Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Jahresbericht 2006

Israel und besetzte Gebiete

Berichtszeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2005

ISRAEL UND BESETZTE GEBIETE


Amtliche Bezeichnung: Staat Israel

Staatsoberhaupt: Mosche Katzav

Regierungschef: Ariel Scharon

Todesstrafe: für gewöhnliche Straftaten abgeschafft

Statut des Internationalen Strafgerichtshofs: unterzeichnet mit der erklärten Absicht, das Statut nicht zu ratifizieren

UN-Frauenrechtskonvention: mit Vorbehalten ratifiziert

Zusatzprotokoll zur Frauenrechtskonvention: nicht unterzeichnet

     

Im Berichtsjahr zog Israel seine Truppen aus dem Gazastreifen zurück und veranlasste die Räumung der dortigen jüdischen Siedlungen. Auch im nördlichen Westjordanland wurden vier kleinere Siedlungen aufgelöst. Gleichwohl entstanden in dem von Israel besetzten Westjordanland auf palästinensischem Territorium erneut illegale Siedlungen, andere wurden erweitert. Der Bau der rund 600 Kilometer langen Sperrmauer wurde ebenfalls fortgesetzt. Straßensperren und Blockaden der israelischen Streitkräfte in den besetzten Gebieten und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der dort lebenden palästinensischen Bevölkerung hatten hohe Arbeitslosenzahlen und verbreitete Armut unter den Palästinensern zur Folge. Israelis wie Palästinenser verübten erneut gewalttätige Anschläge, deren Zahl jedoch im Vergleich zu den Vorjahren deutlich rückläufig war. Israelische Einheiten töteten rund 190 Palästinenser, unter ihnen etwa 50 Kinder. Bei Anschlägen bewaffneter palästinensischer Gruppen kamen 50 Israelis ums Leben, darunter sechs Kinder. Die israelischen Streitkräfte gingen routinemäßig mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen friedliche Demonstranten vor, die gegen die Zerstörung landwirtschaftlich genutzter Flächen oder den Bau der Sperrmauer protestierten. Palästinensische Bauern waren häufig Zielscheibe von Übergriffen seitens israelischer Siedler, die Obstplantagen verwüsteten und Palästinenser an der Bewirtschaftung ihres Ackerlandes hinderten. Israelische Soldaten und Siedler, die für ungesetzliche Tötungen und anderweitige Angriffe auf Palästinenser und deren Eigentum verantwortlich zeichneten, blieben gewöhnlich von Strafverfolgung verschont. In den besetzten Gebieten nahmen die israelischen Streitkräfte Tausende Palästinenser unter dem Verdacht in Haft, gegen Sicherheitsbestimmungen verstoßen zu haben. Israelis, die den Dienst bei den Streitkräften aus Gewissensgründen verweigerten, wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Hintergrundinformationen

Nach von ägyptischer Seite vermittelten Verhandlungen zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und maßgeblichen bewaffneten Gruppen der Palästinenser Anfang des Jahres erklärten sich Letztere bereit, Angriffe gegen Israel zeitlich unbefristet auszusetzen. Die israelische Armee kündigte ihrerseits an, von Angriffen auf palästinensische Ziele absehen zu wollen. Dessen ungeachtet verübten beide Seiten weitere Anschläge, die sie mit der Begründung rechtfertigten, damit auf Akte der Aggression des Gegners reagiert zu haben. Die Zahl der Tötungen und anderweitigen Anschläge nahm allerdings im Berichtszeitraum auf beiden Seiten deutlich

ab.

Der von Ministerpräsident Scharon verfolgte Rückzugsplan – der Abzug israelischer Truppen aus dem Gazastreifen und die Räumung der dortigen Siedlungen sowie vier weiterer jüdischer Siedlungen im Westjordanland – löste innerhalb der regierenden Likud-Partei verschärfte Spannungen aus. Im November trat Ariel Scharon aus dem Likud-Block aus und gründete eine neue Partei. Daraufhin wurden für März 2006 vorgezogene Neuwahlen anberaumt.

Das Vorgehen sowohl der israelischen Streitkräfte als auch bewaffneter Gruppen der Palästinenser war Bestandteil eines Musters von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Tötungen und andere Übergriffe durch die israelische Armee

Im Berichtszeitraum töteten Angehörige der israelischen Streitkräfte rund 190 Palästinenser, unter ihnen etwa 50 Kinder. Viele der Opfer starben infolge exzessiver Gewaltanwendung oder wurden auf ungesetzliche Weise getötet, indem israelische Einheiten dicht besiedelte Wohngebiete vorsätzlich und rücksichtslos unter Gewehr- oder Mörserbeschuss nahmen oder von der Luft aus bombardierten. Mehrere Palästinenser wurden extralegal hingerichtet, andere kamen bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten ums Leben. Hunderte weitere Palästinenser erlitten Verletzungen.

Am 4. Januar starben in der im nördlichen Gazastreifen gelegenen Stadt Beit Lahiya bei einem israelischen Luftangriff sieben Kinder im Alter von zehn bis 17 Jahren, fünf weitere Menschen wurden schwer verletzt. Unter den Opfern, die gerade auf einem Feld Erdbeeren pflückten, als sie von dem Angriff überrascht wurden und zu Tode kamen, befanden sich Jibril al-Kaseeh sowie sechs Mitglieder der Familie Ghaben namens Rajah, Jaber, Mahmoud, Bassam, Hani und Mohammed.

Am 27. Oktober kamen bei einem weiteren Luftangriff der Israelis auf ein Fahrzeug, das im Gazastreifen in der Nähe des Flüchtlingslagers Jabaliya unterwegs war, neben allen vier Insassen der 14 Jahre alte Karam Mohamed Abu Naji, der 15-jährige Salah Said Abu Naji und der 17-jährige Rami Riyad Assaf ums Leben. Vermutlich hatte der Anschlag zwei Mitgliedern einer bewaffneten Gruppe der Palästinenser gegolten. Die drei getöteten Jugendlichen waren nur zufällig am Ort des Geschehens gewesen. 19 weitere unbeteiligte Passanten zogen sich Verletzungen zu, unter ihnen sieben Minderjährige.

Bei einer Razzia der israelischen Armee im Flüchtlingslager Jenin wurde am 3. November der 12-jährige Ahmed al-Khatib derart schwer verletzt, dass er drei Tage später starb. Ein Armeesprecher teilte mit, Soldaten hätten die Spielzeugpistole, mit der der Junge spielte, irrtümlich für eine Waffe gehalten und daraufhin das Feuer auf ihn eröffnet.

Tötungen und Anschläge palästinensischer bewaffneter Gruppen

Bewaffnete Gruppen der Palästinenser töteten im Zuge von Selbstmordattentaten und bei Anschlägen mit Schusswaffen und Mörsern in Israel und den besetzten Gebieten 41 israelische Zivilisten, unter ihnen sechs Kinder. Verantwortlich für die Mehrzahl der Taten zeichneten die al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, ein Ableger der Fatah, sowie die Gruppe Islamischer Jihad. Auch neun israelische Soldaten wurden von palästinensischen bewaffneten Gruppen getötet, die meisten von ihnen in den besetzten Gebieten.

Am 12. Juli riss ein Selbstmordattentäter in einem Einkaufszentrum in Hasharon nahe Netanya fünf Menschen mit in den Tod. Bei den Opfern handelte es sich um die beiden 16 Jahre alten Mädchen Rachel Ben Abu und Nofar Horowitz, die 31-jährige Julia Voloshin, die 50 Jahre alte Anya Lifshitz und den 21-jährigen Soldaten Mosche Maor. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm die Organisation Islamischer Jihad.

Bewaffnete Palästinenser erschossen am 16. Oktober an der Kreuzung Gush Etzion im Westjordanland den 15 Jahre alten Oz Ben-Meir, die 21-jährige Matat Rosenfeld-Adler und die zwei Jahre ältere Kineret Mandel. Bei dem Anschlag, zu dem sich die al-Aqsa-Märtyrerbrigaden bekannten, zogen sich ein 14-jähriger Junge, ein weiterer Zivilist sowie ein Soldat Verletzungen zu.

Angriffe israelischer Siedler in den besetzten Gebieten

Im Westjordanland gingen israelische Siedler wiederholt gewaltsam gegen Palästinenser und deren Eigentum vor. Sie vernichteten Ernten, holzten Olivenbäume ab oder setzten sie in Brand, verseuchten Wasserreservoirs und hinderten Bauern an der Bewirtschaftung ihrer Felder, um sie von ihrem Land zu vertreiben. Die Zahl derartiger Anschläge stieg während der Olivenernte in den Monaten Oktober und November merklich an.

Im März und April verunreinigten israelische Siedler in den südlichen Hebron-Bergen und in der Nähe von Salfit mittels vergifteter Chemikalien Weideland, auf dem palästinensische Hirten ihre Schafe grasen ließen. Die Hirten mussten daraufhin ihre Herden unter Quarantäne stellen und die Erzeugung von Milch, Käse und Fleisch vorläufig einstellen. Faktisch waren sie damit ihrer Existenz beraubt.

Am 16. Oktober setzten israelische Siedler im Norden des Westjordanlandes einen rund 30 Hektar großen Olivenhain in Brand, bei dessen Besitzern es sich um Palästinenser aus der Ortschaft Salem handelte. Die Dorfbewohner waren von einem Großteil ihrer Ländereien durch eine Zufahrtsstraße zur nahe gelegenen Siedlung Elon Moreh abgeschnitten. Die dort lebenden Siedler haben über Jahre hinweg unter Androhung von Gewalt palästinensische Dorfbewohner daran zu hindern versucht, auf ihre Felder zu gelangen.

Israelische und internationale Friedensaktivisten und Menschenrechtsverteidiger, die Recherchen über Anschläge israelischer Siedler gegen Palästinenser anstellten, wurden ihrerseits zur Zielscheibe von Übergriffen.

Am 26. September wurden israelische Friedensaktivisten und eine Filmcrew von Bewohnern des Außenpostens der Siedlung Havat Ma’on tätlich angegriffen. Ra’anan Alexandrowicz trug Verletzungen davon, als ein mit einem M-16-Sturmgewehr bewaffneter Siedler brutal auf ihn einprügelte. Darüber hinaus nahmen die Angreifer Teile der Filmausrüstung an sich.

Hin und wieder schritten israelische Soldaten und Polizeibeamte ein, um Ausschreitungen von Siedlern gegenüber Palästinensern zu unterbinden. Dies geschah jedoch gewöhnlich nur dann, wenn israelische oder internationale Friedensaktivisten anwesend waren. In den meisten Fällen blieben sie nicht nur untätig, sondern kamen sogar oftmals noch Forderungen der Siedler nach, zusätzliche Restriktionen gegen die ortsansässige palästinensische Bevölkerung zu verhängen.

Rechtspflege und Straffreiheit

Im Berichtszeitraum nahm die israelische Armee Hunderte Palästinenser in Haft. Viele von ihnen kamen ohne Anklageerhebung wieder frei, mehrere hundert hingegen wurden wegen Verstoßes gegen die Sicherheitsbestimmungen unter Anklage gestellt. Ihre Verfahren vor Militärgerichten trugen internationalen Standards der Fairness oftmals keine Rechnung. Beispielsweise wurden Vorwürfe über Folterungen und Misshandlungen an Gefangenen nur unzureichend untersucht. Rund 1000 Palästinenser wurden während des Berichtsjahres ohne Anklageerhebung oder Gerichtsverfahren auf dem Verwaltungswege inhaftiert. Palästinensische Gefangene durften nur äußerst eingeschränkt Familienbesuche empfangen. Viele konnten sogar überhaupt nicht besucht werden, weil ihre Angehörigen keine Einreisegenehmigung für Israel erhielten, wo insgesamt Tausende Palästinenser in den Haftanstalten einsaßen.

Im Juli verabschiedete Israel ein diskriminierendes Gesetz, das Palästinensern, die Opfer von Übergriffen der israelischen Truppen geworden sind, das Recht auf Entschädigung absprach.

Ebenso wie israelische Soldaten und Polizeibeamte genossen auch Siedler, die für ungesetzliche Tötungen, Misshandlungen und anderweitige Übergriffe gegen Palästinenser und deren Eigentum Verantwortung trugen, fast durchgängig Straffreiheit. Nur selten kam es zu Ermittlungen, Strafverfolgungsmaßnahmen oder gar Verurteilungen. Im Gegensatz dazu nutzten die israelischen Behörden alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um gegen Palästinenser vorzugehen, die Anschläge auf Israelis verübt hatten oder auch nur im Verdacht standen, an solchen Anschlägen direkt oder indirekt beteiligt gewesen zu sein. Dabei schreckten sie selbst vor Attentaten, Kollektivstrafen und sonstigen völkerrechtswidrigen Praktiken nicht zurück. Von Militärgerichten der Tötung von Israelis für schuldig befundene Palästinenser wurden in der Regel zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilt, während in den wenigen Fällen, in denen gegen Israelis wegen der Tötung von Palästinensern Schuldsprüche ergingen, nur geringe Strafen verhängt wurden.

Im August verurteilte ein Gericht den israelischen Soldaten Taysir Hayb, der im Jahr 2003 im Gazastreifen den britischen Friedensaktivisten Tom Hurndall erschossen hatte, zu acht Jahren Haft. Die Richter sprachen den Angeklagten nicht des Mordes, sondern des Totschlags und darüber hinaus der Behinderung der Justiz, der Falschaussage und des militärischen Fehlverhaltens schuldig.

Im November wurde ein Kompanieführer der israelischen Armee im Zusammenhang mit der Tötung der 13-jährigen Iman al-Hams von allen Anklagepunkten freigesprochen. Das Mädchen war im Oktober 2004 in Rafah im Süden des Gazastreifens auf dem Weg zur Schule in unmittelbarer Nähe eines Wachturms der Armee erschossen worden. Laut Funkprotokoll des Militärs hatte sich der Kompanieführer mit den Worten geäußert: »Jeder, der sich in dem Gebiet bewegt, auch wenn es eine Dreijährige ist, muss getötet werden.« Es wurde weder gegen ihn noch gegen andere an dem Vorfall beteiligte Soldaten Mordanklage erhoben, da das Gericht keinen Verstoß gegen Vorschriften für den Gebrauch von Schusswaffen zu erkennen vermochte. Die Richter konzentrierten sich allein auf die Frage, ob das Vorgehen des Offiziers, als er auf das verletzt oder tot am Boden liegende Mädchen mehrfach Schüsse abfeuerte, unangemessen gewesen sei.

Yehoshua Elitzur, ein israelischer Siedler, wurde im September für schuldig befunden, ein Jahr zuvor im Westjordanland in der Nähe der Ortschaft Salem den 46-jährigen Palästinenser Sayel Jabara getötet zu haben. Obwohl der Siedler mit einem M-16-Sturmgewehr bewaffnet war, mit dem er auf sein unbewaffnetes Opfer gezielt hatte, sah das Gericht es nicht als erwiesen an, dass er in Tötungsabsicht gehandelt hatte. Deshalb wurde Yehoshua Elitzur lediglich wegen Totschlags und nicht wegen Mordes verurteilt. Er befand sich weiterhin in Freiheit, da er binnen 24 Stunden nach der Tat aus der Untersuchungshaft entlassen worden und der Urteilsbegründung ferngeblieben war.

Inhaftierung von Kriegsdienstverweigerern

Mehrere Israelis, die den Dienst bei den Streitkräften verweigerten, weil sie die Okkupation der besetzten Gebiete durch Israel ablehnten und dort nicht eingesetzt werden wollten, wurden zu bis zu viermonatigen Freiheitsstrafen verurteilt. Es handelte sich bei ihnen um gewaltlose politische Gefangene.

Ausdehnung israelischer Siedlungen und Weiterbau der Sperrmauer

Während sich die internationale Aufmerksamkeit auf die Umsetzung des Abzugsplans für den Gazastreifen konzentrierte, fuhr Israel im Westjordanland fort, jüdische Siedlungen zu erweitern und den Bau der rund 600 Kilometer langen Sperrmauer zu beschleunigen, die unter anderem in und um Jerusalem verläuft. Durch die Sperranlage, Straßensperren und Blockaden sowie anderweitige Restriktionen der israelischen Armee war die palästinensische Bevölkerung in sämtlichen Teilen der besetzten Gebiete in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Die von Israel ergriffenen Maßnahmen hatten unter anderem zur Folge, dass der Osten Jerusalems vom restlichen Westjordanland zunehmend abgeschnitten war.

Die israelischen Behörden konfiszierten und zerstörten weite Teile palästinensischen Landbesitzes, um Straßen für israelische Siedler zu bauen, Kontrollstellen für die Armee zu errichten und die Fertigstellung der Sperrmauer voranzutreiben. Die palästinensische Bevölkerung in den besetzten Gebieten wurde verstärkt in isolierte Enklaven abgedrängt und in ihrem Recht, Reisen in andere Dörfer oder Städte zu unternehmen, missachtet. Viele Palästinenser waren von ihrem Ackerland – ihrer wichtigsten Einnahmequelle – abgeschnitten, andere wurden daran gehindert, zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen, Bildungs- und medizinische Einrichtungen aufzusuchen oder sonstige grundlegende Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

Israelische Regierungsvertreter haben wiederholt ihre feste Absicht bekundet, den größten Teil der jüdischen Siedlungen im Westjordanland mit ihren insgesamt rund 450 000 Bewohnern weiter ausbauen und insbesondere in Ostjerusalem und Umgebung neue Siedlungen schaffen zu wollen. Die israelische Regierung unternahm keinerlei Schritte, um ihre Zusage einzulösen, die seit 2001 im Westjordanland errichteten Außenposten bestehender Siedlungen zu räumen. Im März veröffentlichte die ehemalige Staatsanwältin Talia Sasson einen von der Regierung in Auftrag gegebenen Bericht, in dem sie feststellte, dass im Gegenteil von den Behörden weitere illegale Außenposten errichtet und gefördert worden sind.

Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und Verstöße gegen wirtschaftliche und soziale Rechte

Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des freien Warenverkehrs in den besetzten Gebieten bildeten weiterhin die Hauptursache für hohe Arbeitslosenzahlen und verbreitete Armut unter den Palästinensern, von denen rund die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze lebten und auf wohltätige Hilfe angewiesen waren. Durch die Einschränkungen wurden Palästinenser daran gehindert, Krankenhäuser und Schulen aufzusuchen oder an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Die extreme Armut führte zunehmend zu Unterernährung und anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen unter der palästinensischen Bevölkerung.

Reisen zwischen dem Westjordanland und dem Gazastreifen waren den Palästinensern von wenigen Ausnahmen abgesehen im Allgemeinen untersagt. Um innerhalb des Westjordanlandes zwischen Städten und Dörfern reisen zu können, benötigten sie eine Sondergenehmigung der israelischen Armee. Die dortigen Hauptstraßen durften Palästinenser nur eingeschränkt oder gar nicht benutzen, während sie für die israelischen Bewohner illegaler Siedlungen frei zugänglich waren. Als Vergeltungsmaßnahme für Anschläge bewaffneter palästinensischer Gruppen und an jüdischen Feiertagen wurden die Restriktionen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung nochmals verschärft.

Auch israelische und internationale Friedensaktivisten sahen sich von der Armee in ihrer Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt, um sie daran zu hindern, sich an friedlichen Demonstrationen und anderen Solidaritätsaktionen zugunsten palästinensischer Dorfbewohner im Westjordanland zu beteiligen.

Mit dem Abzug aus dem Gazastreifen schloss Israel den Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten, die einzige Grenzstation, über die im Gazastreifen lebende Palästinenser hatten ein- und ausreisen können. Überwacht von Beobachtern der Europäischen Union wurde der Übergang Ende November wieder eröffnet. Israel behielt die Kontrolle über den Luftraum des Gazastreifens, den Zugang zur See und den Warentransport an der Grenze.

Zerstörung von Häusern und Eigentum

Die israelischen Streitkräfte zerstörten weiterhin Häuser und Landeigentum der Palästinenser, wenn auch bei weitem nicht mehr in dem Ausmaß wie noch in den Vorjahren. Sie konfiszierten und vernichteten in großem Maßstab landwirtschaftliche Nutzflächen und fällten Tausende Bäume, um im Westjordanland Platz für den Bau der Sperrmauer und von Straßen für Siedler zu schaffen. Israelische Siedler machten ebenfalls palästinensisches Ackerland für die landwirtschaftliche Nutzung unbrauchbar und bauten dort neue Verbindungsstraßen zwischen kürzlich errichteten Außenposten ihrer Siedlungen. Obwohl solche Außenposten gegen die offizielle Regierungspolitik verstießen, griff die Armee nur selten ein, um die Siedler abzuhalten.

Im Westjordanland einschließlich Ostjerusalem und Umgebung rissen die israelischen Streit- und Sicherheitskräfte zahlreiche palästinensische Häuser mit der Begründung nieder, sie seien ohne Baugenehmigung errichtet worden. In weiten Teilen des Westjordanlandes verweigerten die israelischen Behörden Palästinensern, die auf ihrem eigenen Grund und Boden bauen wollten, eine entsprechende Genehmigung, während sie zugleich die Schaffung und den Ausbau illegaler israelischer Siedlungen auf palästinensischem Land bewilligten.

Am 5. April zerstörte die israelische Armee in dem Ostjerusalemer Vorort ’Azariya das Haus der Familie Zaatreh, da die Sperrmauer über das Grundstück führen sollte. Zurück blieben 29 obdachlose Familienmitglieder, unter ihnen 16 Kinder. Obwohl sich das Stück Land im Besitz der Familie befand, war sie mit ihrem Versuch gescheitert, eine Baugenehmigung zu erwirken.

Am 4. Juli begann die israelische Armee in der Ortschaft Tana nahe Nablus im nördlichen Westjordanland mit der Zerstörung von rund 35 Bauten aus Stein und Metall. 14 der Bauten hatten den Dorfbewohnern als Wohnstätte gedient, die Übrigen waren zur Lagerung von Futtervorräten oder zur Unterbringung von Schafen und Ziegen genutzt worden, mit denen die Menschen in Tana den größten Teil ihres Lebensunterhalts erwirtschafteten. Bei der Aktion wurden ferner die im Jahr 2001 gebaute Schule des Dorfes sowie zwei Trinkwasserreservoirs zerstört. Die Armee nutzte die Abwesenheit der Dorfbewohner, die ein Halbnomadenleben führten und die heißen Sommermonate Juli und August gewöhnlich im nahe gelegenen Beit Furik verbrachten, um sie weitgehend ihrer Existenzgrundlage zu berauben. Als Begründung für die Zerstörung der Bauten in Tana wurde ins Feld geführt, diese seien ohne Genehmigung errichtet worden.

Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen

Der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau befasste sich im Juli mit dem periodischen Bericht der israelischen Regierung über die innerstaatliche Umsetzung der Frauenrechtskonvention. Er kritisierte die Existenz von Personenstandsgesetzen, die auf religiösen Wertevorstellungen basierten, und wandte sich gegen eine Rechtsvorschrift aus dem Jahr 2003, durch die Israelis mit einem palästinensischen Ehepartner aus den besetzten Gebieten daran gehindert wurden, ein gemeinsames Familienleben zu führen. Der Ausschuss rief die israelische Regierung auf, ihre Bemühungen zur Unterbindung des Frauen- und Mädchenhandels zu verstärken, Maßnahmen zur Verbesserung der Stellung israelisch-arabischer Frauen insbesondere im Bildungs- und Gesundheitswesen zu ergreifen, die Diskriminierung beduinischer Frauen zu beenden und dafür Sorge zu tragen, dass das Mindestheiratsalter strikt eingehalten wird.

Berichte und Missionen von amnesty international

Berichte

Israel: Briefing to the Committee on the Elimination of Discrimination Against Women. (ai-Index MDE 15/037/2005)

Israel and the Occupied Territories: Conflict, occupation and patriarchy – Women carry the burden: (ai-Index: MDE 15/016/2005)

Missionen

In den Monaten März und April hielten sich Delegationen von amnesty international in Israel und den besetzten Gebieten auf.