TUNESIEN
Lebenslanger Kampf - Porträt der tunesischen Menschenrechtlerin Sihem Bensedrine.
| Für Rechte, die hier zu Lande als selbstverständlich gelten, wie Informations- und Meinungsfreiheit, streitet die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine seit Jahren. Journalisten, die die Allmacht des seit 17 Jahren regierenden Präsidenten oder die Willkür des Staates kritisieren, gelten in Tunesien jedoch als „Nestbeschmutzer“ und sind vielfachen Schikanen und Übergriffen ausgesetzt. „Man kämpft nicht, weil man ein großer Held ist, sondern weil man keine andere Wahl hat, wenn man ein freies Leben führen will“, sagt die 53-Jährige, fragt man sie nach den Gründen für ihr Engagement.
Sihem Bensedrine ist immer wieder Opfer von Gewalt geworden. Zuletzt Anfang diesen Jahres, als sie auf dem Weg in ein Internetcafe in Tunis war. Vier Männer, Anhänger des Staatschefs Zine el-Abidine Ben Ali, pöbelten die couragierte Menschenrechtlerin an und schlugen sie. Ein vergleichsweise „harmloser“ Vorfall. |
![]() Sihem Bensedrine © ai |
Im Mai 2000 war Sihem Bensedrine verhaftet und auf das Polizeikommissariat von El Manar gebracht worden, wo sie schwer gefoltert wurden: ihr wurden mehrere Rippen gebrochen, sie trug außerdem Verletzungen an der Wirbelsäule und am Auge davon. Doch nicht ihre Peiniger, sondern Bensedrine musste sich vor Gericht verantworten - wegen „Gewaltanwendung gegen einen Polizisten“.
Ein knappes Jahr später wurde sie erneut verhaftet. Diesmal auf dem Flughafen von Tunis, als sie von einer zweiwöchigen Vorlesungsreise durch Europa zurückkam, wo sie die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit in Tunesien angeprangert hatte (siehe ai-JOURNAL 10/2002). Nach Eilaktionen von amnesty international und großen Solidaritätskampagnen in Tunesien wurde sie nach zwei Monaten freigelassen. Das Verfahren gegen sie ist jedoch bis heute nicht eingestellt worden.
„Man hat meine Freiheit konfisziert, also habe ich die Verpflichtung zu kämpfen“, erklärt Sihem Bensedrine ohne jede Spur von Unsicherheit oder Zweifel. Gerade als Frausei es notwendig, sich gegen jede Form von Unterdrückung aufzulehnen. Dabei müsse eine Frau in einer patriarchialen Gesellschaft, wie der Tunesiens immer doppelt so hart kämpfen wie ein Mann, um anerkannt zu werden. Die Zusammenarbeit mit ihren männlichen Kollegen klappe erst dann gut, nachdem sie sich Respekt verschafft habe, sagt Bensedrine.
Die couragierte Journalistin begann mit knapp dreißig Jahren, sich für die Menschenrechte zu engagieren. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre gehörte sie zu den führenden Figuren der tunesischen Frauenbewegung. Von 1985 bis 1994 war sie Vorstandsmitglied der „Tunesischen Liga für Menschenrechte“. Ende der neunziger Jahre gründete sie gemeinsam mit anderen Menschenrechtlern den „Nationalen Rat für die Freiheit in Tunesien“.
Ihr Engagement wirkte sich auch auf ihr Berufsleben aus. Verschiedene Zeitungen, für die sie arbeitete, wurden eingestellt. 1989 musste sie endgültig aufhören, als Journalistin zu arbeiten. Sie suchte Zuflucht in der Verlagsbranche. Doch auch dort musste sie zahlreiche Repressalien hinnehmen.
1999 versuchte sie schließlich das politische Nachrichtenmagazin „Kalima“ zu publizieren. Nachdem ihr die Druckgenehmigung verweigert wurde, stellte sie die Zeitschrift 2001 ins Internet. Seit auch die Internetausgabe von den Behörden gesperrt wurde, wird die Zeitschrift nun von einem ausländischen Server ins Netz gestellt (www.kalimatunisie.com).
Im Juli 2002 erhielt Bensedrine von der „Hamburger Stiftung für politische Verfolgte“ ein Stipendium für einen Aufenthalt in Deutschland. Trotz des Risikos kehrt die Mutter dreier Kinder jedoch immer wieder in ihre Heimat zurück, denn sie wolle „lieber ein Risiko eingehen, als die Liebe der Familie zu entbehren“, sagt sie. Für ihren Mut ist Bensedrine vielfach ausgezeichnet worden. So erhielt sie im Juli 2001 den Menschenrechtspreis für bedrohte Journalisten der britischen Sektion von amnesty international.
Ulrike Stock
Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Berlin.