Aktuell Griechenland 26. April 2013

Flüchtlinge in Griechenland: "Was erwartet Europa eigentlich von uns?"

In Griechenland werden Flüchtlinge oft monatelang inhaftiert, wie in diesem Lager in Tychero

In Griechenland werden Flüchtlinge oft monatelang inhaftiert, wie in diesem Lager in Tychero

25. April 2013 - Im Nordosten Griechenlands werden Flüchtlinge unter elenden Verhältnissen monatelang inhaftiert. Irem Arf Rayfield, Amnesty-Referentin für Flüchtlingsrechte und Asylpolitik in Europa, hat sich vor Ort selbst ein Bild über die katastrophalen Zustände gemacht.

Am Ende unserer Forschungsmission in Griechenland hatten sich einige bedrückende Bilder geradezu in meine Netzhaut gebrannt: die absolute Erschöpfung in den Gesichtern der Neuankömmlinge auf Lesbos nach dem lebensgefährlichen Weg über die Ägäis, der syrischen Frauen in Athen, die nun in ständiger Angst um das Wohl ihrer Kinder in einem unerbittlichen und teilweise rassistischen Umfeld leben, und vor allem das Leiden der Flüchtlinge, die in elenden Verhältnissen im Nordosten Griechenlands monatelang inhaftiert werden.

Bis Mitte vergangenen Jahres war die griechisch-türkische Grenzregion entlang des Flusses Evros das von Flüchtlingen und Migranten meistbenutzte Einreiseportal nach Europa. Die griechischen Behörden reagierten mit stark verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Im August 2012 wurden im Rahmen von Operation Aspida (Schild) 1800 Polizisten in der Grenzregion stationiert und ein 10,5km-langer Grenzzaun nördlich des Evros errichtet.

„Die Grenzüberquerung gelingt fast keinem mehr“, erzählen uns die Polizeibeamten voller Stolz. „Es ist dieses Jahr bisher nur eine Person ertrunken.” Operation Aspida hat zwar zu einer Minderung der Todesfälle durch Ertrinken und Erfrieren geführt, jedoch spielt sich in den Inhaftierungslagern der Region eine weitere Tragödie ab. Solche Haftlager findet man mittlerweile in fast jedem Ort. Dort inhaftiert sind diejenigen, die es über die Grenze geschafft haben und die während gezielter Polizei-Aktionen in den Städten aufgegriffen wurden.

Wir hatten uns im Vorhinein über die beklagenswerten Verhältnisse in den Haftlagern und Polizeistationen hinreichend informiert, aber die Erfahrungen vor Ort waren dennoch erschütternd. Migranten und Flüchtlinge werden oft mehrere Monate in Zellen festgehalten, die – laut Angaben der lokalen Polizei – nur für kurze Aufenthalte bestimmt sind. Die übelriechende Luft nimmt uns den Atem, als wir den Zellenblock betreten. Die Zellen selbst sind meistens kahle und feuchte Räume aus bloßem Beton, in deren düsterer Atmosphäre die Flüchtlinge tagelang ohne jegliche Chance auf Bewegung ausharren müssen. In den Toiletten und Duschräumen müssen sie den Atem anhalten, um von der schlechten Luft nicht ohnmächtig zu werden.

In Tychero unterhalten wir uns mit Insassen durch die kleine Luke in der schwarzen Stahltür ihrer Zelle. Wir sagen ihnen, dass es uns verboten wurde, die Zelle zu betreten. „Ich kann euch sagen wieso“, sagt uns einer. „Kein Mensch sollte hier leben. Das sind noch nicht mal Verhältnisse, in denen man einen Hund hält. Wir essen, sitzen, schlafen, scheißen hier und dürfen nur aus diesem Fenster schauen. Sie wollen nicht, dass ihr seht, wie wir leben müssen.“

In Fylakio beschweren sie sich, dass ihre Decken nicht gewechselt oder gewaschen wurden, seitdem sie vor sechs Monaten ankamen. Andere behaupten, dass sie im gleichen Zeitraum bloß auf einer kahlen Matratze schlafen mussten.

Gesundheitsrisiken sind hier ein großes Problem: vor nur drei Monaten waren fast alle Lager der Region von gefährlichen Krätze-Ausbrüchen betroffen. „Ich bin hier gesund angekommen und jetzt bin ich furchtbar krank“, sagt ein junger Mann, der sich ununterbrochen an Armen, Beinen und Kopf kratzt. Alle klagen über Schlafstörungen, und Selbstmordversuche sind auch nicht ungewöhnlich. „Dieser Ort treibt uns alle in den Wahnsinn, keiner bleibt hier normal“, beteuert uns eine Gruppe Bangladescher Migranten in Fylakio.

Handys sind in beinahe allen Einrichtungen verboten. Öffentliche Telefone stehen zur Verfügung, können jedoch nur mit Telefonkarten verwendet werden. Sie kosten 4 Euro pro Stück und halten nicht sehr lange: eine Minute für einen Anruf nach Somalia und ungefähr zwei Minuten nach Afghanistan, sagt man uns. Anrufe von außerhalb können überhaupt nicht empfangen werden. Ein Somalier erklärt uns, dass er seit neun Monaten seine Kinder in Somalia nicht angerufen hat, da er sich eine solche Telefonkarte nicht leisten kann.

Die Flüchtlinge sind jedoch vorwiegend über die Dauer ihrer Inhaftierung besorgt. Jeder kann bis zu 18 Monate festgehalten werden, irreguläre Migranten sowie auch Asylsuchende. In einer dritten Einrichtung unterbricht ein junger Eritreer seinen Zellengenossen, der uns von den ärmlichen Verhältnissen berichtet: „Saubere Zellen und Betten, warme Duschen, das alles ändert gar nichts an unserer Situation. Helft uns nicht, wenn ihr nur das fordern wollt. Wir brauchen Freiheit!“

„Was erwartet Europa eigentlich von uns“, fragt ein Guineer in einem der größeren Haftlager. „Ich bin jetzt neun Monate hier, sie haben mir gesagt, dass sie mich noch weitere neun Monate festhalten können. Dann geben sie mir einen Bescheid, der mich auffordert, Griechenland innerhalb von 7 Tagen zu verlassen. Wie soll ich das überhaupt veranlassen? Ich kann von hier aus noch nicht mal ein Telefonat führen. Sie verhaften mich dann sowieso wieder.“

In den großen Lagern in Fylakio und Komotini liegt die Spannung in der Luft. Das Leid und die Enttäuschung dieser Frauen und Männer, die ohne Grund ihrer Freiheit beraubt wurden, sind offensichtlich. Sie klagen, dass sie keine Kriminellen sind. Ein Afghane fragt uns: „Wir haben niemanden umgebracht, keinen Raub begangen. Warum werden wir bestraft? Aus dem einzigen Grund, dass uns ein Papier fehlt?“

Die letzte Etappe unseres Besuchs führt uns auf die Polizeiwache in Iasmos. Dort finden wir zwei unbegleitete Kinder vor. Sie sind dort untergebracht, bis Plätze in einem Kinderheim zu Verfügung stehen. Nach mehreren Monaten im Lager in Komotini wurden sie endlich als Minderjährige registriert und nach Iasmos gebracht, um von den erwachsenen Gefangenen getrennt zu werden.

Es ist unvorstellbar, wie sogar ein Erwachsener auch nur einen Tag in diesen Zellen verbringen kann. Beide Kinder sind in kahlen frostigen Zellen untergebracht, in denen sie auf dünnen Matratzen schlafen. Ein Junge ist nun schon einen Monat hier, der zweite seit ein paar Wochen. Sie dürfen nicht an die frische Luft und bekommen keine Bewegung. Beide sind verängstigt und verstehen nicht, wieso sie an einem solchen Ort festgehalten werden. Während unseres Gesprächs weint der eine unentwegt, während der andere nur zu Boden schaut und immer stets wiederholt: „Ich bin müde, ich bin müde.“

Weitere Informationen finden Sie hier:

"Flüchtlinge in Griechenland: 'Warum schicken sie uns nicht zurück in den Tod?'"
"Griechenland: Flüchtlinge leben in Athen am Rande der Gesellschaft"

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