Aktuell 17. Februar 2014

"Waffen für die Welt"

Eine Aktion der Kampagne zum Waffenhandelsvertrag

Eine Aktion der Kampagne zum Waffenhandelsvertrag

21. Februar 2014 - Daniel Harrich ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. Am 24. Februar läuft sein Dokumentarfilm „Waffen für die Welt – Export außer Kontrolle“ im Ersten. Für seinen Spielfilm „Der blinde Fleck – Täter. Attentäter. Einzeltäter?“ über das Oktoberfestattentat von 1980 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Films.

Was hat Sie bewogen, einen Film über deutsche Rüstungsexporte zu drehen?

Ursprünglich hatte ich ein ganz anderes Projekt geplant. Ich wollte mich auf die Suche nach illegalen Waffenhändlern machen, die mit Flugzeugen irgendwo in Afrika landen und Kalaschnikows ausladen. Doch dann haben wir im Sudan, im Südsudan sowie in Süd- und Zentralamerika erschreckend viele deutsche Waffen vorgefunden. Vorher konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese Waffen so massiv in Bürgerkriegsländern und sogenannten Zentren des internationalen Terrorismus zum Einsatz kommen.

Hatten Sie spezielle Waffen im Blick?

Anfänglich nicht. Doch dann wurde deutlich, dass Kleinwaffen von Heckler & Koch, also G3, MP5 und G36, eine große Rolle spielen. Bis dato dachte ich, dass wir als modernes Land verantwortungsbewusst mit Rüstungsexporten umgehen. Doch da ist etwas gehörig schiefgegangen, gerade mit Blick auf Kleinwaffen. Das „klein“ hinterlässt den Eindruck, sie könnten nicht viel ausrichten. Als ich aber in den Konfliktregionen unterwegs war, musste ich feststellen: Da gibt es keine Panzer, Flugzeuge oder U-Boote. Die Leute sind mit Sturmgewehren, Maschinenpistolen, Revolvern etc. bewaffnet. Damit werden Millionen von Menschen umgebracht.

Wer besitzt diese Waffen?

Das G36 habe ich vor allem in Mexiko gesehen. Bundespolizisten tragen sie dort ebenso wie Gemeindepolizisten und Militärs. Mit G3-Gewehren und MP5-Maschinenpistolen schießt im Sudan und Südsudan jeder gegen jeden. Und wenn nicht mit deutschen Waffen, dann mit deutscher Munition. Außerdem werden die Gewehre in der Region in Lizenz produziert und landen direkt bei Terrorgruppen oder Kriminellen. Der Weg von Kleinwaffen ist nicht kontrollierbar. Das ist, als wolle man überwachen, wohin Haribo-Goldbärchen weltweit geraten. Die Gewehre gehen von Hand zu Hand und sind leicht tragbar. Kindersoldaten können sie genauso nutzen wie Frauen und Männer.

Also agieren auch Jugendliche damit?

Ja. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was ich fühlte, als mir ein 16-jähriger Kolumbianer berichtete, wie er mit 13 den ersten Menschen umgebracht hat. Der Junge war drei Jahre bei der FARC-Guerilla. Er sagte, das G3 sei ihm zu schwer und sperrig, deshalb träume er von der MP5. Später lächelte dann der Leiter der Militärakademie in Bogotá freundlich in die Kamera und erklärte, das G3 sei der BMW unter den Sturmgewehren. Er habe gelernt: Wenn man eine deutsche Waffe in der Hand halte, stehe man auf der richtigen Seite. Denn die sei dafür gebaut, den Gegner auszuschalten.

Was sagten Ihnen dazu Vertreter von Rüstungsfirmen oder Exportbehörden?

Ich habe mit vielen gesprochen, aber nach meinen Recherchen interessierten mich keine Rechtfertigungen mehr. Die Argumente sind immer dieselben. Etwa: Es seien Menschen, die töten, nicht Waffen; man könne jemand mit einer Gabel umbringen. Ich kann diesen Leuten jedoch keinen Vorwurf machen. Eine Rüstungsfirma ist dafür da, Rüstungsgüter herzustellen.

Aber es gibt eine moralische Verantwortung…

Das Problem ist der politische Rahmen. Über alle politischen Grenzen hinweg besteht Unwillen, den Exporten einen Riegel vorzuschieben. Dabei kann man das doch mit dem Herzen nicht verantworten, ob man nun konservativ, liberal oder anders eingestellt ist. Das ist der Denkanstoß, der von unserem Film ausgehen soll. In all meinen Projekten steckt viel Herzblut – ich würde am liebsten laut schreien, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, wenigstens nachzudenken. Das ist das Allerwichtigste.

Interview: Wolf-Dieter Vogel

Weitere Infos zum Thema Waffenexporte:

Der Tod aus dem Schwarzwald

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