Aktuell Vereinigte Staaten von Amerika 20. Februar 2012

Romell Broom: Die zweite Hinrichtung

Romell Broom: Ein Arzt markierte nach einer gescheiterten Hinrichtung alle Einstiche

Romell Broom: Ein Arzt markierte nach einer gescheiterten Hinrichtung alle Einstiche

20. Februar 2012 - 18 mal versuchte das Personal des Hinrichtungsteams, einen intravenösen Zugang für die Giftspritze zu legen, 18 mal vergeblich. Der Todeskandidat versuchte aus Verzweiflung über die Schmerzen sogar selbst, bei seiner Hinrichtung zu helfen, ebenfalls vergeblich.

Das Hinrichtungsteam ist am Morgen des 15. September 2009 in die Southern Ohio Correctional Facility in Lucasville, Ohio gekommen, um einen Mann zu töten. Nach dem zweieinhalbstündigen Versuch, eine Nadel in eine der Venen des damals 53-jährigen Afroamerikaners Romell Broom zu stechen, sagt der Gouverneur von Ohio die Hinrichtung ab – vorerst.

Auf die Frage, welches Thema ihn besonders wütend mache, hat Michael Verhoeven einmal gesagt: „Die Todesstrafe in den USA, in diesem so vorbildlichen, demokratischen Land.“ In seinem neuen Film Die zweite Hinrichtung – Amerika und die Todesstrafe hat sich der gesellschaftskritische Filmemacher zusammen mit seiner Co-Autorin Luise Lindermair dieses Themas angenommen. Der Film erzählt die Geschichte Romell Brooms, der im Jahr 1985 als angeblicher Entführer, Vergewaltiger und Mörder der 14-jährigen Tochter einer FBI-Agentin, Tryna Middleton, zum Tode durch die Giftspritze verurteilt wird. Er handelt von dem Versuch der Anwälte Brooms, ihren Mandanten vor diesem unmenschlichen Tod zu bewahren. Er erzählt von ihrem Kampf, Broom wenigstens die verfassungswidrige „grausame und sittenwidrige Bestrafung“ einer zweiten Hinrichtung zu ersparen. Anhand eines neuen Tötungsverfahrens, das die Injektion des Gifts in einen beliebigen Muskel erlaubt – und zwar so oft, bis der Todeskandidat auch wirklich tot ist – versuchen die Vertreter des Staates Ohio, das Gegenteil zu erreichen. Sie sagen, auf diese Weise würde die Verfassungsmäßigkeit eines erneuten Hinrichtungsversuchs gewährt.

Die zweite Hinrichtung befasst sich aber vor allem auch mit einer Frage, die viele Todesurteile in den Vereinigten Staaten noch unerträglicher macht: War das Gerichtsverfahren fair? 15 Jahre nach dem Prozess sind plötzlich Dokumente mit entlastenden Zeugenaussagen aufgetaucht, welche die Staatsanwaltschaft mit voller Absicht vor den Geschworenen und Brooms Verteidigern geheim gehalten hatte. „Verfahrensrechtlich erloschen“ lautet 2002 das Urteil in letzter Instanz, also zu spät, um einen tödlichen Fehler doch noch zu berichten. Und das obwohl die Richterin einräumt, dass das Material für den Angeklagten entlastend gewesen wäre.

Yvonne Pointer, Mutter von einem der ermordeten Teenager, glaubt nicht an Brooms Schuld

Yvonne Pointer, Mutter von einem der ermordeten Teenager, glaubt nicht an Brooms Schuld

In dem Film kommen nicht nur Brooms heutige und ehemalige Anwälte und seine Verwandten zu Wort; auch ein früheres Opfer, das er als elfjähriges Mädchen zu entführen versucht hatte und die ihren Peiniger am liebsten mehr als einmal sterben sehen würde, spricht vor der Kamera. Auf der anderen Seite wirbt Yvonne Pointer, deren Tochter ebenfalls von Romell Broom ermordet worden sein soll, dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben. Der Film begleitet sie in die Schulen der sozial schwachen Gegenden Clevelands, wo sie junge Menschen über Gewalt und ihre Folgen aufklären will.

Das Urteil, ob Romell Broom „ein zweites Mal“ hingerichtet werden darf, steht zur Zeit noch aus. Vielleicht schafft es Verhoevens Film bis zur endgültigen Entscheidung, noch mehr Menschen von der Ungerechtigkeit dieses Prozesses zu überzeugen.

"Die zweite Hinrichtung – Amerika und die Todesstrafe" wird am 24. Februar um 23.15 Uhr im Programm des WDR ausgestrahlt.

Lesen Sie im Amnesty-Blog: "Die zweite Hinrichtung" - Michael Verhoeven über den Film und seinen Einsatz mit Amnesty International

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