Aktuell Chile 07. März 2016

Lateinamerika: Frauen bei Gesundheitsversorgung diskriminiert

Amnesty zum Weltfrauentag am 8. März
Lateinamerika: Frauen bei Gesundheitsversorgung diskriminiert

Aktivistinnen demonstrierten am 11. November 2014 in Chiles Hauptstadt Santiago für sichere und kostenlose Abtreibungen

7. März 2016 – Frauen werden bei der Gesundheitsversorgung in vielen Ländern Lateinamerikas massiv diskriminiert. Dies belegt ein Bericht, den Amnesty International anlässlich des Weltfrauentages am 8. März veröffentlicht hat. Bezüglich der Situation der Frauenrechte in Deutschland kritisiert Amnesty, dass die Neuregelung des Sexualstrafrechts Frauen nicht ausreichend schützt.

Das Leben von Millionen Frauen in Lateinamerika hängt von Gesundheitssystemen ab, die diskriminierend und unberechenbar sind. Sie erlauben, dass religiöse Vorstellungen und gesellschaftliche Stereotypen über das Leben von Frauen entscheiden. Das zeigt der Amnesty-Bericht "The state as a catalyst for violence against women - Violence against women and torture or other ill-treatment in the context of sexual and reproductive health in Latin America and the Caribbean", der anlässlich des Weltfrauentags am 8. März veröffentlicht wurde.

Kein Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge

Der Bericht analysiert die Lage in acht Ländern der Region und kommt zu dem Ergebnis, dass der Zugang zu Verhütung und sicheren Schwangerschaftsabbrüchen von den finanziellen Möglichkeiten der Frauen oder den persönlichen und religiösen Ansichten des Gesundheitspersonals abhängig ist.

"In vielen Ländern Lateinamerikas haben Frauen keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge. Sie müssen entweder Geld oder das Glück haben, an den richtigen Arzt zu gelangen", sagt Selmin Çalışkan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland.

"In El Salvador ist ein Schwangerschaftsabbruch selbst dann verboten, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist. In Mexiko werden Frauen, die an an HIV erkrankt sind, zwangssterilisiert. Das Gesundheitssystem, das die Frauen eigentlich schützen soll, trägt so aktiv zu ihrer Diskriminierung und Stigmatisierung in der Gesellschaft bei und bringt sie in Lebensgefahr", so Çalışkan weiter.

Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen

Schwangerschaftsabbrüche sind in sieben Ländern Lateinamerikas unter allen Umständen verboten – selbst, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist. Zu diesen Ländern gehören u.a. El Salvador, Chile und Honduras. In den meisten anderen Ländern der Region sind Schwangerschaftsabbrüche zwar erlaubt, jedoch weigern sich viele Ärzte aus ideologischen Gründen, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen.

Frauen werden dadurch gezwungen, eine gesundheitsgefährdende Schwangerschaft auszutragen oder aber Schwangerschaftsabbrüche unter katastrophalen medizinischen Bedingungen durchzuführen. Mindestens zehn Prozent aller Fälle von Müttersterblichkeit in der Region waren 2014 auf solche illegallisierten Schwangerschaftsabbrüche zurückzuführen.

"In vielen Ländern Lateinamerikas werden Frauen mit schwerwiegenden Folgen für ihre Gesundheit diskriminiert. Sie dürfen nicht selbst über ihren Körper und ihre Sexualität entscheiden. Die absurden Regulierungen und Gesetze zeigen, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur toleriert, sondern sogar vom Staat gefördert wird", kritisiert Çalışkan.

Amnesty kritisiert deutsches Sexualstrafrecht

Zur Situation der Frauenrechte in Deutschland kritisiert Çalışkan, dass die Bundesregierung die sogenannte Istanbul-Konvention – das Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt – noch immer nicht ratifiziert hat. Die Ratifizierung scheiterte bisher daran, dass Paragraph 177 des Strafgesetzbuches, der Vergewaltigung und sexuelle Nötigung regelt, erhebliche Schutzlücken aufweist und damit nicht den Anforderungen der Istanbul-Konvention genügt.

Zwar arbeitet die große Koalition bereits seit längerem an einer Reform von Paragraph 177 – den aktuellen Entwurf hierzu kritisiert Çalışkan jedoch als mangelhaft: "Auch nach den aktuellen Plänen der Regierung hängt eine Strafverfolgung weiterhin nicht vom Verhalten des Täters ab, der eine nicht einvernehmliche sexuelle Handlung vornimmt. Vielmehr wird von der betreffenden Frau erwartet, dass sie sich aktiv wehren muss – obwohl es eine Vielzahl von Gründen geben kann, warum sich eine Frau nicht gegen den Vergewaltiger wehrt; etwa aufgrund eines Schocks oder aus Angst, noch mehr Gewalt zu erleiden oder sogar umgebracht zu werden. Wir fordern, dass die Neuregelung des Sexualstrafrechts dem Anspruch 'Nein heißt nein' Genüge tun muss. Geschieht dies nicht, bleibt Deutschland ein Land, in dem viele sexualisierte Übergriffe straffrei bleiben und durch die entstehende Straflosigkeit, Täter zu weiteren Straftaten geradezu aufgefordert werden. Ein derart veraltetes frauenfeindliches Gesetz darf in einem modernen Land wie Deutschland, das sich die Wahrung der Rechte von Frauen auf die Fahnen schreibt, einfach nicht sein."

Hier finden Sie den vollständigen Amnesty-Bericht "The state as a catalyst for violence against women - Violence against women and torture or other ill-treatment in the context of sexual and reproductive health in Latin America and the Caribbean" (auf Englisch)

Machen Sie sich stark für Frauenrechte! Beteiligen Sie sich an unserer Kampagne "Stop Folter" und fordern Sie Gerechtigkeit für Yecenia Armenta! Die Mexikanerin wurde 2012 auf einer Polizeiwache gefoltert und gezwungen, ein falsches Geständnis zu unterschreiben. Sie ist noch immer inhaftiert.

Hier geht es zur Petition - jetzt mitmachen!

Mehr dazu