Aktuell Guatemala 16. November 2012

Waffengewalt: Frauen und Mädchen im Visier

Junge Mutter mit Kind im Kalinga Camp, Nord-Kivu. Sie wurde schwanger, nachdem sie von bewaffneten Männern vergewaltigt wurde

Junge Mutter mit Kind im Kalinga Camp, Nord-Kivu. Sie wurde schwanger, nachdem sie von bewaffneten Männern vergewaltigt wurde

16. November 2012 - In Armeen und bewaffneten Gruppen kämpfen weltweit mehr Männer als Frauen. Doch Frauen und Mädchen geraten in einem Krieg zwischen die Fronten. Sie sterben im Kugelhagel auf der Straße. Sie werden mit Maschinengewehren im Anschlag vergewaltigt. Sie flüchten vor der Gewalt und harren monatelang in provisorischen Lagern aus.

Nach einem bewaffneten Konflikt sind Frauen auch zu Hause nicht sicher. Zurückkehrende Soldaten, oftmals traumatisiert und zur Brutalität „erzogen“, tragen die Gewalt in die Familien hinein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Studien vorgelegt, wonach Gewalt in Kriegsgebieten auch nach dem Ende der Kämpfe weit verbreitet ist, unter anderem wegen der gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt und der weiten Verbreitung von Waffen. Etwa 60% aller Kleinwaffen befinden sich heute in den Händen von Zivilisten.

Demokratische Republik Kongo
Rund sechs Millionen Menschen starben in den vergangenen 20 Jahren durch den bewaffneten Konflikt im Osten des Landes. Noch immer werden täglich Menschen Opfer von brutalen Übergriffen durch eine der zahlreichen militärischen Gruppen sowie das kongolesische Militär.

Der Bericht von Amnesty International „If you resist, we will shoot you“ vom Juni 2012 dokumentiert, wie sowohl kongolesische Sicherheitskräfte als auch bewaffnete Gruppen dank der leichten Verfügbarkeit von Waffen und Munition immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen begehen können.

In den vergangenen Jahren wurde die kongolesische Regierung mit großen Mengen an Kleinwaffen, Munition, Tränengas, gepanzerten Fahrzeugen, Artilleriegeschossen und Granaten beliefert. Das Gros dieser Waffen stammt aus China, Ägypten, Südafrika, der Ukraine und den USA. In den meisten von Amnesty untersuchten Fällen wurden die Waffenlieferungen von den zuständigen Regierungen genehmigt, obwohl das hohe Risiko bekannt war, dass sie für schwere Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen im Kongo verwendet werden würden.

Ein bewaffneter Soldat der FARDC auf einem Motorrad in einem Dorf in Nord-Kivu, April 2012

Ein bewaffneter Soldat der FARDC auf einem Motorrad in einem Dorf in Nord-Kivu, April 2012

An Silvester 2010 wurden fast 50 Frauen von Soldaten der kongolesischen Armee FARDC im Dorf Bushani in der Provinz Nord-Kivu vergewaltigt. Die Soldaten demonstrierten ihre Macht mit Schüssen in die Luft und drohten den Frauen, sie zu erschießen, wenn sie Widerstand leisten sollten. Einige der Patronenhülsen, die anschließend vor Ort gefunden wurden, waren in China hergestellt worden.

Im Oktober 2008 waren im Dorf Kiwanja 150 Einwohnerinnen und Einwohner von Kämpfern der bewaffneten Gruppe CNDP ermordet worden. Kurz zuvor hatte die Gruppe ein Waffendepot der kongolesischen Armee geplündert und sich dadurch große Mengen an Waffen beschafft.

Lateinamerika
In vielen Ländern Lateinamerikas werden Frauen Opfer häuslicher Gewalt. Waffen zu besitzen und mit sich zu tragen, ist bei vielen Männern in diesen Ländern sehr verbreitet. Oft sind sie der Auffassung, sie könnten ihre Familien nur mit Waffen beschützen. Letztlich tragen die Waffen aber weniger zur Sicherheit als zur massiven Bedrohung und Gefährdung von Frauen bei.

In Guatemala wurden nach Behördenangaben 631 Frauen allein im Jahr 2011 ermordet Damit erhöhte sich die Anzahl der „Femizide“ (Morde an Frauen wegen ihres Geschlechts) in diesem Land in den letzten zehn Jahren auf 5.700. Ein hoher Prozentsatz geschah unter Einsatz von Waffengewalt. Guatemala importiert nach wie vor viele Kleinwaffen wie Pistolen und Revolver sowie Munition. Zwischen 2004 und 2006 exportierten Länder wie die Tschechische Republik, Südkorea, Argentinien, die Slowakei und Deutschland solche Waffen im Wert von 3. 716.666 US$ nach Guatemala.

Auch in Mexiko ist die Anzahl der getöteten Frauen extrem hoch. Allein in Ciudad Juárez, Grenzstadt zur USA, wurden 320 Frauen im Jahr 2011 getötet. In fast keinem Fall werden die Mörder oder ihre Auftraggeber bisher ermittelt und angemessen bestraft.

Frauen im Penchinat Camp in Haiti nach dem Erdbeben im Januar 2010

Frauen im Penchinat Camp in Haiti nach dem Erdbeben im Januar 2010

In Haiti wurden viele Menschen nach dem verheerenden Erdbeben Anfang 2010 obdachlos. Amnesty International zeichnete Aussagen von Betroffenen in den Camps (Bericht: „Aftershocks - Women speak out against violence in Haiti's Camp's“, AMR 36/001/2011) auf.

Das Schicksal von Denise steht stellvertretend für die Gewalt an Frauen in den Lagern:
„Am 10. Juni schlief ich unter meiner Plane, als drei Männer sie aufrissen, hineinstürzten und mich vergewaltigten. Sie waren bewaffnet und richteten ihre Waffen auf mich. Diese Männer kamen nur in das Camp, um so was zu tun. Zum Glück blieb meinen Kindern genug Zeit, um aus dem Zelt zu flüchten. Ich habe nichts außer der Kleidung, die ich trage; meine Kinder auch... Ich bin nicht ins Krankenhaus oder zur Polizei gegangen. Ich bin jetzt auf der Flucht ... Ich musste meine Töchter (13, 16 und 18 Jahre alt) wegschicken, um sie vor sexueller Gewalt zu beschützen. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll...“.

Eine andere Frau sagte: „Wenn man um Hilfe ruft, hören die Menschen dies zwar, kommen aber nicht aus ihren Häusern heraus, wenn Bewaffnete da sind“.

Amnesty International fordert seit vielen Jahren ein Abkommen zur Regulierung des weltweiten Waffenhandels. Die Chancen stehen gut, dass es auf der UNO-Konferenz im März 2013 verabschiedet wird.

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Erfahren Sie mehr über unsere Kampagne "Hände hoch für Waffenkontrolle" für strikte Kontrollen im internationalen Waffenhandel

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