Aktuell Syrien 26. Oktober 2011

Syrien: Mediziner und Patienten werden zur Zielscheibe der Regierung

Syrien: Viele Menschen, die sich in den Krankenhäusern eine Behandlung erhofft hatten, wurden verhaftet.

Syrien: Viele Menschen, die sich in den Krankenhäusern eine Behandlung erhofft hatten, wurden verhaftet.

26. Oktober 2011 - Seit Beginn der Proteste in Syrien im März dieses Jahres herrscht in staatlichen Krankenhäusern in Syrien ein Klima der Angst. Der neue Bericht „Health Crisis: Syrian Government Targets the Wounded and Health Workers“ dokumentiert, dass verletzte Protestierende in vielen Fällen von Krankenhauspersonal – darunter auch Mediziner – und von syrischen Sicherheitskräften beschimpft, körperlich angegriffen und sogar gefoltert wurden.

In einigen Fällen wurden den Verletzten die medizinische Behandlung sowie die notwendigen Medikamente verweigert. Viele Menschen, die sich in den Krankenhäusern eine Behandlung ihrer Verletzungen erhofft hatten, wurden verhaftet und ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten sowie in Gefängnisse überführt. Dort waren sie Folter ausgesetzt und sind aufgrund ihrer Verletzungen sowie der meist schlechten medizinischen Versorgung in den Gefängnissen vom Tod bedroht.

Patienten in mindestens vier Krankenhäusern betroffen

Nach Erkenntnissen von Amnesty International waren mindestens in drei staatlichen Krankenhäusern in Banias, Homs und Tell Kalakh sowie im Militärkrankenhaus in Homs Patienten von diesen Repressalien betroffen.

„Es ist zutiefst alarmierend, dass die syrische Regierung den Sicherheitsbehörden freien Zugang zu Krankenhäuser gewährt und dass in vielen Fällen Krankenhauspersonal, darunter auch Ärzte und Krankenschwestern, Menschen gefoltert und misshandelt haben, deren Leben sie eigentlich retten sollten“, erklärt Kristina Schmidt, Syrien-Expertin der deutschen Sektion von Amnesty International.

„Hinsichtlich des Ausmaßes und der Schwere der Verletzungen, denen Menschen aus dem ganzen Land ausgesetzt sind, ist es beunruhigend, dass viele es als sicherer erachten, auch schwerwiegende Verletzungen nicht behandeln zu lassen, um damit die Behandlung in einem staatlichen Krankenhaus zu vermeiden.“

Ein Arzt des Militärkrankenhauses in Homs berichtete Amnesty International, er habe vier Ärzte und mindestens 20 Krankenschwestern dabei beobachtet, wie sie Patienten misshandelten.

Patienten werden aus Krankenhäusern verschleppt

Am 22. August wurde „Ahmed“ bewusstlos in das staatliche Krankenhaus von Tell Kalakh eingeliefert, nachdem er von Sicherheitskräften zusammengeschlagen worden war. Ein Zeuge sah ihn in der Notaufnahme und berichtete: „Dort waren rund sieben oder acht Sicherheitsmänner - einige von ihnen trugen Gewehre - und Krankenschwestern in weißer Kleidung anwesend. Sie alle drängten sich um den Mann. Er öffnete seine Augen und fragte: ‚Wo bin ich?’ Plötzlich stürzten sich alle auf ihn und fingen an, auf ihn einzuschlagen.“

Häufig werden Patienten auch aus Krankenhäusern verschleppt. Am 7. September durchsuchten Sicherheitskräfte das al-Birr wa al-Khadamat Krankenhaus in Homs, um einen bewaffneten Feldkommandeur zu finden, der sich angeblich gegen die Regierung gewandt hatte. Als die Sicherheitskräfte den Verdächtigen nicht finden konnten, verhafteten sie stattdessen 18 verwundete Menschen.

Ein medizinischer Angestellter, der zur Zeit der Durchsuchung im Krankenhaus gewesen war, berichtete Amnesty International, er habe mindestens einen bewusstlosen Patienten gesehen, dem man das Beatmungsgerät entwendet hatte, bevor man ihn mitnahm.

Aus Angst vor den Konsequenzen, die das Aufsuchen eines staatlichen Krankenhauses möglicherweise mit sich bringen kann, bevorzugen viele nun eine Behandlung in privaten Krankenhäusern oder improvisierten Feldlazaretten.

Medizinisches Personal wurde zur Zielscheibe

Ärzte aus dem staatlichen Krankenhaus in Homs berichteten Amnesty International, dass die Zahl der Patienten mit Schussverletzungen seit Mai stark zurückgegangen sei – ganz im Gegensatz zu der beständig steigenden Anzahl von Toten und Verwundeten auf Syriens Straßen.

Blutkonserven erhält man in Syrien allerdings nur über die Zentrale Blutbank, die direkt vom syrischen Verteidigungsministerium kontrolliert wird. Dies bringt Privatkliniken in eine schreckliche Zwangslage. Ein Arzt, der in einem privaten Krankenhaus in Homs arbeitete, erzählte Amnesty International:„Jedes Mal, wenn ein Patient mit einer Schussverletzung eingeliefert wird, der dringend eine Blutspende braucht, stehen wir vor einem Dilemma: Denn stellen wir eine Anfrage an die Zentrale Blutbank, erfahren die Sicherheitskräfte von dem Patienten und wir bringen ihn in die Gefahr inhaftiert und gefoltert zu werden. Womöglich wird er in Haft sogar sterben.“

Auch das medizinische Personal selbst wurde zur Zielscheibe von Sicherheitskräften. Einige, weil sie Verletzte behandelt hatten. Andere, weil sie verdächtigt wurden, sich an Protesten beteiligt oder Demonstrierende gefilmt zu haben. Am 7. August durchsuchten circa 20 Soldaten und Sicherheitskräfte ein staatliches Krankenhaus in der Provinz Homs und verhafteten sieben Personen, die als medizinisches Fachpersonal im Krankenhaus gearbeitet hatten. Eine dieser sieben Personen berichtete Amnesty International über das Verhör, bei dem einige ihrer Kollegen schwer geschlagen worden waren. Ein Angehöriger des Militärgeheimdienstes bedrohte ihn mit der Frage:

„´Willst du gefoltert werden oder willst du reden?`... Er beschuldigte mich und meine Kollegen, Verletzte behandelt zu haben, ohne dies den Behörden gemeldet zu haben, und forderte mich auf, die Namen der Verletzten zu nennen.“

Amnesty International fordert eine Gleichbehandlung aller Patienten

Amnesty International forderte die syrischen Behörden auf, allen Krankenhäusern klare und unmissverständliche Anweisungen zu geben, alle Verwundeten aufzunehmen und ohne Verzögerung zu behandeln.

„Medizinisches Fachpersonal wird in Syrien untragbaren Situationen ausgesetzt: Es wird gezwungen zwischen der eigenen Sicherheit und der Behandlung von Patienten zu wählen“, erklärt Kristina Schmidt.

„Die syrische Regierung muss dringend gewährleisten, dass alle Patienten gleich behandelt werden, ohne sie aufgrund ihrer vermuteten politischen Loyalität oder Aktivität zu diskriminieren.“

„Jeder, sowohl medizinisches Personal, als auch Mitglieder der Sicherheitskräfte, der verdächtigt wird, die Versorgung der Verwundeten zu verzögern oder zu behindern, muss zur Rechenschaft gezogen werden.“

Schreiben Sie jetzt eine E-Mail an den syrischen Gesundheitsminister und fordern Sie ihn auf, allen Krankenhäusern klare und unmissverständliche Anweisungen zu geben, alle Verwundeten aufzunehmen und ohne Verzögerung zu behandeln!

Jetzt mitmachen: zur Aktion!

Hier finden Sie den Bericht in voller Länge als PDF (Englisch)

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