Klinik in Freetown: Die junge Mutter braucht dringend Bluttransfusionen, doch das Krankenhaus hat keine Blutbank, Februar 2009: © Amnesty International
In dem westafrikanischen Land Sierra Leone ist das Risiko für Frauen, an Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, weitaus höher als in fast allen anderen Ländern der Welt. Schätzungen zufolge stirbt jede achte Frau bei der Geburt eines Kindes. Tausende von Frauen sterben, weil sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben oder weil das Geld für eine lebensrettende Behandlung fehlt.
Nach einer Studie von UNICEF aus dem Jahr 2008 gibt es in 6 der 13 Bezirke des Landes keinerlei Notfallversorgung für Schwangere. In den übrigen Bezirken sind von den insgesamt 38 Krankenhäusern, die Schwangerschafts- und Geburtshilfe anbieten, nur 14 in der Lage, umfassende Notfallversorgung zu leisten wie Bluttransfusionen oder Kaiserschnitt.
Durch mangelnde gesundheitliche Aufklärung erkennen viele Frauen in Sierra Leone Gefahrensignale in der Schwangerschaft nicht rechtzeitig. Sie stehen zudem unter starkem gesellschaftlichem Druck, viele Kinder zu bekommen - im Durchschnitt sechs bis acht. Die Möglichkeit für Frauen, selbst zu entscheiden, wie viele Kinder sie in welchen Abständen gebären möchten, ist gering. Verhütungsmittel werden nur selten benutzt, teils aus kulturellen Gründen, teils weil sie kaum erhältlich sind. Durch Genital-verstümmelung bedingte Komplikationen sind ein weiterer Grund für die hohe Müttersterblichkeit. Auf dem Land werden etwa 94% aller Mädchen beschnitten. Ganz allgemein haben Frauen in armen Familien praktisch kein Wissen über ihre Rechte und kaum Einfluss auf Entscheidungen, die sie selbst betreffen. Das hat zur Folge, dass nur wenige in der Lage sind, sich für ihr Recht auf Gesundheit einzusetzen, selbst wenn ihr Leben in Gefahr ist.
Sierra Leone verfügt nur über sehr beschränkte finanzielle Ressourcen für die Lösung seiner zahlreichen Probleme. Das Land leidet noch immer an den Folgen des zehnjährigen Bürgerkrieges (1991-2001) und der größte Teil der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Krankenhäuser und Gesundheits-beratungsstellen leiden unter Personalmangel, verfügen nur über unzulängliche technische Ausrüstung, und es fehlt ihnen an Medikamenten. Die Infrastruktur ist kaum entwickelt, zudem sind die Entfernungen häufig sehr groß. Nach erneuten Hilfszusagen der Geberländer gibt es jetzt Hoffnung, die Lage der Frauen zu verbessern. Die Regierung führte am 27. April 2010 die kostenlose Gesundheitsversorgung für alle Frauen während Schwangerschaft und Geburt und für Kinder bis fünf Jahren ein. Das ist ein großer Schritt vorwärts, doch müssen nun alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, um die Mindest-standards bei der medizinischen Versorgung für Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft sicherzustellen.
Excellenz,
Wir begrüßen die Anstrengungen, die Ihre Regierung zur Verringerung der hohen Müttersterblichkeit unternommen hat. Insbesondere und gratulieren wir zu der am 27. April 2010 eingeführten kostenlosen Gesundheitsversorgung für alle Frauen während Schwangerschaft und Geburt. Es müssen jedoch dringend weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung für Schwangere ergriffen werden.
Insbesondere sollte Ihre Regierung dafür Sorge tragen, dass
* Krankenhäuser besser ausgestattet werden und das Personal angemessen bezahlt wird;
* ein funktionierendes medizinisches Überweisungssystem eingerichtet wird, damit Schwangere rechtzeitig ein Krankenhaus erreichen können;
* Frauen über ihr Recht auf selbstbestimmte Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft und Geburt informiert werden.
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