Aktuell Vereinigte Staaten von Amerika 16. November 2012

Für Jahrzehnte eingesperrt: Isolationshaft in Kalifornien

Mehr als 3.000 Häftlinge werden in Kalifornien in Isolationshaft gehalten

Mehr als 3.000 Häftlinge werden in Kalifornien in Isolationshaft gehalten

16. November 2012 - Schätzungsweise 25.000 Häftlinge sitzen in den USA in Isolationshaft - manche bereits über 20 Jahre lang. Die Einsamkeit ist zermürbend und schadet sowohl der körperlichen als auch der geistigen Gesundheit der Gefangenen.

Der einzige bedeutende Kontakt zu einem Lebewesen, den Joe Simpson (Name geändert) während der 16 Jahre in Isolationshaft im Pelican Bay-Gefängnis in Kalifornien hatte, war der mit einem Frosch. Joe hatte das Tier in dem kleinen Gefängnishof gefunden, den er sporadisch während des Hofgangs nutzen durfte, und monatelang Insekten und Würmer gesammelt, um es zu füttern. Als er jedoch im Juli 2011 entschied, in den Hungerstreik zu treten, um gegen seine Haftbedingungen zu protestieren, nahmen ihm die Wärter den Frosch weg.

Joe ist einer von schätzungsweise 25.000 Häftlingen, die sich, verteilt in 44 Bundesstaaten der USA sowie auf Bundesebene, in Hochsicherheitsgefängnissen in Isolationshaft befinden. Über 3.000 von ihnen sitzen in Isolationszellen in "Hochsicherheitstrakten" (Security Housing Unit, SHUs) in Kalifornien. Kein anderer Bundesstaat in den USA hält so viele Gefangene für solch lange Zeiträume in Isolationshaft. Tatsächlich wird angenommen, dass insgesamt 78 Männer jeweils bereits über 20 Jahre in Isolationshaft verbracht haben.

Experten von Amnesty International, die Ende 2011 das Pelican Bay-Gefängnis und andere SHUs besucht haben, beschrieben die Haftbedingungen kürzlich als "schockierend." Sie dokumentierten, dass Häftlinge dort bis zu 22,5 Stunden am Tag in weniger als 8m² großen, fensterlosen Zellen verbringen und kaum Zugang zu natürlichem Licht und frischer Luft erhalten. Es gibt so gut wie keine Rehabilitierungsprogramme, und überhaupt keine Gruppenaktivitäten. Der Kontakt zu anderen Menschen ist extrem eingeschränkt.

Die 1.000 Männer, die gemeinsam mit Joe im Pelican Bay-Gefängnis inhaftiert sind, dürfen täglich für eineinhalb Stunden ihre Zellen verlassen, um sich in einem kahlen, betonierten Hof mit etwa 6m hohen Wänden zu bewegen. Von dort ist lediglich ein kleines Stück Himmel durch ein halb vergittertes Plastikdach zu sehen.

Pelican Bay ist ein abgelegener Teil des Bundesstaates und viele Häftlinge bekommen, wenn überhaupt, nur selten Besuch. Die meisten Gefangenen haben nur durch Briefe Kontakt zur Außenwelt. Selbst Untersuchungen durch das medizinische Personal finden hinter Gittern statt und Familienmitglieder oder Anwälte werden durch eine gläserne Wand von den Gefangenen getrennt, wenn sie zu Besuch kommen.

Auch Telefonate mit Verwandten sind stark beschränkt. Manche Gefangene haben mehr als ein Jahrzehnt ohne Familienbesuch verbracht. Die Isolierung ist so extrem, dass ein Häftling den Amnesty-Delegierten, die das Pelican Bay Gefängnis besichtigten, erzählte, dass sie "die einzigen Außenstehenden seien, die sie seit Jahren gesehen hätten."

Zweckorientierte Bauweise

Gefängnisse wie das in Pelican Bay wurden in den 1980er Jahren gebaut – als die Häftlingszahlen in den USA rasant anstiegen und allen voran der Bundestaat Kalifornien Schritte durchführte, um die Strafmaßnahmen zu verschärfen.

Pelican Bay wurde speziell als Gefängnis ohne Beschäftigungsprogramme, Gemeinschaftsräume für Erholung und Freizeit, Bildungsangebote oder andere Gruppenaktivitäten geplant und gebaut.

Die amerikanischen Behörden begründen den Bau solcher Hochsicherheitsgefängnisse damit, dass die Isolierung der gefährlichsten Gefangenen und der Unruhestifter für den Rest der Häftlinge sicherer sei – obwohl viele Häftlinge, die in Isolationshaft enden, unter psychischen Krankheiten oder Verhaltensstörungen leiden und manchmal nur für die Wiederholung von relativ kleinen Vergehen oder störendem Verhalten inhaftiert wurden.

Was die Behörden anscheinend unterschätzt haben sind die langfristigen gesundheitlichen Folgen dieser Art der Inhaftierung. Häftlinge in den Isolationszellen im Pelican Bay-Gefängnis berichteten von starken gesundheitlichen und psychischen Problemen, die auf ihre Isolationshaft zurückzuführen sind.

Dazu gehören die Verschlechterung des Sehvermögens aufgrund des jahrelangen Mangels an natürlichem Licht und der Inhaftierung in Räumen, die die Sicht einschränken. Das Fehlen von ausreichend Licht, und der damit einhergehende Vitamin D-Mangel sowie Bewegungsmangel verursachen weitere gesundheitliche Probleme. Ferner wird chronisches Asthma durch die beschriebenen Bedingungen verschlimmert, und die Häftlinge leiden unter starken Schlafstörungen sowie Gedächtnisverlust.

Ein Häftling, der seit 16 Jahren in Isolationshaft sitzt, berichtete Amnesty International: "Die Unterbringung in der SHU hat dazu geführt, dass ich wie ein Geist aussehe. Meine Haut ist wie bei vielen Mithäftlingen ohne Sonnenlicht, sehr bleich geworden. Ich sehne mich sehr danach, die Wärme der Sonnenstrahlen auf mir zu spüren."

Schlag für die psychische Gesundheit

Die schweren negativen Folgen einer langen Isolation für die psychische Gesundheit zeigen sich in statistischen Daten, aus denen hervorgeht, dass Selbstmorde von Häftlingen in Isolationshaft im Vergleich mit anderen Gefängnisinsassen unverhältnismäßig häufig vorkommen.

Einem Bericht eines gerichtlich bestellten Prüfers zufolge fanden 42 Prozent der Selbstmorde in kalifornischen Gefängnissen zwischen 2006 und 2010 – ein Durchschnitt von 34 pro Jahr – in angeordneter Absonderung oder in SHUs statt.

Einer von ihnen war Alex Machado, der sich am 24. Oktober 2011 das Leben nahm. Alex wurde im Februar 2010 in das Pelican Bay-Gefängnis überstellt, nachdem er als Gangmitglied eingestuft worden war. Ihm wurde gesagt, dass er auf unbestimmte Zeit in Isolationshaft sitzen würde.

Seiner Familie zufolge hatte er in den vorangegangenen 11 Haftjahren keine bemerkenswerten psychischen Probleme. Er konnte lesen und sich gut ausdrücken, und half anderen Häftlingen dabei, ihre juristischen Beschwerden zu formulieren.

Doch nach einem Jahr der Isolationshaft im Pelican Bay-Gefängnis begann sich seine geistige Gesundheit signifikant zu verschlechtern. Zwischen Januar und Juni 2011 vermerkten die Gesundheitsakten im Gefängnis eine Zunahme an Angstgefühlen sowie Paranoia. In den Akten stand, dass er an Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Panikattacken litt. Er fühlte sich beobachtet, erlebte visuelle Halluzinationen und dachte, er höre Stimmen sowie Klopfgeräusche an seiner Zellenwand.

Als er am 12. Juni 2012 androhte, sich umzubringen, wurde er in eine Zelle für "Krisenfälle" verlegt. Doch er blieb weiterhin im Isolationstrakt, obwohl er akute psychotische Symptome zeigte.

Aus dem Obduktionsbericht geht hervor, dass Alex am Tag seines Todes zum letzten Mal um ungefähr 12.15 Uhr lebend gesehen wurde, "als er wegen Herzrasens untersucht wurde." 30 Minuten nachdem er zurück in die Zelle geschickt worden war, wurde er dort von einem Wärter gefunden. Er hatte sich erhängt.

Der Tag danach

Viele Häftlinge leiden sogar noch nach ihrer Entlassung an den Folgen der Isolierung. Im Durchschnitt werden in Kalifornien jährlich 900 Häftlinge direkt aus der Isolationshaft auf Bewährung freigelassen – nur mit ein paar Dollar Bargeld und einem Ausweis in der Tasche. Übergangsprogramme werden nur selten angeboten.

Ein ehemaliger Häftling des Pelican Bay-Gefängnisses berichtete Amnesty International: "Es gibt keine Rehabilitationsprogramme, keine Kirchen, keine Bildung, keine Materialien für Künstler. Sie sagen, dass wir keine Zellengenossen haben können, weil es zu gefährlich sei, aber das ist nicht wahr. Viele der Häftlinge sind seit mehr als 15 Jahren in Einzelhaft, manche sogar über 20 Jahre. Selbst mich überkommt diese Welle der Einsamkeit noch nach sieben Jahren Einzelhaft… Also versuchen Sie sich vorzustellen, welche Folgen das auf ihre Psyche hat."

Dieses Jahr hat die Gefängnisbehörde in Kalifornien Veränderungen vorgeschlagen. Den Häftlingen sollen Möglichkeiten eingeräumt werden, sich im Rahmen eines Programms Schritt für Schritt aus der Isolationshaft herauszuarbeiten. Allerdings ist auch in diesem Plan vorgesehen, dass Häftlinge, die auf unbestimmte Zeit in einem SHU-Trakt inhaftiert sind, für mindestens zwei Jahre in Isolationshaft bleiben müssen. Veränderungen an den belastenden Bedingungen im Pelican Bay-Gefängnis sind nicht vorgesehen.

Amnesty International ruft die Behörden dazu auf, Isolationshaft lediglich als letzten Ausweg zu verhängen, alle Häftlinge, die bereits seit Jahren in den SHU inhaftiert sind, aus der Isolationshaft in andere Haftalternativen zu entlassen, und die Bedingungen für die Häftlinge zu verbessern, die in Einzelhaft untergebracht sind.

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