Kultur 21. Juni 2010

Kunst im Gulag: Festival in Perm 36

Sowjet-Arbeitslager ist heute ein Museum
Zeichnung eines Fotoapparates, eines Pinsels und Viertelnoten

Bürgerrechtler haben das einstige Lager Perm 36, in dem zu Sowjetzeiten Dissidenten und kritische Künstler inhaftiert waren, zum Museum umgebaut. Dort findet seit sechs Jahren jeden Sommer ein ­politisches Kunstfestival statt: das Pilorama.

 

Auch das ist Russland heute: Die Flagge der Vereinten Nationen weht über dem Gulag-Lager „Perm 36“ im Ural. Der ukrainische Dissident Walerij Martschenko hätte das für eine Fata Morgana gehalten, als er 1977 in dem Lager Säcke nähte. Er war 1973 vom Bezirksgericht in Kiew wegen verleumderischer Schriften zur Untergrabung der staatlichen Autorität“ und Kritik an der sowjetischen Politik gegenüber der Ukraine zu sechs Jahren Lagerhaft mit strengem Regime und zu zwei Jahren Verbannung verurteilt worden.

Amnesty International setzte sich 1977 für Martschenko ein, indem er zum „Gefangenen des Monats“ erklärt wurde: Daraufhin wandten sich Menschen von überall auf der Welt in Briefen an den Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, und forderten die Freilassung des Dissidenten.

Auch der ukrainische Dichter Wassyl Stus, der Anfang der Achtzigerjahre Insasse dieses Lagers war, hätte das nicht zu träumen gewagt. Im Oktober 1980 war das Mitglied der ukrainischen Helsinki-Gruppe zu zehn Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung verurteilt worden. Kurz nachdem ihn unter anderem Heinrich Böll für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen hatte, kam er 1985 in „Perm 36“ auf bis heute ungeklärte Weise ums Leben.

Unter den Vorzeichen von „Glasnost“ und „Perestroika“ ­änderten sich die Verhältnisse. 1987 – Michail Gorbatschow war längst Generalsekretär der KPdSU – wurde „Perm 36“ aufgelöst. Kurze Zeit später wurden auch sämtliche Sicherheitseinrichtungen entfernt – nichts sollte mehr an das Lager erinnern.

„Ohne ein Verstehen der Vergangenheit gibt es keine Zukunft“

Anfang der Neunzigerjahre setzten sich Bürgerinnen und Bürger aus der Region, vor allem aber die Bürger- und Menschenrechtsorganisation Memorial für eine Rekonstruktion des Lagers und die Einrichtung eines Museums ein. „Ohne ein Verstehen der Vergangenheit gibt es keine Zukunft“, sagt Viktor Schmyrow, Direktor des Gulag-Museums. „Vor allem die jungen Leute müssen verstehen, was Totalitarismus bedeutet, um zukünftigen Versuchungen widerstehen zu können.“

Gegen das Verdrängen und Vergessen anzuarbeiten ist die Motivation der Menschen, die 1993 mit der Rekonstruktion des Lagers begannen, das in der Nähe des Dorfes Kutschino in der Region Perm liegt, etwa hundert Kilometer entfernt von der gleichnamigen Hauptstadt. Sie haben auf dem Lagergelände und in den angrenzenden Wäldern Gebäudeteile, Gefängnistüren und Sicherheitsanlagen gefunden und zusammengetragen. Was fehlte, wurde nach Angaben früherer Gefangener und des Bewachungspersonals ergänzt.

Im Sommer finden regelmäßig internationale Jugendcamps statt. Dann arbeiten Jugendliche – aus Deutschland unter anderem entsandt von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste – mit großem Engagement am Aufbau des Museums.

„Ohne das Engagement dieser jungen Menschen und ohne die finanzielle Unterstützung durch ausländische Stiftungen aber auch durch die Permer Gebietsadministration wäre das alles nicht zu schaffen gewesen“, sagt Schmyrow. 1995 war soviel wiederhergestellt, dass ein Teil des Lagergeländes offiziell als Museum eröffnet werden konnte. Seitdem werden Jahr für Jahr weitere Teile des Lagers rekonstruiert. „Perm 36“ ist damit der einzige Ort in der Russischen Föderation, der heute noch einen – zumindest ungefähren – Eindruck davon vermittelt, was der Archipel Gulag bedeutete.

Erinnern, austauschen, gemeinsam aktiv werden

„Natürlich wollen wir Menschen über staatlichen Terror aufklären“, sagt Robert Latypow, Ko-Vorsitzender der Jugendorganisation von Memorial in Perm. „Die Menschen sollen aber vor allem aktiv und bewusst daran mitwirken, sich die Erinnerung zu erarbeiten und sie dann zu festigen. Nur so können die Auswirkungen der Geschichte auf die heutige Gegenwart erkannt und – soweit das notwendig ist – auch überwunden werden.“

Das Gulag-Museum „Perm 36“ sollte aber von Anfang an nicht nur ein Ort des Erinnerns sein. „Uns kommt es darauf an, dass sich dort Menschen aus verschiedenen Generationen und Ländern begegnen, sich über Fragen der Geschichte austauschen und sich vor diesem Hintergrund der gemeinsamen Verantwortung für Gegenwart und Zukunft bewusst werden“, sagt Tatjana Kursina, die Geschäftsführerin des Museums.

Das Pilorama - Kunst befreit

Und so kommt es, dass inzwischen die UNO-Flagge über dem früheren Lager weht. Seit 2005 findet jeweils an einem ­Wochenende im Sommer auf dem Gelände von „Perm 36“ das internationale Forum Pilorama, zu Deutsch Sägewerk, statt. Der Name des Forums weist auf das Sägewerk hin, das sich im Lager befand und in dem die Häftlinge arbeiten mussten. Während anfangs neben ehemaligen Insassen des Lagers vor allem diejenigen kamen, die sich für den Wiederaufbau eingesetzt hatten, wurde das Festival mit seinen Diskussionsrunden, Kunstaus­stellungen, Konzerten, Film- und Theateraufführungen in den Folgejahren zu einer festen Institution in der Region. 2009 fand es – erstmals auch von der deutschen Amnesty-Sektion unterstützt – zum fünften Mal statt und zog mehr als 10.000 Menschen an.

Den Besuchern, von denen viele in einem Zeltlager am nahe gelegenen Fluss Tschussowaja übernachteten, bot sich ein breites Spektrum an Veranstaltungen. Die beiden Hauptthemen lauteten „Krieg und Frieden“ sowie „Mensch und Gefängnis“. So diskutierten unter anderem der frühere Insasse des Lagers Sergej Kowaljow, der frühere polnische Dissident und heutige Publizist Adam Michnik, sowie Dirk Hebecker, aufgewachsen in der DDR und jetzt im Büro der Hochkommissarin der Vereinten Nationen in Moskau tätig, über die Zeit nach dem Mauerfall.

Das Forum bot engagierte Diskussionen über den Sinn von Haftstrafen und die dabei einzuhaltenden Standards, über Europa und über die Permer Region: Welche Chancen liegen in ­einem Austausch mit dem Westen, welche Gefahr ist mit einer möglichen Abwanderung von Jugendlichen verbunden? Aber es war auch Raum für Ungeplantes: In einer spontan organisierten Diskussionsrunde diskutierten Menschenrechtler aus Abchasien die Lage nach dem Krieg zwischen Georgien und Russland.

In einer Baracke des Lagers drängten sich die Menschen, um Kurzfilme zu sehen, die das Goethe-Institut dort unter dem Titel „Frei und gleich geboren“ zeigte. In einem Pavillon las Natalja Gorbanewskaja aus ihrem neuesten Gedichtband. Sie gehörte zu jenen Dissidenten, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz Flugblätter gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die damalige CSSR verteilten.

Rock der Aufklärung

Als Publikumsmagnet erwiesen sich aber die Konzerte. Neben einem der berühmtesten russischen Liedermacher und Dramatiker, dem früheren Dissidenten Juli Kim, der zu Zeiten der Sowjetunion nur im Untergrund auftreten konnte, schlug Juri Schewtschuk alle in seinen Bann.

Schewtschuk, einer der bekanntesten Rock-Musiker des Landes, kommt in russischen Rundfunk- und Fernsehanstalten heute praktisch nicht mehr vor. Er ist sowohl vor tschetschenischen Rebellen als auch vor in Tschetschenien stationierten russischen Soldaten aufgetreten und hat auf dem Schlossplatz in St. Petersburg im Mai 1993 mit seiner Rock-Band DDT vor 120.000 Menschen gespielt. Seit Sowjetzeiten ist er sicher die Stimme derer, die sich glaubwürdig gegen jeglichen Missbrauch von Macht einsetzen, unter welchen Vorzeichen sie auch immer ausgeübt wird. Nach dem Konzert beim Forum Pilorama trat er in einer Haftanstalt vor Gefangenen auf, die lebenslängliche Freiheitsstrafen verbüßen.

Im Sommer 2010 startet das Pilorama nun zum sechsten Mal. Unter dem Thema „Die Welt der Unfreiheit und die Kultur“ soll es um Kultur unter den Bedingungen der Diktatur und die Verantwortung von Kulturschaffenden gehen. Das zweite Hauptthema ist die „Tragödie des russischen Dorfes“.

80 Jahre nach dem Beginn der Zwangskollektivierung wird der Frage nachgegangen, wie es um das russische Dorf heute steht, welche Faktoren für den Niedergang verantwortlich sind und ob es Handlungsoptionen für eine Zukunft dieses Lebensraums gibt. Aber auch andere Themen sind vorgesehen. So wird der Film „Der Sturm“, der den Amnesty-Filmpreis der Berlinale 2009 erhalten hat, in einer russisch untertitelten Fassung beim Festival laufen und sicher für viele Diskussionen sorgen.

Die Pläne der beiden Hauptorganisatoren Tatjana Kursina und Viktor Schmyrow gehen jedoch über 2010 hinaus: „Wir wollen hier eine internationale Werkstatt aufbauen. Darin sollen vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Ortes unterschiedliche Erfahrungen eingebracht werden, um Ideen zu entwickeln, wie man Totalitarismus verhindern und die Demokratie stärken kann.“ Ihre Bemühungen, diesen Schatz unterschiedlicher Erfahrungen zu heben und für die Zukunft nutzbar zu machen, verdienen jede Unterstützung!

Von Maria Sannikova und Peter Franck, Amnesty Journal Juni 2010

Maria Sannikova war von 1998 bis 2001 Projektkoordinatorin im Zentrum zur Förderung von Nicht-Staatlichen Organisationen in Perm, heute ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag.

Peter Franck ist Sprecher der Ländergruppe Russland der deutschen Sektion von Amnesty International.

Zeitleiste Perm 36

[Zeitleiste Perm 36]

1936: Einrichtung eines Besserungslagers 1946: Beginn des Lagerbetriebs als „Arbeitsbesserungsanstalt“ Nr. 6 (ITK-6). Teil des Gulag-Systems. bis 1953: Technisierung des Lagers, Ausstattung mit ­Sägewerk und Schmiede. Im Lager verbüßen sowohl wegen „normaler“ Straftaten Verurteilte als auch politische Gefangene ihre Strafen. ab 1954: Nach dem Tod Stalins 1953 gibt es keine ­politischen Gefangenen mehr im Lager. Ausbau der ­Sicherheitsstandards. Anfang der Siebzigerjahre: Im Zuge des harten Vorgehens gegen Dissidenten kommen wieder politische Ge­fangene in das Lager, das 1972 die interne Bezeichnung VS-389/36 erhält (daher später: Perm 36). Ab 1980: Einziges Lager in der Sowjetunion, in dessen „besonderes Regime“ (besonders harte Haftbedingungen) ausschließlich politische Häftlinge aufgenommen werden. Bis zur Schließung des Lagers sind dort 56 Häftlinge, von denen nach offiziellen Angaben mindestens sieben in der Haft sterben. 1987: Schließung von Perm 36 1993: Beginn der Arbeiten für ein Gulag-Museum und der jährlichen Sommercamps für Jugendliche 1995: Eröffnung eines Teils des Lagers als Museum 2005: Erstes internationales Forum Pilorama auf dem ­Gelände des Museums

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