SÜDKOREA
Die Geschichte eines Lebens
Auf der Frankfurter Buchmesse sprach der südkoreanische Schriftsteller Hwang Sok-yong mit ai über seine Haft und die politischen Veränderungen in seinem Land. Von Nina Salomon
Amnesty international – Ihr seid meine Familie!« empfängt uns Hwang Sok-yong herzlich. Der Schriftsteller war während seiner Haft in den neunziger Jahren von der US-amerikanischen ai-Sektion unterstützt worden. An einer Podiumsdiskussion, die ai auf der diesjährigen Buchmesse veranstaltete, konnte Hwang allerdings nicht teilnehmen, weil das Organisationskomitee für den Gastlandauftritt Südkoreas den Fall des im letzten Jahr inhaftierten Professors Song Du-yul, um den es unter anderem gehen sollte »politisch noch immer zu heikel« fand. Es bestehe die Gefahr, dass die konservative Presse in Südkorea den Fall erneut aufbauschen würde, wenn einer der namhaften Autoren an der Veranstaltung teilnähme. Der seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Professor Song war 2003 bei seinem ersten Besuch nach 37 Jahren in Südkorea verhaftet und unter Berufung auf das vage formulierte Nationale Sicherheitsgesetz (NSL) wegen seiner Kontakte und wissenschaftlichen Arbeiten zu Nordkorea zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Im letzten Jahr wandelte ein Berufungsgericht die Haftstrafe in eine Bewährungsstrafe um, Song kam frei.
Dass sich eine offizielle Kulturrepräsentanz von der Presse einschüchtern lässt, illustriert, was Hwang Sok-yong derzeit besonders beunruhigt: Nicht mehr die Regierung steht der Meinungsfreiheit in Südkorea entgegen, sondern »rechtskonservative Kräfte, die noch immer eine große Macht ausüben«. Er verweist darauf, dass die politische Zensur abgeschafft ist und sieht das Sicherheitsgesetz, um dessen Abschaffung sich die Regierung gegen den konservativen Widerstand bisher vergeblich bemüht, als das letzte Hindernis für die »Vervollständigung der Demokratie«. Das Gesetz sieht langjährige Haftstrafen oder die Todesstrafe für nicht klar definierte »staatsfeindliche Aktivitäten« vor. Auch Hwang Sok-yong musste wegen des Gesetzes eine langjährige Haftstrafe verbüßen.
Trotz der Hafterfahrung wirkt der 62-jährige jünger als er ist. »Ich war fünf Jahre im Gefängnis und fünf Jahre im Exil. Deshalb muss man von meinem Alter eigentlich zehn Jahre abziehen«, erklärt er scherzhaft. »Außerdem bin ich Optimist, deshalb muss man noch einmal zehn Jahre abrechnen.« Dann wird er nachdenklich und erzählt: »Weil ich optimistisch wirke, haben viele meiner Freunde gedacht, ich werde gut zurecht kommen im Gefängnis. Es war aber eine sehr schwere Zeit.« Sein im Jahr 2000 erschienener Roman »Der ferne Garten« reflektiert die politische Gefangenschaft und die Schwierigkeit, nach der Entlassung mit dem Leben in einer veränderten Gesellschaft zurechtzukommen. »Der Roman basiert zum Teil auf meinen eigenen Erfahrungen und zum Teil auf denen meiner Freunde, auch derer, die im Ausland studiert haben.« Während der Haft sei er 19-mal in den Hungerstreik getreten, bis zu 22 Tage lang.
Mit den Hungerstreiks protestierte er gegen die Haftbedingungen, vor allem dagegen, dass er nicht schreiben durfte. Trotz zahlreicher Interventionen – neben ai setzten sich auch der internationale PEN Club und die UNO-Menschenrechtskommission für ihn ein – erhielt er dafür keine Erlaubnis. Die ersten Notizen zu »Der ferne Garten« musste er aus dem Gefängnis schmuggeln. Zu seinen besonderen Haftbedingungen gehörte es außerdem, dass er in einem Gefängnis für kriminelle Häftlinge untergebracht war, »damit ich keinen Einfluss auf sie ausüben konnte«, wie er betont.
Seit seiner Haft hat sich die Menschenrechtslage in Südkorea deutlich verbessert. Hwang sieht es als Fortschritt, dass beispielsweise Professor Song »relativ glimpflich davon gekommen ist. Vor einigen Jahren noch wäre er zum Tode verurteilt worden«. Erst in diesem Jahr beschloss das Verfassungsgericht, das so genannte Familiengesetz, das für jede Familie ein männliches Oberhaupt vorsah, abzuschaffen. Seit 30 Jahren hätten Frauen in Südkorea gegen dieses Gesetz gekämpft. Einen ähnlich langen Konflikt prophezeit er allerdings für die Abschaffung des Sicherheitsgesetzes und der Todesstrafe. Deswegen hofft er auf die junge Generation.
Zumindest in der Literatur der jungen Generation sieht Hwang eine neue Tendenz. Nach den postmodern geprägten Werken der neunziger Jahre wählten jüngere Schriftsteller wieder eine narrative Form und wendeten sich stärker der gesellschaftlichen Realität zu. »Es gibt in Südkorea etwa acht Millionen Arbeiter in ungeregelten Arbeitsverhältnissen, eine Folge der Intervention des Internationalen Währungsfonds nach der Finanzkrise von 1997. Die neueren Werke beschreiben das Los dieser Arbeiter oder beschäftigen sich mit den Problemen der Arbeitsmigranten«, erläutert er.
Schriftsteller spielten in der koreanischen Gesellschaft traditionell eine wichtige Rolle, vor allem in der Zeit des Widerstandes gegen die Militärdiktatur, als sie trotz Zensur großen Einfluss ausübten. Obwohl sich Hwang Sok-yong in seinen Werken mit den politischen Themen des Landes beschäftigt, würde er sich nicht als »politischen Schriftsteller« bezeichnen: »Ich musste erst einmal für das Recht kämpfen, schreiben zu dürfen. Das war mein Leben, und darüber habe ich geschrieben. Die politischen Themen habe ich nicht gezielt ausgesucht, sondern sie ergaben sich aus dem Leben, meinem eigenem und dem der Menschen in Korea und in Asien.«
Mit Hwang Sok-yong sprachen Josef Zimmermann und Nina Salomon
| Leben zwischen zwei Welten Hwang Sok-yong, geb. 1943, zählt zu den wichtigsten koreanischen Schriftstellern und veröffentlichte mehr als 20 Werke. In der Mandschurei geboren, wuchs er zunächst in Pjöngjang auf und siedelte als Kind mit seiner Familie nach Seoul über. 1989 reiste er auf Einladung des Literatur- und Kunstverbandes zum ersten Mal nach Nordkorea. Als er nach mehrjährigen Aufenthalten in Berlin und New York 1993 nach Seoul zurückkehrte, wurde er wegen seiner Nordkoreabesuche zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. 1998 wurde er im Rahmen einer Amnestie freigelassen und anschließend als offizieller südkoreanischer Kulturvertreter nach Nordkorea geschickt. Auf Deutsch erschienen in diesem Jahr die Romane »Die Geschichte des Herrn Han« (1972) und »Der ferne Garten« (2000).. |