Sektion der Bundesrepublik Deutschland

ai-Journal Oktober 1999

Peter Benenson: Ein ganz gewöhnlicher Bürger

“Ein ganz gewöhnlicher Bürger”

Der britische Rechtsanwalt Peter Benenson rief amnesty international 1961 ins Leben. Der 77jährige führt heute ein zurückgezogenes Leben. Ein Portrait von Angela Robson.

"Wenn ich ehrlich sein soll", sagt Peter Benenson, "möchte ich nicht, daß man mich mit einem Heiligenschein umgibt. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Bürger, mit all seinen Fehlern.” Benensons sonore Stimme füllt sein winziges Wohnzimmer aus. Sein Gang ist langsam und schwerfällig geworden. Benensons angegriffene Gesundheit und seine Scheu machen es zunehmend schwieriger, ihn zu sprechen. Als es mir schließlich gelingt, ihn zu treffen, liegen zwei mühsame Jahre der Kontaktaufnahme hinter mir. Der Familienvater von vier Kindern lebt in einem kleinen Landhaus aus dem 18. Jahrhundert, etwa 30 Kilometer von Oxford entfernt. Weil sein Haus hinter zwei anderen Häusern versteckt liegt und auch die Hausnummer fehlt, ist es nahezu unmöglich, die Adresse zu finden. Als sich nach langem Klopfen die Tür schließlich öffnet und Peter Benenson mich in das kleine Wohnzimmer voller Bücher bittet, verrät er mir, daß er inzwischen nahezu taub ist. "Wenn ich sie nicht hören kann", ruft er mir zu, "versuchen sie es mit der Lautstärke eines Nebelhorns."

Das Alter mag sein körperliche Robustheit angegriffen haben, doch sein bekannter funkelnder Geist und sein Sinn für Humor scheinen unangetastet. Er vertritt seine Standpunkte nach wie vor geradeheraus und ohne falsche Rücksichten. Gleichzeitig sind seine Äußerungen jedoch voll entwaffnender Bescheidenheit.

Benenson beharrt darauf, daß die Entwicklung von amnesty international zur weltgrößten Menschenrechtsorganisation nur sehr wenig mit seiner Person zu tun habe. "Ich habe lediglich den Rahmen entworfen", sagt er. Peter Benenson erinnert sich noch sehr genau an jenen Morgen im Jahre 1961, als er in der Zeitung über zwei portugiesische Studenten las, die zu sieben Jahren Haft verurteilt worden waren, weil sie in einem Lissaboner Restaurant auf die Freiheit angestoßen hatten. Aufgewühlt lief der Rechtsanwalt damals stundenlang durch die Straßen von London und sann nach einer Möglichkeit, ihnen zu helfen. Nachdem er eine Weile in der Kirche St. Martin in the Fields nachgedacht hatte, kam ihm eine Idee: "Wenn eine einzelne Person protestiert, bewirkt das nur wenig, aber wenn es viele Menschen gleichzeitig tun würden, könnte es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen." Am selben Tag schrieb er an die Tageszeitung "The Observer" und rief zu einer weltweiten Kampagne für den Schutz der "vergessenen Gefangenen" auf.

Der in London kurz nach dem Ersten Weltkrieg geborene Peter Benenson war zwei Jahre alt, als sein Vater nach einem Sturz vom Pferd querschnittsgelähmt wurde und sieben Jahre später starb. Seine Mutter war selten zu Hause und gab dem kleinen Jungen wenig Zuneigung. Er wurde auf ein privates Internat geschickt, war dort aber nicht glücklich und wollte mehrmals weglaufen. Nach der Schule studierte er in Oxford Jura.

Peter Benenson lehnt sich in seinem Sofa zurück und zündet sich eine Pfeife an. "Was ich am meisten in meinem Leben bedaure, ist, daß ich nicht nach Spanien gegangen bin, um am Bürgerkrieg teilzunehmen. Als junger Mensch war ich voller Hoffnung, die Welt verändern zu können, und es ist uns damals beinahe gelungen, aber dann kam Hitler und hat sie in seinem Sinne verbogen".

Die Einsamkeit, die er als Kind erfahren mußte, hat ohne Zweifel Benensons Wahrnehmung für menschliches Leid geschärft und den Grundstein für seine pazifistische Einstellung gelegt. "Ist es nicht ein Widerspruch", frage ich ihn, "daß jemand, der Gewalt so vehement ablehnt und auf friedliche Lösungswege setzt, sich den Republikanern in Spanien im Kampf gegen Franco anschließen wollte?" "Nicht wirklich", antwortet er. "Der Drang nach Freiheit war stets meine größte Leidenschaft. Und überhaupt", fügt er hinzu und fixiert mich mit einem durchdringenden Blick. "Je näher der Tod kommt, desto widersprüchlicher erscheint einem das Leben." Ich frage ihn, ob er Angst vor dem Tod habe. "Nein, ich fürchte ihn überhaupt nicht. Ich will sterben. Ich denke, ich werde den Heiligen und Engeln und möglicherweise auch dem Allmächtigen gegenübertreten. Ich glaube, ich werde dort in viel besserer Gesellschaft sein als hier auf Erden."

Gegenüber dem Sofa hängt ein Landschaftsgemälde an der Wand. Ich frage ihn, ob er es gemalt habe. "Meine Bilder sind zu schlecht, um sie auszustellen" sagte er mit gespielter Trauer. "Das ist jetzt alles, was ich tue: Bilder malen, die nur ich sehen möchte."

Übersetzung: Martin Dlugosch