Sektion der Bundesrepublik Deutschland

ai-Journal Mai 2006

Kolumne

KOLUMNE

Nur Fußball



Diese Kolumne soll vom Menschenrecht auf Fußball handeln. Damit setzt sie sich vermutlich ein paar Missverständnissen aus, die zuerst mal aus dem Weg geräumt werden sollten. Sie handelt nämlich nicht von so etwas Langweiligem wie der »öffentlich-rechtlichen Grundversorgung«. Sie will auch nicht wichtige Kampagnen, die sich um das Thema »Fußball und Menschenrechte« drehen und beispielsweise Zwangsprostitution, politische Justiz, Todesstrafe oder Meinungsunterdrückung anprangern, klein reden oder gar relativieren.



Nein, es geht »nur« um Fußball, und der ist wichtig und bedeutend genug, als dass ihm das gemeine Wörtchen »nur« schaden könnte.



Es geht beispielsweise um Folgendes: Im Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban hatten Kinder ein Straßenfußballturnier ausgetragen. Die Taliban beschossen aus Hubschraubern das Spielfeld und töteten etliche von ihnen.



Und auch darum geht es: »Unser Präsident liebt Fußball«, sagt der Chef des iranischen Fußballverbandes über seinen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Dessen Liebe zeigt sich unter anderem darin, dass er das für Frauen geltende Verbot, ein Stadion, in dem Männer Fußball spielen, zu betreten, konsequent durchsetzt. Und in seiner Zeit als Teheraner Bürgermeister hatte er den öffentlichen Aushang von Postern verboten, die David Beckham zeigten.



Wenn schöne Männer in kurzen Hosen als Popstars verehrt werden, gilt das Fundamentalisten als Teufelszeug. Das Recht, sich seine Freizeitbeschäftigung selbst auszusuchen, mögen sie nicht. Es ist auch kein Zufall oder Dummheit, dass es ausgerechnet der Fußball ist, den sie verbieten oder, wo das nicht gelingt, instrumentalisieren wollen. Den Fußball lieben Leute wie Ahmadinedschad gerade mal so lange, wie er aus bloßem Treten gegen halbwegs runde Gegenstände besteht und nur von Männern betrieben wird, die lange Hosen und Ärmel tragen.



Sobald der Fußball sich aber als das zeigt, was er ist, nämlich ein kulturelles Angebot des Westens, eine durch und durch liberale Veranstaltung, die die formelle Gleichheit aller Teilnehmenden zur Voraussetzung hat, die nur existieren kann, wenn es keinen rassistisch oder sonst wie begründeten Ausschluss gibt, wird er von solchen Leuten abgelehnt, ja, gehasst.



Das Menschenrecht auf Fußball entspricht dem Recht auf Musik, auf Sex, auf Schönheit, auf Spaß, kurz: dem Recht auf Menschsein. Diese Kolumne handelte also nur von Fußball.



Martin Krauß ist Sportjournalist und Chef vom Dienst des Fußballmagazins »RUND«.