IRAN
Interview mit Shirin Ebadi : "Das Gewissen des Irans"
| Mit der Vergabe des Friedensnobelpreises an Shirin Ebadi wurde nicht nur eine herausragende Menschenrechtlerin ausgezeichnet, sondern auch die Reformbewegung im Iran gestärkt. Das französische ai-Magazin „La Chronique“ traf die couragierte Rechtsanwältin in Paris.
"Ich wusste noch nicht einmal, dass ich zu den Kandidaten des Friedensnobelpreises gehörte“, sagte die 56-jährige Shirin Ebadi. Kurz nach der Bekanntgabe der diesjährigen Preisträgerin ist ihr noch immer die Verwunderung darüber anzumerken, dass gerade sie ausgewählt worden war. In diesem Jahr umfasste die Kandidatenliste 165 Personen, die sich in herausragenderweise um den Frieden bemüht haben. |
![]() Shrin Ebadi © ai |
„Ich glaubte sogar, dass das ein Witz ist“, gestand Ebadi. Erst nach langem Schweigen erklärte sich auch die iranische Regierung „glücklich“ und drückte sogar die Hoffnung aus, „öfters von Ebadis Expertenmeinung profitieren zu können“.
Shirin Ebadi, die zwei erwachsene Töchter hat, stammt aus der im Norden Irans gelegenen Stadt Hamadan. Sie wurde nach ihrem Juraabschluss an der Universität Teheran 1974 die erste Frau, die ein Richteramt übernahm. Vier Jahre lang war sie Präsidentin am Gerichtshof der Hauptstadt, bevor sie nach der Revolution 1979 gezwungen wurde, ihren Posten aufzugeben. Die junge islamische Republik hielt Frauen für „zu emotional“, um eine solche Aufgabe zu erfüllen. „Ich habe an diese Revolution, die ich zunächst für nicht islamisch, sondern demokratisch hielt, geglaubt“, sagt sie heute. Erst später, als sich der repressive Charakter des neuen Regimes zeigte, hat die gläubige Muslimin begonnen, sich für Reformen und vor allem für die Rechte von Frauen und Kindern einzusetzen.
Wenn sie sagt, dass die Iraker für die Erlangung ihrer Rechte kämpfen müssen und die Anwesenheit von Fremden nicht wünschenswert ist, spielt sie damit auf die amerikanische Präsenz im Nachbarland an. „Wir Iraner müssen selbst entscheiden, welche Art der Regierung wir haben wollen. Und die Frauen müssen wählen können, ob sie einen Schleier, einen Hut oder gar keine Kopfbedeckung tragen wollen“, fasst sie ihre politische Arbeit zusammen.
Als Rechtsanwältin hat sich Ebadi immer wieder für Opfer von Menschenrechtsverletzungen eingesetzt. Vor allem Frauen hat sie geholfen, ihre Rechte durchzusetzen. Vor drei Jahren setzte sie sich für die Freilassung von Mehrangiz Kar und Shala Lahiji ein, die als Frauenrechtlerinnen in Konflikt mit dem Regime geraten waren.
Sie hat auch Angehörige der bei den sogenannten „Serienmorden“ 1998 getöteten Intellektuellen und Regimekritiker vor Gericht vertreten. Wegen Äußerungen zu diesen Morden wurde Nasser Zarafshan, der ebenfalls Opfer anwaltlich betreut hatte, im vergangenen Jahr zu fünf Jahren Gefängnis und 50 Peitschenhieben verurteilt. Auch Ebadi wurde festgenommen, und ihr wurde vorgeworfen, eine Videokassette aufgenommen und in Umlauf gebracht zu haben, die die „öffentliche Meinung aufwühle“. Sie wurde zu 15 Monaten Haft auf Bewährung und die Aussetzung ihrer Bürgerrechte für fünf Jahre verurteilt. Internationale Proteste bewirkten, dass ihre Strafe in eine Geldbuße umgewandelt wurde.
In ihrem Kampf gegen das Mullahregime beruft sich Ebadi auf islamische Rechtstraditionen. Der Vorwurf, der ihr immer wieder gemacht wird, dass sie vom Westen beeinflusst und „unislamisch“ sei, trifft auf sie also nicht zu. „Ich wiederhole es immer wieder: es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Islam und den Menschenrechten“, betont sie.
Ob sie durch ihr Eintreten für Reformen nicht sich und ihre Familie in Gefahr bringe? „Ich habe den Inhalt meiner Worte nicht geändert. Die Führer kennen sie. Und das Regime vergreift sich nicht an meiner Familie.“, sagt sie. Ebadi selbst hat keine politischen Ambitionen, denn „wer sich für die Menschenrechte entscheidet, der entscheidet sich für ein Gegengewicht zur politischen Macht“. Der Friedensnobelpreis sei gerade jetzt wichtig gewesen und hätte die Menschenrechtsverteidiger im Iran gestärkt. Das Preisgeld von umgerechnet 1,32 Millionen Dollar will Ebadi nutzen, um weiterhin soziale Aktionen für Frauen und Kinder zu unterstützen.
Aurélie Carton
Übersetzt von: Kilian Kemmer