Sektion der Bundesrepublik Deutschland

ai-Journal Mai 2006

Der Film "Road to Guantanamo" - Straße nach Nirgendwo

DER FILM "ROAD TO GUATANAMO"

Straße nach Nirgendwo



Der Film »Road to Guantánamo« schildert die Odyssee und die Qualen dreier junger Briten pakistanischer Herkunft in dem US-Gefangenenlager. Von Dawid Danilo Bartelt



Agitprop sei das, unerträglich einseitig und parteiisch. Michael Winterbottom verwechsele politisches Kino mit »Political Correctness«. Gar »faschistoid« befand ein US-Journalist die Darstellung der US-Soldaten. »Road to Guantánamo«, der Film des englischen Regisseurs Michael Winterbottom, polarisiert. Ja, Cineasten sollen darum streiten, wie unmissverständlich politisch ein Film sein darf, bevor die Kunst Schaden nimmt. Doch das Negativste, was man über diesen Film sagen kann, ist, dass es ihn früher hätte geben müssen. Denn schon viel zu lange verschlucken Guantánamo und andere, teilweise geheime US-Gefängnisse auf der ganzen Welt Menschen, um sie im günstigen Fall als Menschen ohne Recht, als Misshandelte und Gefolterte in eine dem Roten Kreuz zugängliche Zelle auszuspucken. Für wen es weniger günstig läuft, der taucht gar nicht mehr auf.

»Road to Guantánamo« erzählt den Fall dreier junger Briten pakistanischer Herkunft aus dem mittelenglischen Tipton. Ruhel Ahmed, Asif Iqbal und Shafiq Rasul, zwischen 19 und 23 Jahre alt, fuhren im Oktober 2001 nach Pakistan, um bei der Hochzeit eines Kumpels dabei zu sein. Sie ließen sich zu einer Busfahrt nach Afghanistan überreden, um den moslemischen Geschwistern dort zu helfen. Ein Abenteuerausflug, der jäh in den ersten Bombardements des US-Feldzugs gegen Afghanistan endet. Sie geraten zwischen die Fronten beim Kampf der Taliban gegen Dostums Truppen, überleben, werden den Amerikanern übergeben und im Januar 2002 nach Guantánamo gebracht. Es folgen zwei Jahre täglicher Misshandlungen, Demütigungen und absurder Verhöre. Ihr großes Glück: Sie können fließend Englisch, ihnen wird ein konkreter Vorwurf gemacht und sie können ihn widerlegen. Im März 2004 werden sie entlassen. Ohne dass die USA den Fehler zugeben oder gar eine Entschädigung zahlen.



Der Film will einnehmen, er will überzeugen, er will bewegen. Mit den Mitteln eines Films. Winterbottom wählt eine Form, die man Doku-Melodrama nennen könnte. Ruhel, Asif und Shafiq kommen zu Wort, führen ein in die verschiedenen Etappen ihres Weges, in ruhigen, sachlichen Worten. Was weiter passiert, erzählt die Inszenierung. Was ihre Figuren fühlen, erzählt die Musik. Damit erzeugt Winterbottom jene Sinnlichkeit, die es braucht, um ahnend begreifen zu können. Wie oft konnte man schon lesen – und war zu wenig berührt –, dass Terrorverdächtige in dunkler Einzelzelle an einen Eisenring im Boden angekettet und mit Rockmusik und Stroboskoplicht beschossen werden. Nach einer halben Minute des Zuschauens und -hörens hält man es kaum noch in seinem warmweichen Kinosessel aus.



Niemand kann nach diesem Film noch einen Zweifel haben, dass es in Guantánamo weniger darum geht, Verdächtige eines konkreten Verdachtes zu überführen, als darum, Menschen zu brechen, sie zu verdinglichen, nicht nur ihrer Rechte, sondern ihrer Würde zu berauben. Sprich: Sie zu foltern. Alles Dargestellte ist vielfach belegt. Der Film behandelt den Fall der »Tipton Three«, doch er bebildert die Praxis der modernen Kriegsführung gegen den Terror. In »Road to Guantánamo« lernen die Bilder aus Abu Ghraib erstmals laufen.

Nicht nur cineastisch interessant ist, dass im »Krieg gegen den Terror« die Realität der Fantasie stets vorauseilt. Shafiq, Ruhel und die beiden Schauspieler, die sie im Film darstellten, wurden auf der Rückreise von der Berlinale am Londoner Flughafen Luton verhaftet und vom britischen Verfassungsschutz verhört. Wieder einmal hatten die Tipton Three Glück im Unglück – sie kamen nach ein paar Stunden frei. Nach dem jüngsten Terrorismusgesetzesentwurf, der zurzeit dem britischen Parlament vorliegt, dürfen »Terrorverdächtige« ohne Anklage und Gerichtsverfahren 28 Tage lang festgehalten werden.



Der Autor ist Pressesprecher der deutschen ai-Sektion.