Aktuell Syrien 12. Januar 2016

Syrien: "Madaja ist voll von wandelnden Skeletten"

Syrien: "Madaja ist voll von wandelnden Skeletten"

Bewohner und Bewohnerinnen von Madaja warten auf einen Hilfskonvoi am 11. Januar 2016

8. Januar 2016 – Amnesty International hat mit Bewohnerinnen und Bewohner belagerter syrischer Städte und Dörfer über ihre verzweifelten Versuche gesprochen, in dem nun beginnenden Winter Nahrung zu beschaffen. Ihre Berichte unterstreichen den dringenden Ruf nach uneingeschränkter humanitärer Hilfe für die Zivilbevölkerung und nach einem Ende der Belagerung ziviler Gebiete im gesamten Land.

Amnesty International konnte mit Bewohnern der belagerten Stadt Madaja im Gouvernement Rif Dimaschq sprechen und auch neue Informationen zur Lage in al-Fu'ah und Kefraya im Gouvernement Idlib sammeln. Die hungernde Bevölkerung beschrieb, wie Menschen dort sich nur noch von gesammelten Blättern und abgekochtem Wasser ernährten. Am 7. Januar willigte die syrische Regierung ein, erneut Hilfslieferungen in diese Gebiete zuzulassen.

"Diese haarsträubenden Berichte der hungernden Bevölkerung sind nur die Spitze des Eisbergs. Im ganzen Land leiden und sterben Menschen, weil sowohl die syrische Regierung als auch die bewaffneten Gruppen in diesem Krieg Hunger als Waffe einsetzen. Indem sie zivile Gebiete belagern und nur sporadisch und nach Gutdünken Hilfslieferungen zulassen, sorgen sie für eine humanitäre Krise und setzen das Leben von hunderttausenden Menschen aufs Spiel“, so Philip Luther, Experte für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International.

"Die Aushungerung von Zivilpersonen als Methode der Kriegsführung einzusetzen kommt einem Kriegsverbrechen gleich. Alle Konfliktparteien, die gegenwärtig zivile Ortschaften belagern – sowohl die Regierung als auch bewaffnete Gruppen – müssen umgehend Hilfslieferungen freigeben und uneingeschränkt humanitäre Hilfe zulassen."

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass sich in 15 belagerten Gebieten in ganz Syrien etwa 400.000 Menschen befinden, die keinen Zugang zu lebensrettenden Hilfslieferungen haben.

Der UN-Sicherheitsrat hat zwei Resolutionen angenommen, in denen alle Konfliktparteien aufgefordert werden, die Belagerungen aufzuheben und humanitäre Hilfslieferungen zuzulassen. Bisher sind die Parteien dieser Aufforderung nicht nachgekommen, und die Zivilbevölkerung in Syrien lebt weiterhin in großer Not.

AUGENZEUGENBERICHTE

Madaja und Bukain

Die Nachbarstädte Madaja und Bukain, westlich von Damaskus, werden seit Juli 2015 von den Truppen der syrischen Regierung belagert. Man geht davon aus, dass in diesen beiden Städten etwa 40.000 Personen ohne Strom und Wasser festsitzen.

Zuletzt gelangten im Oktober 2015 Hilfslieferungen in die Städte. Doch diese sind nun aufgebraucht. Im September 2015 wurde zwar ein Waffenstillstand vereinbart, im Zuge dessen ungehinderte Hilfslieferungen sowie die Evakuierung von verwundeten Zivilpersonen garantiert werden sollte, diese Vereinbarungen wurden jedoch nicht eingehalten.

Die Menschen dort haben keinen Zugang zu Grundnahrungsmitteln, und selbst wenn Güter es über die Belagerungslinie schaffen, sind sie unerschwinglich. Daher müssen Familien im Wald nach Nahrungsmitteln suchen, wo sie ständig in Gefahr sind, von Scharfschützen ins Visier genommen zu werden oder auf eine Mine zu treten.

Mohammad, Einwohner von Madaya, in einem Interview vom 7. Januar 2016

"Ich wache jeden Tag auf und gehe auf die Suche nach etwas Essbarem. Ich habe sehr viel an Gewicht verloren, ich sehe aus wie ein mit Haut überzogenes Skelett. Jeden Tag fühle ich mich, als würde ich jeden Moment in Ohnmacht fallen und nicht mehr aufwachen... Ich habe eine Frau und drei Kinder. Wir essen nur alle zwei Tage einmal, um dafür zu sorgen, dass unsere gekauften Vorräte länger halten. An den anderen Tagen nehmen wir Wasser mit Salz zu uns, und manchmal Blätter von den Bäumen. Gelegentlich geben Organisationen Lebensmittel aus, die sie eingekauft haben, aber sie haben nicht genug für alle.

Madaja ist voll von wandelnden Skeletten. Die Kinder weinen ständig. Viele Menschen hier haben chronische Krankheiten. Manche von ihnen haben mir erzählt, dass sie jeden Tag zu den Kontrollpunkten gehen und darum bitten, die Stadt verlassen zu dürfen, aber die Regierung erlaubt es ihnen nicht. Wir haben nur ein Feldlazarett, bestehend aus einem Raum, aber dort haben sie weder medizinische Ausrüstung noch Arznei."

Um Sultan, Einwohnerin von Madaja, in einem Interview vom 7. Januar 2016

"Die Belagerung wird immer unerträglicher und die Lebensmittel werden immer knapper. Jeden Tag höre ich, dass jemand krank ist und nicht mehr aufstehen kann. Mein Mann ist jetzt auch krank. Er kann sein Bett nicht verlassen, und wenn er doch aufsteht, wird er ohnmächtig. Ich erkenne ihn nicht mehr wieder, er ist nur noch Haut und Knochen. Ich habe andere Leute um Hilfe gebeten, aber niemand kann mit Nahrungsmitteln aushelfen, wir sitzen alle im gleichen Boot. Die Frauen protestieren jeden Tag. Wir gehen zu den Kontrollpunkten und flehen die syrischen Sicherheitskräfte an, uns gehen zu lassen oder zumindest Lebensmittel durchzulassen. Sie haben uns gesagt, dass die Belagerung von Kefraya und al-Fu‘ah auch eine Belagerung von Madaja bedeutet. Ich habe drei Kinder und kann es mir nicht leisten, Essen für sie zu kaufen. Ein Kilo Reis oder Zucker kostet etwa 100.000 Syrische Pfund [umgerechnet etwa 415 Euro]. Wer kann sich das leisten?"

Louay, Einwohner von Madaja, im Interview vom 7. Januar 2016

"Ich habe das letzte Mal vor ungefähr anderthalb Monaten eine richtige Mahlzeit zu mir genommen. Nun esse ich hauptsächlich Wasser mit Blättern. Jetzt ist Winter und es gibt keine Blätter mehr, deshalb bin ich mir nicht sicher, wie wir überleben werden. Wer Geld hat, kann sich Lebensmittel kaufen. Doch die Leute haben langsam kein Geld mehr, weil die Nahrungsmittel so teuer sind. Ich habe seit ein paar Wochen kein Geld mehr und bin jetzt auf Hilfslieferungen angewiesen, aber das ist nicht genug für alle."

Al-Fu'ah und Kefraya

Al-Fu'ah und Kefraya, zwei Orte nordöstlich von Idlib, sind seit März 2015 vollständig von der bewaffneten Gruppe Dschaisch al-Fatah eingekreist. Schätzungen zufolge leben hier etwa 30.000 Menschen. Die Ortschaften wurden heftig unter Beschuss genommen. Die Strom-, Wasser- und Nahrungsmittelversorgung ist abgeschnitten. Ein im September 2015 vereinbarter Waffenstillstand ist nicht vollständig umgesetzt worden.

Mazen, Einwohner von al-Fu'ah, im Interview vom 7. Januar 2016

In beiden Ortschaften gibt es keinen Strom, und seit März 2015 auch kein Wasser mehr. Wir haben nur noch wenige Lebensmittel, und es gibt kein Gemüse und kein Mehl, also auch kein Brot. Auch Zucker und Reis fehlen. Manche Leute haben noch Nahrungsmittel, die sie für den Notfall aufgespart hatten, oder Produkte, die ohne Wasser zubereitet werden können. Manchmal wirft auch die Regierung Lebensmittel aus der Luft ab.

Vor drei Monaten wurden zwei Männer von Dschaisch-al-Fatah-Kämpfern hingerichtet, weil sie dabei erwischt wurden, wie sie Lebensmittel in die Ortschaften schmuggelten. In den Moscheen der nahegelegenen Dörfer wurde die Hinrichtung verkündet und auch davor gewarnt, dass jedem, der auch nur einen Laib Brot schmuggelt, dasselbe Schicksal drohe.

Die bewaffneten Gruppen bombardierten vor wenigen Monaten den Wassertank, deshalb haben wir jetzt kein Wasser mehr. Wir haben bisher keinen Brennstoff von den Vereinten Nationen erhalten, weshalb wir Holz verbrennen, um uns warm zu halten.

Fadi, Einwohner von al-Fu'ah, in einem Interview vom 7. Januar 2016

"Erst vor zwei Wochen erlaubten die bewaffneten Gruppen dem Roten Halbmond, 336 Zivilpersonen und Verwundete zu evakuieren. Diese Evakuierung hätte schon vor Monaten im Rahmen des Waffenstillstands geschehen sollen. Wir haben keine Lebensmittel. Ich persönlich habe gar keine Nahrungsmittel mehr. Meine Familie und ich haben alle Essensreserven aufgebraucht.

Jetzt warten wir auf die Hilfslieferungen, aber das wird nicht ausreichen. Hilfslieferungen alle paar Monate sind nicht genug. Die Menschen können so nicht überleben. Und die Leute mit chronischen Krankheiten leiden am meisten. Sie haben keinen Zugang zu Arzneimitteln, und viele von ihnen haben es nicht auf die Evakuierungsliste geschafft."

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