Aktuell El Salvador 19. November 2014

El Salvador: Auf Leben und Tod

Gewalt gegen Frauen
Infolge des repressiven Abtreibungsverbots sind Hunderte Frauen und Mädchen gestorben

Infolge des repressiven Abtreibungsverbots sind Hunderte Frauen und Mädchen gestorben

19. November 2014 - El Salvador ist eines von sieben Ländern in Lateinamerika, in denen ein absolutes Abtreibungsverbot gilt. Schwangerschaftsabbrüche sind unter allen Umständen verboten – selbst wenn das Leben der Frau in Gefahr ist oder die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist.

Die repressive Gesetzeslage ist Ausdruck der weitreichenden gesellschaftlichen Diskriminierung von Frauen und Mädchen: Ihnen wird das Recht genommen, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Die Frauen stehen vor der Wahl, sich einem illegalen, unsachgemäßen Schwangerschaftsabbruch zu unterziehen oder eine gesundheitsgefährdende Schwangerschaft auszutragen. In der Folge sind schon Hunderte Frauen und Mädchen gestorben.

Vergewaltigungen und andere Formen von Gewalt gegen Frauen sind in El Salvador weit verbreitet. Weil Schwangerschaftsabbrüche unter allen Umständen verboten sind, wird die Gewalt, die Frauen und Mädchen bei sexualisierten Übergriffen erleiden, durch den Staat faktisch fortgesetzt.

40 Jahre Gefängnis wegen einer Fehlgeburt

Frauen, die wegen eines Schwangerschaftsabbruchs verurteilt werden, erhalten Haftstrafen von bis zu acht Jahren. Gegen Personen, die bei einem Schwangerschaftsabbruch helfen, können Freiheitsstrafen bis zu zwölf Jahren verhängt werden. Besonders hart werden Frauen bestraft, die eine Fehlgeburt erlitten haben: Ihnen drohen Strafen von bis zu 50 Jahren – wegen „Mordes“. Amnesty International hat eine Reihe von Fällen dokumentiert, in denen Frauen nach einer Fehlgeburt von dem medizinischen Personal angezeigt und noch im Krankenhaus verhört wurden. Anschließend wurden sie vor Gericht gestellt und zu langen Haftstrafen verurteilt.

María Teresa Rivera (Name geändert) hatte bereits ein fünfjähriges Kind und ahnte nicht, dass sie erneut schwanger war, bis sie auf der Toilette zusammenbrach. Sie wurde von ihrer Schwiegermutter blutend aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Nachdem das medizinische Personal die Polizei alarmiert hatte, wurde María Teresa Rivera verhört, ohne dass sie einen Rechtsbeistand hinzuziehen konnte. Im Juli 2012 wurde sie wegen Mordes angeklagt und trotz Mangels an Beweisen zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Erst vergewaltigt, dann in den Selbstmord getrieben

Jedes zweite Opfer sexualisierter Gewalt in El Salvador ist ein Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren. Für sie sind die Folgen einer Schwangerschaft, die aus einer Vergewaltigung resultiert, besonders verheerend: Anstatt die notwendige medizinische Versorgung und psychologische Unterstützung zu erhalten, werden sie diskriminiert und gezwungen, die Schwangerschaft auszutragen. Mit schlimmen Folgen: Viele Mädchen sehen keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.

Ein Arzt berichtete Amnesty:

„Wir hatten ein neunjähriges Mädchen hier. Mit zehn bekam sie das Kind. Sie war seit dem Kleinkindalter missbraucht worden … Es war ein sehr schwieriger Fall, wirklich schwierig … Am Ende mussten wir in der 32. Woche einen Kaiserschnitt vornehmen. Dieser Fall hat bei uns allen tiefe Spuren hinterlassen, vielleicht, weil sie nicht verstand, was mit ihr passierte … Sie fragte uns nach Malstiften. Buntstiften. Und es brach uns allen das Herz, als sie anfing, uns zu malen. Sie malte Bilder und heftete sie an die Wand. Uns war klar, dass sie noch immer ein kleines Mädchen war, nur ein kleines Mädchen. Und letztendlich verstand sie nicht, dass sie ein Kind erwartete.“

Kaum Aufklärung, kaum eine Chance auf Verhütung

Für die dramatische Situation sind vor allem gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Vorstellungen verantwortlich. Sie führen auch dazu, dass sich Frauen und Mädchen kaum über Verhütung und medizinische Versorgung während und nach der Schwangerschaft informieren können. Es fehlt an sexueller Aufklärung insbesondere für junge Frauen und Mädchen. Da es für sie so gut wie unmöglich ist, Verhütungsmittel zu bekommen, gibt es sehr viele ungewollte Schwangerschaften.

Eine Sozialarbeiterin aus El Salvador schilderte Amnesty die Situation: „Junge Frauen werden abfällig behandelt, wenn sie in einer Gesundheitseinrichtung nach Kondomen fragen. Wenn sie minderjährig sind und Verhütungsmittel benötigen, müssen sie eine Einverständniserklärung der Eltern vorlegen oder in Begleitung ihres Vaters oder ihrer Mutter kommen. Sie haben also faktisch keinen Zugang zu Verhütungsmitteln.“

Lesen Sie mehr im Bericht "On the brink of death: Violence against women and the abortion ban".

Hier geht es zum Artikel "Auf Leben und Tod" der aktuellen Ausgabe des Amnesty Journals.

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