Aktuell Syrien 08. August 2013

Syrien: Satellitenbilder zeigen Ausmaß der Zerstörung und Vertreibungen

Satelliten-Aufnahmen von Syrien:  "Aleppo ist fast vollständig zerstört."

Satelliten-Aufnahmen von Syrien: "Aleppo ist fast vollständig zerstört."

07. August 2013 - Aktuelle Satelliten-Aufnahmen von Aleppo belegen erneut, wie die Zivilbevölkerung unter dem andauernden Konflikt leidet. Massive Menschenrechtsverletzungen, Flucht und Vertreibung haben zu einer humanitären Katastrophe geführt.

Die aktuelle Analyse – bis heute eine der umfangreichsten Analysen von Satellitenbildern einer aktiven Konfliktzone – erbringt Beweise, dass das humanitäre Völkerrecht im Syrienkonflikt konsequent missachtet wird. Die Folge: weiträumige Zerstörung, Tote und fast 6 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Auswertung der Bilder wurde von der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in Zusammenarbeit mit Amnesty International durchgeführt.

Die Zerstörung, die die Bilder offen legen, wurde durch die Krisenbeauftragte von Amnesty International, Donatella Rovera, bestätigt, die Aleppo im vergangenen Monat besucht hat. "Aleppo ist fast vollständig zerstört. Die Bewohner flüchten in Massen vor dem Inferno." Der Hauptgrund für die weitreichende Zerstörung sind zweifelsohne die rücksichtslosen Luftangriffe der syrischen Regierung auf Stadtviertel, in denen Kämpfer der Regierungsgegner vermutet wurden. Ganze Gebiete wurden dem Erdboden gleichgemacht und unzählige Zivilpersonen getötet.

Der 15-jährige Hussein al-Saghir berichtete Amnesty International über die Tötung von 16 Familienangehörigen durch einen Raketenangriff auf den Stadtteil Jabal Badro am 18. Februar 2013: "Meine gesamte Familie hat hier gelebt, wir hatten 10 Häuser. Meine Mutter wurde schwer verletzt und liegt jetzt in einem Krankenhaus in der Türkei. Sie weiß noch nicht, dass ihre Söhne tot sind. Mein Onkel, Mohamed Ali, hat 27 Mitglieder seiner Familie verloren. Er ist deswegen verrückt geworden; er bekommt gar nichts mehr mit. Er ist jetzt auf dem Land; alle Überlebenden sind irgendwo zu Freunden oder ihrer Familie geflohen. Hier gibt es nur noch Schutt."

Auch die als UNESCO-Weltkulturerbe klassifizierte Altstadt von Aleppo ist stark beschädigt, unter anderem das Minarett der Großen Moschee und der Souk al-Madina. Auch dies ist ein klarer Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht, das alle Parteien eines bewaffneten Konfliktes verpflichtet, kulturelles Erbe zu respektieren und zu schützen.

Die Analyse der Satellitenbilder durch die AAAS weist darauf hin, dass die Zerstörung "extrem einseitig" ist und sich größtenteils auf von der Opposition kontrollierte Viertel beschränkt. Allerdings haben auch die bewaffneten Widerstandskämpfer Menschenrechtsverletzungen an Zivilpersonen begangen, namentlich summarische Hinrichtungen von Gefangenen und mutmaßlichen Sympathisanten des Regimes.

Vor einem Jahr, am 6. August 2012, hat Amnesty International, nach einer Eskalation der Kämpfe und Berichten von einer bevorstehenden Offensive, schon einmal Satellitenbilder von Aleppo und seiner Umgebung veröffentlicht. Die Organisation warnte vor der großen Gefahr für die Zivilbevölkerung in Aleppo und rief alle Konfliktparteien zur strikten Einhaltung des humanitären Rechts auf.

Die Krisenbeauftragte Donatella Rovera sagte: "Was wir vor einem Jahr befürchtet haben, ist nun bittere Realität geworden: Aleppo, die einst bevölkerungsreichste Stadt Syriens, ist fast völlig zerstört. Die meisten Einwohner sind vor den ständigen Bombenangriffen geflohen. Die Zurückgebliebenen sind in der belagerten Stadt ständigem Feuergefecht ausgeliefert und leiden unter katastrophalen humanitären Bedingungen."

Donatella Rovera ist seit April 2012 mehr als zehn Mal in Nordsyrien eingereist, um Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Sie hat unter anderem Beweise über außergerichtliche Hinrichtungen, Massenhinrichtungen, die Nutzung verbotener Waffen und völkerrechtswidrige Luftangriffe auf Wohngegenden, denen auch zahlreiche Kinder zum Opfer fielen, gesammelt.

Sara al-Wawi berichtete gegenüber Amnesty International von Kindern, die am 18. März 2013 durch einen Luftangriff in der al-Marje Region von Aleppo getötet wurden; sie selbst hat mehr als 20 Verwandte verloren: "Yousef, 7, Mohammed, 5, Ali, 2, Hamza, 12, Zahra, 10, Husna, 8, Fatima, 10, Ahmad, 7, Abdel Karim, 2, Hassan, 18 Monate…. Warum haben sie hier angegriffen? Hier waren nur Zivilisten. Unser Viertel war voller Leben, überall spielende Kinder. Jetzt sind wir alle tot, sogar die, die überlebt haben sind innerlich tot, wir liegen alle unter diesem Schutt begraben."

Amnesty International ruft den UN-Sicherheitsrat erneut dazu auf, die Situation in Syrien an den Internationalen Strafgerichtshof zu übertragen. Vor dem Hintergrund der humanitären Katastrophe in Syrien fordert Amnesty International die syrische Regierung auf, Hilfsorganisationen Zugang auch zu jenen Binnenflüchtlingen zu gewähren, die sich unter prekären Bedingungen in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten aufhalten. Zudem muss die internationale Gemeinschaft ihre Anstrengungen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise massiv verstärken, während die Nachbarstaaten, in Einklang mit ihren internationalen Verpflichtungen, ihre Grenzen zu jeder Zeit für Flüchtende offen halten müssen.

Sehen Sie hier eine Gegenüberstellung von Vorher-Nachher Satelliten-Aufnahmen der syrischen Stadt Aleppo.

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