistand die Geschichte der Angehörigen aus nächster Nähe miterlebt. Er kann aufzeigen, wo der NSU-Prozess hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist und woran sich der strukturelle Rassismus in deutschen Ermittlungsbehörden festmachen lässt. Ebenso ist er aber auch eine Stimme der Angehörigen, deren Leid durch die Untätigkeit des Staates noch potenziert wurde.

Tahir Della ist im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung in allen gesellschaftlichen Bereichen einsetzt. Aus der Arbeit mit Betroffenen von Rassismus und als Akteur im zivilgesellschaftlichen, politischen Spektrum kann Tahir Della berichten, wo die Herausforderungen und Hürden beim Kampf gegen Rassismus in Deutschland liegen.

Ayşe Güleç vom NSU-Tribunal kann diese Einblicke ergänzen. Das NSU-Tribunal ist ein Projekt des Aktionsbündnisses NSU-Komplex-Auflösen und solidarisiert sich mit den Opfern des NSU-Terrors. In einer Anklage der "Gesellschaft der Vielen" benennt das NSU-Tribunal, wer und welche Institutionen in Deutschland mitverantwortlich dafür sind, dass der NSU so lange unentdeckt blieb und dafür, dass die Ermittlungen nur schleppend in Gang kamen und so lange Zeit nicht die rassistischen Motive in den Blick nahmen.

Doris Liebscher lehrt und forscht an der Humboldt Law Clinic Grund- und Menschenrechte der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitherausgeberin des 2017 erschienenen Buches "Den NSU-Komplex analysieren".

Marie Piper ist seit mehreren Jahren Sprecherin der ehrenamtlichen Anti-Rassismus-Expertengruppe von Amnesty International.

Isidora Randjelović ist Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und leitet das feministische Romani Archiv RomaniPhen. Außerdem engagiert sie sich bei IniRromnja, einem Zusammenschluss von Berliner Roma-und-Sinti-Frauen.

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