Sektion der Bundesrepublik Deutschland

ai-Journal April 2005

Licht ins Dunkel

Licht ins Dunkel

Peter Benenson, der Gründer von amnesty international, ist gestorben. Mit seinem

visionären Engagement für die Menschenrechte hat er die Welt verändert. Von Anja Mihr



Alles begann mit einer kleinen Zeitungsmeldung. Anfang der sechziger Jahre liest der Londoner Rechtsanwalt Peter Benenson in der U-Bahn einen Bericht über zwei portugiesische Studenten, die zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden waren, weil sie einen Toast auf die Freiheit ausgesprochen hatten. Er ist empört und will direkt zur portugiesischen Botschaft fahren, um seinen persönlichen Protest auszudrücken. Doch dann ändert er seine Meinung, steigt am Trafalgar Square aus und geht in die St. Martins Kirche, um nachzudenken. »Ich ging hinein, um mir darüber im Klaren zu werden, was tatsächlich und effektiv getan werden konnte, um die Weltöffentlichkeit zu mobilisieren. Ich wollte mir den Enthusiasmus vieler Menschen zu Nutze machen, um einen größeren Respekt für die Menschrechte zu erreichen«, erinnert er sich. Als er aus der Kirche kommt, ist seine Idee geboren.



Wenig später erscheint sein Aufruf zum Straferlass der jungen Portugiesen und vier weiterer »gewaltloser politischer Gefangener« auf der Titelseite des »Observer«. Dieser Aufruf gab den Anstoß zur Gründung von amnesty international.



Am 25. Februar erlag der visionäre Gründer von ai in einer Klinik in Oxford im Alter von 83 Jahren einer langen Krankheit. »Peter Benensons Leben war ein mutiges Zeugnis seines visionären Engagements, Ungerechtigkeit überall auf der Welt zu bekämpfen«, würdigte Irene Khan, die Generalsekretärin von amnesty international seinen leidenschaftlichen Einsatz für die Menschenrechte. »Er brachte Licht in die Dunkelheit von Gefängnissen und machte den Horror der Folterkammern und Todeslager weltweit bekannt. Er war ein Mann, dessen Gewissen in eine grausame und erschreckende Welt leuchtete und der daran glaubte, dass gewöhnliche Leute außergewöhnliche Veränderungen bewirken können. Mit der Gründung von amnesty international gab er allen von uns die Möglichkeit, etwas zu verändern.«

Ursprünglich war Benensons Kampagne für die »Vergessenen Gefangenen« auf ein Jahr befristet. Doch die Reaktionen waren überwältigend. Zeitungen in über einem Dutzend Ländern veröffentlichten den Aufruf, über tausend Briefe trafen innerhalb weniger Wochen ein. So etwas hatte es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Schon kurze Zeit später schlossen sich zahlreiche Personen und Gruppen aus mehreren Länder an. Nur wenige Monate nach dem ersten »Appell für Amnestie« wurde die deutsche Sektion unter anderem von Carola Stern gegründet. (siehe Interview)



Benenson verstand es, die internationale Öffentlichkeit als ein kraftvolles Instrument in nationaler und internationaler Politik zu nutzen und mobilisierte Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft. Sie setzten mit ihren individuellen Briefen die Regierungen unter Druck, die gegen die Menschenrechte verstießen. Auch wenn die Gründe für die Entstehung dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung in verschiedenen sozialen Umbrüchen der Nachkriegszeit zu suchen sind, so war es doch dieser Aufruf im »Observer«, der eine Schlüsselfunktion für diese Entwicklung hatte.



Peter Benenson wurde zu einer Zeit geboren, als weder die Vereinten Nationen noch menschenrechtliche Verträge existierten. Im Laufe seines Lebens veränderte sich die Welt. Sein Engagement trug maßgeblich dazu bei. In den vergangenen vierzig Jahren traten international nahezu einhundert menschenrechtliche Verträge in Kraft. 90 Prozent aller Staaten unterzeichneten 1966 den internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale, kulturelle sowie über bürgerliche und politische Rechte. Fast alle diese Staaten haben ihren Bürgern die Möglichkeit eingeräumt, bei Verstößen gegen diese Rechte internationale Klagen einzureichen. Zusätzlich zu den Menschenrechtsinstitutionen der Vereinten Nationen gibt es regionale zwischenstaatliche Organisationen, die rund drei Viertel der Länder weltweit vertreten. Frauen-, Kinder- und Minderheitenrechte, wirtschaftliche Rechte und die Rechte behinderter Menschen wurden kodifiziert und erfolgreich gestärkt durch nationale Gesetzgebungen. Folter ist inzwischen international geächtet. Mehr als die Hälfte aller Staaten haben weltweit die Todesstrafe entweder abschafft oder Hinrichtungen ausgesetzt.



Der Einfluss von ai wuchs von Jahr zu Jahr, und die Organisation nutzte immer stärker den Einfluss internationaler Medien. Heute gibt es Tausende regionaler Organisationen, die mit ihrer Arbeit die Menschenrechte schützen. Unter ihnen ist amnesty international die bekannteste und mit 1,8 Millionen Mitgliedern und Förderern die weltweit größte.



Auch andere Gruppen begannen die Methoden von ai für ihre Ziele einzusetzen. So kann der starke Einfluss, den 20 Jahre später z.B. die Umweltbewegung gewann, auf Methoden zurückgeführt werden, die denen der Kampagne Benensons sehr ähnlich waren.



Der Gründer von amnesty international lehnte eine Würdigung seines Engagements stets ab und schlug den Regierungen vor, statt einer Auszeichnung seiner Person ihre Menschenrechtsverletzungen einzustellen. Bis ins hohe Alter blieb er der Menschenrechtsarbeit verbunden und setzte sich zum Schluss noch für die Mandatserweiterung von ai auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ein.



Der unermüdliche Aktivist konnte seine Erfolge niemals genießen, sondern konzentrierte seine Energie auf die Dinge, die er noch nicht erreicht hatte. Zum 25-jährigen Bestehen der Menschenrechtsorganisation im Jahr 1986 zündete er eine mit Stacheldraht umwickelte Kerze an, die zum Symbol von amnesty international wurde. »Die Kerze brennt nicht für uns«, sagte Benenson damals. »Die Kerze brennt für all jene, die wir bisher noch nicht aus dem Gefängnis befreien konnten. Für die, die auf dem Weg ins Gefängnis erschossen wurden. Für die Gefolterten, die Gekidnappten und für die Verschwundenen.«



Die Autorin ist Sprecherin des Vorstands von ai.



DIE GESCHICHTE VON AMNESTY INTERNATIONAL AUF EINEN BLICK:

  • 28. Mai 1961: Der erste »Appeal for amnesty« erscheint unter dem Titel »Die vergessenen Gefangenen« im Observer.
  • Innerhalb des ersten Jahres entstehen insgesamt sieben neue nationale Sektionen.
  • Die deutsche Sektion wird bereits zwei Monate nach Erscheinen des ersten Appells in Köln gegründet. Heute zählt sie über 80.000 Unterstützer.
  • 1965: ai erhält Beraterstatus bei den Vereinten Nationen.
  • 19. März 1973: Die erste »Urgent Action« wird lanciert. Diese Eilaktionen haben seit ihrem Bestehen in zwei Dritteln aller Fälle zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen geführt.
  • 10. Dezember 1977: ai wird der Friedensnobelpreis verliehen.
  • Im Jahr 2004 hat ai über 1,8 Mio. Mitglieder und Förderer in mehr als 150 Staaten.


EINER DER BEDEUTENDSTEN MENSCHENRECHTSVERTEIDER



Zum Tod von Peter Benenson hat Bundesaußenminister Joschka Fischer ai-Generalsekretärin Irene Khan kondoliert. »Mit Peter Benenson ist nicht nur einer der ersten, sondern auch einer der bedeutendsten Menschenrechtsverteidiger von uns gegangen«, heißt es in dem Schreiben. »In einer schlagkräftigen, weltweit und hochprofessionell operierenden Organisation hat Peter Benenson engagierte Menschen zusammengeführt, die nur eine Loyalität kennt: gegenüber den Menschen, deren elementarste Rechte verletzt werden.« Das gesamte Schreiben ist unter http://ww.auswaertiges-amt.de/infoservice/ zu finden.