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Sektion der Bundesrepublik Deutschland

ai-Journal November 2005

Der Film "Lost Children". Interview mit den Regisseuren

Wieder Kind sein

Der Film »Lost Children« erzählt die Geschichte einer traumatisierten Kriegsgeneration konsequent aus der Perspektive der Kinder.



Pajule, Nord-Uganda, eine Siedlung mitten im Rebellengebiet, von Regierungstruppen schlecht bewacht: In einem Auffanglager von Caritas International leben Opio (8), Kilama (13), Jennifer (13) und Francis (12). Die vier wurden wie etwa 20.000 andere Kinder von der LRA (Lord’s Resistance Army) entführt, als Soldaten missbraucht. Seit mehr als 20 Jahren herrscht im Norden Ugandas Bürgerkrieg, es ist der längste ununterbrochene Krieg Afrikas. Mittendrin die Kindersoldaten, Täter und Opfer zugleich. Opio, Kilama, Jennifer und Francis haben Gräueltaten gesehen und auch begangen – bis ihnen die Flucht gelang. In Pajule versuchen nun Sozialarbeiter, den Kindern über die Kriegstraumata hinwegzuhelfen. Davon erzählt »Lost Children«, eine deutsche Produktion, die mit großem Erfolg auf der Berlinale lief und ab dem 3. November 2005 in den deutschen Kinos zu sehen sein wird.



Die Filmemacher, Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi, portraitieren vier Kinder, die nur Eines wollen: Wieder Kind sein. Mehr als zwei Monate verbrachten Stoltz und Ahadi im Kriegsgebiet. Sie begleiteten die Kinder nach ihrer Flucht aus den Lagern der LRA bei der schwierigen Wiedereingliederung in ihre Herkunftsfamilien, die zur ethnischen Gruppe der Acholi gehören. Die Familien der ehemaligen Kindersoldaten und die Dorfgemeinschaft sehen in den Kindern oft nur noch Mörder. Manch ein Kind sehnt sich da sogar zu den Soldaten im Busch zurück.



»Lost Children« ist ein bedächtiger und eindringlicher Film. Auf Kriegsbilder – Aufnahmen von Leichen, Verstümmelungen und Zerstörungen – wie sie der Zuschauer aus dem Fernsehen kennt, verzichtet er weit gehend.



Konsequent wählen die Filmemacher die Perspektive der Kinder. Das ist kein Zufall, schließlich haben beide selbst in ihrer Kindheit die Schrecken des Kriegs erlebt. Ahadi, der aus dem Iran stammt, wurde während des Iran-Irak-Kriegs als Kindersoldat ausgebildet. Mit zwölf Jahren floh er nach Deutschland, alleine. Stoltz war 13, als er kurze Zeit in Namibia lebte. In ihrem Film setzen Stoltz und Ahadi daher bewusst auf das, was die Kinder erzählen, und wie sie es erzählen. So schält sich nach und nach die Geschichte jedes einzelnen Kindes heraus – Schicksale einer Kriegsgeneration in einer bewegenden Nahaufnahme.



»Ein Leben nach dem Krieg ist möglich«



Ein Gespräch mit den Regisseuren Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi über ihren Film »Lost Children« und die Perspektiven der Kindersoldaten in Uganda.



Nach Angaben der UNO werden weltweit in mindestens elf Ländern Kinder in Kriegen eingesetzt. Warum haben Sie sich für einen Film über Uganda entschieden?



Oliver Stoltz: In dem Land herrscht seit 20 Jahren Bürgerkrieg, doch die Öffentlichkeit nimmt diesen Krieg gar nicht richtig wahr. Dort werden Kinder entführt und zum Töten gezwungen; In Uganda entführt die Lord’s Resistance Army die Kinder und missbraucht sie als Soldaten und Sklaven. Kinder die – anders als in anderen Ländern – nicht aus politischer Motivation, aus familiären oder wirtschaftlichen Gründen Soldaten werden.



Welche Perspektive haben ehemalige Kindersoldaten?



Ali Samadi Ahadi: Wenn man aus dem Krieg kommt und zurück in den Krieg geht, stehen die Chancen grundsätzlich erst mal schlecht. Es kommt vor allem darauf an, dass die Familie dem Kind – das ja schließlich Menschen getötet hat – verzeihen kann und es wieder als Kind aufnimmt. Es hängt davon ab, ob es wieder in die Schule gehen und eine Ausbildung machen kann. Nicht zuletzt hängt es auch davon ab, ob in Uganda Frieden herrschen wird.



Stoltz: Beeindruckend bei der Arbeit zu unserem Film war die Hoffnung der Kinder auf ein Leben nach dem Krieg. Anderthalb Jahre nach Drehende sieht es so aus, dass – außer einem Jungen – alle Kinder ihr Leben gemeistert haben. Sie haben alle eine Ausbildung begonnen, die Familien wachsen langsam wieder zusammen. Ein Leben »danach« ist also möglich.



Was unternimmt die Regierung für die Wiedereingliederung?



Ahadi: Sie bekommt viel Geld aus dem Ausland, um den Krieg zu beenden. Wir haben allerdings festgestellt, dass die Regierung den Menschen in den Flüchtlingslagern keinen Schutz, keine medizinische Versorgung und keine Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder ermöglicht.

Stoltz: Außerdem rekrutiert die ugandische Armee gerne ehemalige Kindersoldaten. Das Argument lautet: »Wo sollen denn die Kinder sonst hin, sie können ja nichts anderes«. Übrigens ist Staatspräsident Museveni mit Hilfe von Kindersoldaten an die Macht gekommen. Er hat seinerzeit den Einsatz von Kindersoldaten in Uganda erst eingeführt.



Der Film hat viel Aufmerksamkeit erhalten. Was geschieht nun auf politischer Ebene?



Ahadi: Wir haben Politiker aller Parteien für das Thema gewinnen können. Wir haben Filmvorführungen im Auswärtigen Amt und verschiedene Podiumsdiskussionen organisiert. Eventuell findet auch eine Vorführung im Europaparlament statt. Und es gibt eine Reihe von Bundestagsabgeordneten, die das Thema in die Ausschüsse bringen wollen. Außerdem bildet sich langsam ein Netzwerk der Hilfsorganisationen, die in Nord-Uganda aktiv sind, um gemeinsam politischen Druck auszuüben.

Stoltz: Die Spenden, die über den Film eingehen, fließen direkt in das Auffanglager Pajule der Caritas Gulu, wo wir gedreht haben.



Was kommt nach »Lost Children«?



Ahadi: Wir arbeiten an einem Film über Drogen als politische Waffe. Es geht darum, wie Drogen von Afghanistan in den Iran gelangen und wie sie dort eingesetzt werden, um die junge Bevölkerung ruhig zu halten.



Interview: Anabel Bermejo

Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi



Zwei Betreuer der ehemaligen Kindersoldaten kommen aus Uganda nach Deutschland, um über ihre Arbeit zu sprechen. Die beiden Regisseure begleiten sie auf dieser Reise durch die deutschen Kinos. Weiter Informationen und Termine unter http://www.lost-children.de