Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Jahresbericht 2003

Israel und besetzte Gebiete

Berichtszeitraum 1. Januar bis 31. Dezember 2002

ISRAEL UND BESETZTE GEBIETE

Amtliche Bezeichnung:

Staat Israel

Staatsoberhaupt:

Mosche Katzav

Regierungschef:

Ariel Scharon

Todesstrafe:

für gewöhnliche Straftaten abgeschafft

Internationaler Strafgerichtshof:

Statut unterzeichnet,

Ratifizierung abgelehnt

     

Im Berichtszeitraum töteten israelische Soldaten mindestens 1000 Palästinenser, die meisten von ihnen auf ungesetzliche Weise. Zu den Opfern zählten rund 150 Kinder sowie mindestens 35 Personen, die gezielt ermordet worden sind. Palästinensische bewaffnete Gruppen töteten bei gezielten oder wahllosen Anschlägen mehr als 420 Israelis, unter ihnen mindestens 265 Zivilisten und 47 Kinder. Auch etwa 20 ausländische Staatsbürger kamen bei solchen Anschlägen ums Leben. In den nach wie vor abgeriegelten Städten und Dörfern in den besetzten Gebieten, in denen die Menschen unter ausgedehnten Ausgangssperren zu leiden hatten, wurden mehr als 2000 Häuser zerstört. Die israelischen Behörden nahmen Tausende Palästinenser in Gewahrsam, von denen die meisten später ohne Anklageerhebung wieder freikamen. Rund 3000 wurden hingegen in Militärgefängnisse überstellt. Weitere mehr als 1900 Palästinenser verblieben ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Verwaltungshaft, während etwa 5000 der Beteiligung an Anschlägen auf Israelis und anderer Verstöße gegen die Sicherheit angeklagt wurden. Mehr als 3800 Palästinenser mussten sich vor Militärgerichten verantworten, deren Verfahren internationalen Standards der Fairness nicht entsprochen haben. Verbreitet trafen auch Meldungen über Misshandlungen an palästinensischen Häftlingen ein. Im Zuge militärischer Operationen missbrauchten Angehörige der israelischen Streitkräfte Palästinenser als »menschliche Schutzschilde«. Bestimmte Übergriffe der israelischen Armee stellten Kriegsverbrechen dar. Dazu zählten ungesetzliche Tötungen, die Versagung ärztlicher Hilfe und Anschläge auf medizinisches Personal, die verbreitete und mutwillige Zerstörung von Eigentum, Folterungen und grausame und unmenschliche Behandlung, widerrechtlicher Freiheitsentzug und der Einsatz menschlicher Schutzschilde. Die von bewaffneten Gruppen der Palästinenser verübten gezielten Anschläge gegen Zivilisten stellten Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Während des Berichtsjahres wurden mindestens 158 Israelis, die die Ableistung des Wehrdienstes oder ihren Einsatz in den besetzten Gebieten aus Gewissensgründen verweigert hatten, zu Freiheitsstrafen verurteilt. Die Behörden nahmen vier israelische Siedler in Haft, die versucht hatten, eine Schule der Palästinenser in die Luft zu sprengen. Mehrere andere Siedler und israelische Soldaten wurden unter der Anklage festgenommen, an bewaffnete palästinensische Gruppen Waffen und Munition verkauft zu haben.
Hintergrundinformationen

Im November gab die Arbeitspartei ihren Rückzug aus der Regierungskoalition unter der Führung von Ministerpräsident Ariel Scharon bekannt. Benjamin Ben Elizier, der Vorsitzende der Arbeitspartei, legte sein Amt als Verteidigungsminister nieder und wurde von Shaul Mofaz ersetzt, dem ehemaligen Befehlshaber der Israelischen Verteidigungskräfte (Israeli Defence Forces – IDF). Die Israelis bauten ihre Siedlungen in den besetzten Gebieten nicht nur aus, sondern schufen auch neue Ansiedlungen. Zur Verbesserung der dortigen Infrastruktur fanden weiterhin Landenteignungen palästinensischer Grundbesitzer statt.
Vorgehen der israelischen Streitkräfte in den besetzten Gebieten

Der Palästinenseraufstand, bekannt als al-Aqsa-Intifada, hielt im Berichtszeitraum unvermindert an. Zu Beginn des Jahres fiel die israelische Armee verstärkt in Gebiete ein, die der Kontrolle der palästinensischen Autonomiebehörden unterstanden. Nachdem bewaffnete Gruppen der Palästinenser wiederholt Anschläge auf israelische Zivilisten verübt hatten, starteten die Streitkräfte Israels im März groß angelegte Offensiven, von denen palästinensische Flüchtlingslager und die meisten der in der Westbank gelegenen Städte betroffen waren. Am 29. März lief die »Operation Schutzwall« an, die mit Angriffen auf den Amtssitz von Palästinenserführer Yassir Arafat in Ramallah eingeläutet wurde. Anschließend drangen die israelischen Streitkräfte in Bethlehem, Tulkarem, Kalkiliya, Jenin und Nablus ein und erklärten die dortigen Gebiete zu »militärischen Sperrzonen«, zu denen die Außenwelt keinen Zutritt mehr erhielt. Die Bewohner mussten strikte Ausgangssperren einhalten und waren weitgehend von der Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten. Die Medien und internationale Nichtregierungsorganisationen durften nur selten Vertreter in die betroffenen Gegenden entsenden. Selbst ein Ermittlungsteam der Vereinten Nationen erhielt keine Genehmigung zur Einreise. Im Zuge der »Operation Schutzwall« und anderer militärischer Offensiven zerstörten israelische Soldaten nicht nur mehr als 2000 palästinensische Häuser und öffentliche Gebäude, sondern fügten auch der Infrastruktur großen Schaden zu, indem sie Wasser- und Stromversorgungswerke teilweise oder gänzlich funktionsunfähig machten. Mehrere andere Häuser und in Privat- wie öffentlichem Besitz befindliche Gebäude wurden gleichfalls beschädigt und geplündert, darunter auch die Büros von Nichtregierungsorganisationen.

In allen Teilen des Gazastreifens, vornehmlich aber in Grenznähe und in der Umgebung von jüdischen Siedlungen und Zufahrtsstraßen, zerstörten die israelischen Streitkräfte weiterhin Häuser, landwirtschaftliche Produktionsstätten und Industrieanlagen. Darüber hinaus nahm die Armee ihre Praxis früherer Jahre wieder auf und jagte Häuser in die Luft, die Familien von Personen gehörten, welche im Verdacht standen, an Anschlägen auf Israelis beteiligt gewesen zu sein. Zurück blieben Tausende obdachlose Menschen, mehrheitlich Kinder. Die Errichtung von Grenzzäunen um einige im Westjordanland liegende Städte hatte die Zerstörung weitflächiger landwirtschaftlicher Anbaugebiete der Palästinenser zur Folge. Darüber hinaus wurden in den gesamten besetzten Gebieten in einem bislang beispiellosen Ausmaß kollektive Strafsanktionen gegen die Palästinenser verhängt, die in Abriegelungen und Ausgangssperren bestanden.

Die israelischen Streitkräfte nahmen mit F-16-Jägern, Kampfhubschraubern und Panzern routinemäßig palästinensische Wohngebiete unter Bomben- und Granatenbeschuss. Die Militärschläge erfolgten in Reaktion auf Artillerie- und Mörserangriffe von Palästinensern oder als Vergeltung für Selbstmordattentate und andere Gewaltakte bewaffneter palästinensischer Gruppen in israelischen Städten oder gegenüber israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Israelische Soldaten missbrauchten im Zuge ihrer militärischen Operationen Palästinenser oftmals als »menschliche Schutzschilde«, indem sie sie zur Verrichtung von Arbeiten zwangen, die ihr Leben gefährdeten. Beispielsweise wurden Palästinenser in Häuser geschickt, um deren Bewohner zu vertreiben, sie mussten Häuser nach Sprengstoff durchsuchen, potenzielle Gefahrenquellen ausschalten und den Soldaten Deckung geben, wenn diese das Feuer auf andere Palästinenser eröffneten. Mindestens ein Palästinenser wurde getötet, als Einheiten der israelischen Streitkräfte ihn für ihre Zwecke als »menschlichen Schutzschild« missbrauchten.

Die Straffreiheit, die israelische Soldaten für ihr Tun genossen, stellte weiterhin ein akutes und zentrales Problem dar. Einige Militärs wurden wegen Diebstahls palästinensischen Eigentums vor Gericht gestellt, zwei Soldaten zu einer 28-tägigen Freiheitsstrafe verurteilt, weil sie einen Palästinenser als »menschlichen Schutzschild« eingesetzt hatten. Ein weiterer Soldat, der eine 95-jährige Palästinenserin getötet hatte, erhielt eine Haftstrafe von 65 Tagen. Nach Angaben der israelischen Streitkräfte hat die Militärpolizei seit Beginn der Intifada 127 Ermittlungsverfahren gegen Soldaten eingeleitet, die in zwölf Fällen zur Anklageerhebung und in acht Fällen zur Verurteilung führten. Die allermeisten der in die Tausende gehenden ungesetzlichen Tötungen und anderweitigen schweren Menschenrechtsverletzungen, die israelische Soldaten seit Beginn der Intifada begangen haben, zogen jedoch – soweit bekannt – weder unabhängige noch unparteiische Ermittlungen nach sich. Die Regierung blieb in diesem Zusammenhang auch die Einlösung ihres Versprechens vom Oktober schuldig, sämtliche gewaltsamen Todesfälle von Kindern untersuchen zu lassen.
Tötungen durch die israelische Armee

Wahllos und von großer Rücksichtslosigkeit geprägte Angriffe der israelischen Armee unter anderem mit Granaten und Bomben sowie die Anwendung unverhältnismäßiger Gewalt – beispielsweise bei der Durchsetzung von Ausgangssperren – forderten das Leben Hunderter unbewaffneter Palästinenser, unter ihnen über 100 Kinder. Mehrere hundert weitere Palästinenser kamen bei bewaffneten Zusammenstößen mit israelischen Einheiten zu Tode. Darüber hinaus fielen mindestens 35 Palästinenser gezielten Mordanschlägen zum Opfer, die oftmals auch unbeteiligte Passanten mit in den Tod rissen. Einige Palästinenser starben in den Trümmern ihrer Häuser, als diese von den israelischen Streitkräften zerstört wurden.

Am 21. Juni wurden der sechsjährige Ahmad Ghazawi und der zwölf Jahre alte Jamil von einer Panzergranate tödlich getroffen, die israelische Soldaten in eine Wohnsiedlung am Rande der Stadt Jenin gefeuert hatten. Der elfjährige Bruder der beiden namens Tareq und Samer al-Ahmad, ein Nachbar der Familie, zogen sich bei dem Anschlag schwere Verletzungen zu. Ein anderer Nachbar hatte den Vorfall mit seiner Videokamera aufgenommen.

In der Nacht des 22. Juni warfen die israelischen Streitkräfte über einem dicht besiedelten Viertel von Gaza-Stadt aus einem F-16-Jäger eine Bombe von einer Tonne Gewicht ab, die nicht nur den Hamas-Aktivisten Salah Shehada, dem der Anschlag galt, sondern auch sieben weitere Erwachsene und neun Kinder tötete. Mehr als 70 Menschen wurden durch den Bombenabwurf verletzt und sechs umliegende Häuser zerstört. Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon bezeichnete den Anschlag tags darauf »als eine der erfolgreichsten Operationen«. Salah Shehada war ins Visier der israelischen Behörden geraten, weil sie ihn verdächtigten, Drahtzieher von Übergriffen gegen Israelis gewesen zu sein.

Am 22. September wurde in Nablus der 13-jährige Baha al-Bahesh von einer Kugel tödlich getroffen, die israelische Soldaten aus einem gepanzerten Fahrzeug abgefeuert hatten. Die Tat ereignete sich vor den Augen von vier ausländischen Mitarbeitern der Internationalen Solidaritätsbewegung, mit denen der Junge zusammengestanden hatte.

Am 17. Oktober mussten die Eltern und Geschwister der neun Jahre alten Shaima ’Abu Shammala miterleben, wie das junge Mädchen von einer Granate tödlich verletzt wurde, die israelische Einheiten auf das Flüchtlingslager von Rafah im Gazastreifen abgefeuert hatten. Der Vorfall forderte darüber hinaus das Leben von fünf weiteren Bewohnern des dicht besiedelten Lagers, unter ihnen ein 15-jähriger Junge und eine 70 Jahre alte Frau.

Der für das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) tätige Brite Iain Hook wurde am 22. November im Flüchtlingslager von Jenin auf dem UNRWA-Gelände von israelischen Soldaten angeschossen. Kurz darauf erlag er seinen Verletzungen, nachdem die israelische Armee die Notfallambulanz erst mit Verzögerung zu ihm vorgelassen hatte. Am selben Tag wurde in dem Flüchtlingslager auch die irische Staatsbürgerin Cahoime Butterly aus einem gepanzerten Fahrzeug der israelischen Streitkräfte heraus angeschossen.
Tötungen durch bewaffnete palästinensische Gruppen

Bewaffnete Gruppen der Palästinenser töteten im Berichtszeitraum mindestens 265 israelische Zivilisten, unter ihnen 47 Kinder. Rund 180 der Opfer kamen innerhalb Israels bei Selbstmordattentaten, die oftmals in Cafés oder an vergleichsweise belebten Plätzen verübt wurden, und bei anderen Anschlägen ums Leben. In den besetzten Gebieten wurden mehr als 80 israelische Zivilisten erschossen oder auf andere Weise getötet. Auch 155 israelische Soldaten verloren bei Anschlägen palästinensischer Gruppen ihr Leben, mehr als 100 von ihnen in den besetzten Gebieten und 47 innerhalb Israels.

Am 27. Januar zündete die Palästinenserin Wafa Idris auf der Jaffa-Straße in Jerusalem einen Sprengsatz und tötete damit sich selbst und den 81 Jahre alten Pinhas Tokatli. Mehr als 100 Menschen wurden bei dem Vorfall verletzt, für den die Brigaden der al-Aqsa-Märtyrer, ein Ableger der Fatah-Bewegung, die Verantwortung übernahmen. Mit Wafa Idris hat zum ersten Mal eine palästinensische Frau ein Selbstmordattentat verübt.

Am 27. April wurde die fünfjährige Danielle Shefi in Adora, einer israelischen Siedlung in den besetzten Gebieten, von drei bewaffneten Palästinensern erschossen und ihre Mutter sowie ihre beiden Brüder im Alter von zwei und vier Jahren verletzt. Die Männer töteten in der Siedlung noch drei weitere erwachsene Bewohner. Die Verantwortung für den Anschlag übernahmen die Brigaden Izz al-Din al-Qassam, der militärische Flügel der Hamas-Bewegung. Sie bezeichneten ihn als »heroische und mutige Tat«.

Bei der Explosion eines Sprengsatzes in einer Cafeteria der Hebräischen Universität in Jerusalem kamen am 31. Juli sieben Menschen ums Leben, unter ihnen die 53 Jahre alte Levina Shapira und der 29-jährige David Ladovsky. Mehr als 70 Personen wurden verletzt. Auch für diesen Anschlag erklärten sich die Brigaden Izz al-Din al-Qassam verantwortlich.

Am 21. November wurden elf Menschen getötet und 47 verletzt, als sich ein palästinensischer Selbstmordattentäter in einem Bus in die Luft sprengte. Zu den Todesopfern zählten der 13-jährige Hadassah Ben David und der drei Jahre ältere Michael Sharshevsky. Der Vorfall, für den sowohl die Hamas-Bewegung als auch die Organisation Islamischer Jihad die Verantwortung übernahm, ereignete sich in dem Jerusalemer Stadtteil Kirjat Menachem.

Anschläge auf Palästinenser durch israelische Siedler

In den besetzten Gebieten griffen israelische Siedler wiederholt Palästinenser an und zerstörten ihr Eigentum. Während der Olivenernte im Oktober fielen Siedler mehrfach in palästinensische Dörfer ein, hinderten die Bewohner am Pflücken ihrer Früchte, legten Feuer an Olivenbäume und zerstörten anderweitigen Besitz. Eine Reihe solcher Vorfälle ereigneten sich in der Umgebung von Nablus. Nach wiederholten Übergriffen seitens israelischer Siedler sahen sich sämtliche palästinensischen Bewohner der Ortschaft Janun zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen. In Begleitung ausländischer und israelischer Friedensaktivisten konnten sie später wieder nach Janun zurückkehren. Die israelischen Streitkräfte gewährten gefährdeten Palästinensern meist keinen Schutz. Im August wurden sechs israelische Siedler festgenommen, die vor einer Mädchenschule in Ostjerusalem einen Sprengsatz deponiert hatten. Ihr Prozess begann im September und dauerte Ende des Berichtsjahres noch an.

Am 28. Juni wurde in Hebron die 14-jährige Nivin Jamjun von israelischen Siedlern erschossen, die palästinensische Häuser verwüsteten und Eigentum zerstörten.
Abriegelungen und Ausgangssperren

Alle Teile der besetzten Gebiete waren in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß von Abriegelungen und Ausgangssperren der israelischen Streitkräfte betroffen. Die meisten palästinensischen Städte und Dörfer waren fast während des gesamten Berichtsjahres untereinander und von den umliegenden Gebieten abgeschnitten. In den Ballungsräumen herrschten zudem ausgedehnte Ausgangssperren. Über die Stadt Nablus, Heimat von rund 100 000 Palästinensern, wurde Anfang August eine komplette Ausgangssperre rund um die Uhr verhängt, die ganze 106 Tage andauerte. Millionen Palästinenser hatten unter solchen kollektiven Strafsanktionen zu leiden, die sie während des größten Teils des Jahres weitgehend oder gänzlich daran hinderten, zu ihren Arbeitsstätten zu gelangen, am Schulunterricht teilzunehmen oder ärztliche Hilfe zu finden. Delegierte von amnesty international, die Städte in der Westbank und im Gazastreifen besuchen wollten, wurden an Kontrollposten der israelischen Armee wiederholt zurückgewiesen. Die gleiche Erfahrung machten Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, Angehörige medizinischer Berufe und Journalisten.
Zerstörung von Häusern, landwirtschaftlichen Nutzflächen und anderem Eigentum

Soldaten der israelischen Armee zerstörten mehr als 2000 palästinensische Häuser und vernichteten riesige landwirtschaftliche Anbauflächen, indem sie unter anderem Zehntausende Bäume aus dem Boden rissen. Üblicherweise nahmen die Soldaten Hauszerstörungen ohne vorherige Benachrichtigung der Bewohner vor, denen sie nicht einmal gestatteten, noch rasch ihre Habe zusammenzupacken.

Im Zuge militärischer Operationen wurden Hunderte Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Im April zerstörten die israelischen Streitkräfte nach Zusammenstößen mit bewaffneten Palästinensern im Flüchtlingslager von Jenin Teile des Lagers und machten damit 800 Familien obdachlos.

Am 6. April brachten israelische Soldaten mit einem Bulldozer das Haus der Familie al-Shu’bi zum Einsturz, obwohl sich im Inneren zehn Menschen befanden. Acht der Bewohner wurden getötet, unter ihnen drei Kinder, ihre schwangere Mutter und ihr 85 Jahre alter Großvater. Zwei Mitglieder der Familie konnten eine Woche später unter den Trümmern lebend geborgen werden.

Im Gazastreifen zerstörten die Streitkräfte in der Nähe israelischer Siedlungen, entlang den dorthin führenden Zufahrtsstraßen sowie in Grenznähe zu Israel und Ägypten gleichfalls Hunderte Häuser und große landwirtschaftliche Nutzflächen.

Am 10. Januar wurden etwa 500 Bewohner des Flüchtlingslagers von Rafah obdachlos, als israelische Soldaten rund 60 Häuser abrissen.

Darüber hinaus zerstörten die israelischen Streitkräfte um die 100 Häuser, die Familien von Personen gehörten, welche im Verdacht standen, an Anschlägen auf Israelis beteiligt gewesen zu sein. Es handelte sich hierbei um ein Vorgehen, das Israel schon früher über Jahrzehnte hinweg praktiziert hatte, von dem es aber 1993 abgerückt war. Meist wurden die Häuser in die Luft gesprengt, wodurch auch angrenzende Gebäude zerstört oder schwer beschädigt und einige ihrer Bewohner verletzt wurden.

In der zweiten Hälfte des Berichtsjahres vernichteten israelische Soldaten in der Umgebung von Kalkiliya, Tulkarem und Jenin weite landwirtschaftliche Nutzflächen, um einen Grenzzaun zu errichten, der Palästinenser aus der Westbank daran hindern soll, nach Israel zu gelangen. Der Zaun verlief innerhalb der Westbank, was zur Folge hatte, dass örtliche Bauern von großen Teilen ihrer Felder abgeschnitten waren, die für sie die hauptsächliche oder sogar alleinige Erwerbsquelle darstellten.

Massenverhaftungen, Folterungen und Misshandlungen von Palästinensern

Die israelischen Streitkräfte nahmen in allen Gegenden der besetzten Gebiete Tausende Palästinenser, unter ihnen mehrere hundert Kinder, in Haft, von denen die meisten ohne Anklageerhebung und vielfach auch ohne Vernehmung wieder freikamen. Im Zuge von Festnahmen und während der Verhöre fanden verbreitet Misshandlungen statt. Zahlreiche Berichte sprachen zudem von Folterungen an Häftlingen. Zu den geschilderten Folter- und Misshandlungsmethoden zählten Schläge, das Anketten an den Handgelenken und Fesselungen in beschwerlichen Körperpositionen, Drohungen gegen die Gefangenen selbst und ihre Familienangehörigen sowie Schlafentzug. Mindestens ein Häftling kam zu Tode, nachdem er mit Schlägen traktiert worden war.

Gegen mehr als 1900 der festgenommenen Palästinenser ergingen bis zu einjährige Verwaltungshaftanordnungen. Sie wurden keiner Straftat angeklagt, sondern auf der Grundlage »geheimer Beweise« in Gewahrsam gehalten, in die weder sie selbst noch ihre Anwälte Einblick erhielten und die nicht vor Gericht angefochten werden konnten. Rund 1000 weitere Palästinenser wurden der Beteiligung an Anschlägen auf Israelis angeklagt. Rund 3800 Palästinenser mussten sich in Prozessen, die hinter internationalen Standards der Fairness zurückblieben, vor Militärgerichten verantworten.

Die meisten palästinensischen Häftlinge durften keinen Besuch von ihren Familien erhalten, nicht einmal dann, wenn nach Einschätzung des Komitees vom Roten Kreuz ihre Verwandten alle Sicherheitsanforderungen erfüllten.

Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen

Mindestens 158 jüdische Israelis wurden zu bis zu sechsmonatigen Haftstrafen verurteilt, weil sie den Militärdienst verweigert oder es abgelehnt hatten, in den besetzten Gebieten Dienst zu tun. Es handelte sich bei ihnen um gewaltlose politische Gefangene.
Zwangsausweisung

Am 4. September wurden die in Nablus beheimateten Geschwister Intisar und Kifah ’Ajuri zwangsweise in den Gazastreifen abgeschoben, eine Maßnahme, die die israelischen Behörden damit begründeten, dass die beiden angeblich ihrem Bruder, der am 6. August von Soldaten ermordet worden war, bei Anschlägen auf Israelis behilflich gewesen seien. Die zwei Geschwister hatten sich vor ihrer Abschiebung seit dem 4. Juni beziehungsweise dem 18. Juli ohne Anklageerhebung oder Gerichtsverfahren in Haft befunden.
Vereinte Nationen

Im April wurde auf der Grundlage der Resolution 1405 des UN-Sicherheitsrats eine Delegation unter Vorsitz der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte ernannt, die den Vorgängen im Flüchtlingslager von Jenin nachgehen sollte. Nachdem die israelische Regierung anfänglich dem Besuch einer solchen Delegation zugestimmt hatte, zeigte sie sich im weiteren Verlauf unkooperativ und verweigerte dem Ermittlungsteam den Zugang zu den besetzten Gebieten, so dass UN-Generalsekretär Kofi Annan am 3. Mai die Delegation wieder auflöste.

Im August teilte die israelische Regierung dem UN-Generalsekretär offiziell mit, dass sie das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs nicht ratifizieren werde.

Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes mahnte Israel im Oktober, Übergriffe gegen Kinder einzustellen. Er führte aus: »Die illegale Besetzung von Palästinensergebieten, die Bombardierung ziviler Ziele, extralegale Hinrichtungen, der Einsatz unverhältnismäßiger Gewalt durch die israelischen Verteidigungskräfte, die Zerstörung von Häusern, die Vernichtung der Infrastruktur, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und die tagtägliche Erniedrigung der Palästinenser, dies alles trägt zu einem Kreislauf der Gewalt bei.«
Berichte und Missionen von amnesty international

Berichte

Israel/Occupied Territories: The heavy price of Israeli incursions (ai-Index: MDE 15/042/2002)

Israel/Occupied Territories: Mass detention in cruel, inhuman and degrading conditions (ai-Index: MDE 15/074/2002)

Israel/Occupied Territories/Palestinian Authority: Without distinction – attacks on civilians by Palestinian armed groups (ai-Index: MDE 02/003/2002)

Israel/Occupied Territories/Palestinian Authority: Killing the Future – children in the line of fire (ai-Index: MDE 02/005/2002)

Israel/Occupied Territories: Shielded from scrutiny – IDF violations in Jenin and Nablus (ai-Index: MDE 15/143/2002)
Missionen

Delegationen von amnesty international besuchten Israel und die besetzten Gebiete in den Monaten Januar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, Oktober und November. Die Generalsekretärin der Organisation bereiste das Land im April und Mai. Die Delegierten von amnesty international trafen mehrmals mit Vertretern der Regierung und der israelischen Streitkräfte zu Gesprächen zusammen, in denen sie um Aufklärung zahlreicher konkreter Fälle von Menschenrechtsverletzungen nachsuchten. Zu zwei Fällen, in denen es um Gefangene ging, stellten die israelischen Behörden Informationen zur Verfügung.