Aktuell Iran 07. Juli 2014

Menschenrechte tanzen

Der Film "Wüstentänzer - Afshins verbotener Traum von Freiheit" läuft seit dem 3. Juli 2014 in den Kinos

Der Film "Wüstentänzer - Afshins verbotener Traum von Freiheit" läuft seit dem 3. Juli 2014 in den Kinos

08. Juni 2014 - Ein echt bewegender Film: In Richard Raymonds „Wüstentänzer“ dreht sich alles um die Frage der persönlichen Freiheit. Ganz wörtlich.

Von Jürgen Kiontke

Afshin (Reece Ritchie) steht vor der Tafel und tanzt. Die Klassenkameraden johlen. Man sieht: Der Junge hat Talent – bis der Lehrer kommt. Mutter schaut sich später die Handflächen an: völlig zerhauen. Die Strafe war drastisch.

Es soll nicht die einzige bleiben. Was Afshin, der Held in Richard Raymonds Film „Wüstentänzer“, da vorgeführt hat, ist nicht legal: Wir befinden uns im Iran der neunziger Jahre, ein Tanzverbot wurde erlassen. „Tanze in deinem Herzen“, rät ihm der Direktor des Saba Art Center, der Kunstschule, an die er überwiesen wird. Die ist eine geschlossene Veranstaltung. „Hier drinnen sind wir frei“, sagt ihr Leiter. Dort wird gemalt, gebastelt, Ballett geprobt.

Der Film springt ins Jahr 2009 - in die Zeit der iranischen Präsidentschaftswahl. Die Opposition ist auf der Straße. Afshins Freunde haben einen Internet-Account gehackt – nun schauen sie Aufnahmen von politischen Aktionen auf Youtube. Auch der junge Tänzer hat großes Interesse am Videoportal. Voller Begeisterung versenkt er sich in Filmszenen über Rudolf Nurejew und Pina Bausch.

Tanzen wird Afshins ganz persönliches politisches Statement. Er gründet mit der hochbegabten, aber heroinabhängigen Elaheh („Slumdog“-Millionärin Freida Pinto) ein Ensemble. Für den ersten Auftritt brauchen sie eine ganz besondere Bühne, die viel Raum bietet, und dennoch nicht von jedem einsehbar ist: die grandiose Wüste. Doch bald folgt dennoch der Zugriff, die Freunde landen im Bassidsch-Gefängnis, Schläge und Schlimmeres warten.

Raymond hat eine reale Geschichte verfilmt: die des jungen Iraners Afshin Ghaffarian. Der 38-jährige Choreograf, der sich das Tanzen selbst beibrachte, floh im Jahr 2010 nach Frankreich. Heute lebt er in Paris und tritt weltweit auf - nur eben nicht in seinem Heimatland.

Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, wo es Tanzverbote gibt. Immerhin, Deutschland gehört dazu: An Karfreitag sollte sich Afshin hierzulande besser nicht sehen lassen. Allerdings wird er wohl keine Prügel einstecken müssen, wie dies im Iran der Fall war. Und so machen die Verhältnisse aus dem harmlosen Vergnügen zwangsläufig ein politisches Ganzkörperstatement.

Raymond inszeniert Ghaffarians Geschichte mit Fokus auf dem Tanz. Die Verknüpfung von Politik und Bewegung in den Wüstenszenen ist anrührend, überwältigend und wunderschön - „Dirty Dancing“ als Menschenrechtsballett. Das lässt die erzählerischen Schwächen des Films vergessen: Es mag richtig sein, die Verfolgung des Ausnahmekünstlers als großes Unrecht darzustellen. Rasch aber ist der Lauf der Dinge hier klar, es fehlt an dramaturgischer Spannung: So schlägt sich ein von den Bassidsch in die Tanzkompagnie eingeschleuster Spitzel allzu schnell auf Afshins Seite. Die Motivation der Sittenwächter wird recht wenig ausgeleuchtet, wie auch Elahehs Drogensucht, die durchaus für die Gemütsverfassung ihrer Generation stehen könnte.

Nichtsdestotrotz handelt es sich beim „Wüstentänzer“ um ein hochinteressantes Experiment - in dem ein politischer Kontext mit ganz besonderen Bildern interpretiert wird. Und das ist absolut sehenswert.

„Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“. GB/IRN 2014. Regie: Richard Raymond, Darsteller: Reece Ritchie, Freida Pinto. Kinostart: 3. Juli 2014

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