Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Religion und Menschenrechte in Nigeria

Koordinatonsgruppe Nigeria

Januar 2009

In einer groß angelegten Untersuchung der BBC im Jahr 2004 zur Religiosität in verschiedenen Ländern schnitten die Nigerianer als das frömmste Volk der Welt ab: 100 % glauben an Gott, 94 % glauben, ihr Gott sei der einzig wahre Gott und 95 % gaben an, sie würden für ihren Gott sterben.

Von den ca. 140 Millionen NigerianerInnen ist etwa die Hälfte muslimischen Glaubens (die meisten davon Sunniten), 40 % sind Christen und 10 % werden "traditionellen" Religionen zugerechnet. Die Moslems leben vor allem im Norden, die Christen und die Anhänger traditioneller Religionen im Süden des Landes; die regionale Verteilung der Religionen ist aber insgesamt auch gemischt, vor allem in den Städten. In der religiösen Praxis vermischen sich oft christliche mit animistisch-magischen Elementen und Zauberei, oder werden parallel praktiziert; auch der in Nigeria praktizierte Islam enthält magische Elemente wie die allgemein verbreiteten Amulette.

Häufig kommt es zu gewaltsamen Konflikten zwischen Religionsgruppen, vor allem zwischen Christen und Moslems die zum Teil viele Todesopfer fordern. Bei den aktuellen Konflikten geht es häufig um den Zugang zu Ressourcen, etwa im Streit um fruchtbare Böden zwischen sesshaften, christlichen Bauern und nomadisierenden, muslimischen Viehzüchtern. Wegen der sich ausbreitenden Dürre der Sahelzone gibt es eine stetige Wanderbewegung der muslimischen Haussa nach Süden, die in Konkurrenz um Acker- und Weideland mit den dort ansässigen Bauern treten. In diesen Konflikten unterliegen die autochthonen ethnischen Minderheiten meist den als politische Einheit und mit bewaffneten Reitermilizen auftretenden muslimischen Migranten. Letztere übernehmen oft auch die politische Macht, die in Nigeria ganz allgemein nicht demokratisch, sondern durch Stimmenkauf, Einschüchterung und Gewalt erlangt wird. Jos, Hauptstadt des zentral gelegenen Plateau State, ist ein Brennpunkt solcher Zusammenstöße mit brennenden Moscheen und Kirchen und mit etwa 3000 Toten im Jahr 2001, etwa 700 im Jahr 2004 und etwa 300 Toten im November 2008.

Auslöser gewaltsamer Konflikte zwischen Christen und Moslems ist auch das seit 2000 in den 12 nördlichen der 36 nigerianischen Bundesstaaten eingeführte Scharia- Recht. Es gilt nur für Moslems und Prozesse gegen Nicht-Muslime werden weiterhin in den parallel operierenden "Magistrates" oder "High Courts" geführt. Im Alltag werden in den muslimisch dominierten Bundesstaaten die Scharia-Regeln aber als allgemein verbindlich eingefordert und von den muslimischen Hisbah-Milizen in Selbstjustiz überwacht. So ist Frauen im Bundesstaat Zamfara das Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und Sammeltaxis zusammen mit Männern und das Mitfahren auf den populären Mopedtaxis, die immer von Männern gefahren werden, verboten. Viele Fahrer weigern sich aus Angst vor der Hisbah Frauen überhaupt mitzunehmen. Auch das Alkoholverbot wird streng überwacht und selbst die Tonkrüge mit dem bei einigen ethnischen Gruppen für ihre Riten benötigten Hirsebier werden von randalierenden Hisbah-Milizionären zerstört.

Die Scharia-Rechtsprechung mit ihren grausamen und unmenschlichen Strafen wie Steinigungen, Amputationen und Auspeitschungen hat - neben der internationalen Empörung - auch MenschenrechtsverteidigerInnen in Nigeria mobilisiert. Urteile der Scharia Gerichte werden oft in Prozessen geführt, die selbst gegen geltendes Recht verstoßen, wenn z.B. den Angeklagten kein Rechtsbeistand gewährt wird oder Urteile aufgrund von Geständnissen gefällt werden, die unter Folter erpresst wurden.
Frauen werden von der Scharia-Rechtsprechung ganz besonders diskriminiert, vor allem wenn ihnen Zina, außerehelicher Geschlechtsverkehr vorgeworfen wird, der bei verheirateten Frauen mit dem Tod durch Steinig

ung bestraft wird. Die Voraussetzungen für eine Verurteilung wegen Zina sind eigentlich sehr hoch gesteckt: der Geschlechtsverkehr muss von vier unabhängigen Zeugen gesehen worden sein, weshalb die Männer, wenn sie das Vergehen bestreiten, aus Mangel an solchen Zeugen in aller Regel straffrei bleiben. Bei Frauen dagegen gilt allein ihre Schwangerschaft als Beweis für Zina.
Wie unfair die Praxis solcher Verhandlungen ist, wird im Fall der minderjährigen Bariya Magazu deutlich. Sie hatte drei Männer wegen Vergewaltigung angezeigt, wurde im September 2000 jedoch von einem Scharia-Gericht in Tsafe zu 100 Peitschenhieben wegen Unzucht und zusätzlich zu 80 Peitschenhieben wegen falscher Anschuldigung verurteilt. Gegen die Männer wurde kein Ermittlungsverfahren eingeleitet, da sie die Tat bestritten.

MenschenrechtsverteidigerInnen wie die muslimische Anwältin Hauwa Ibrahim oder die mit Amnesty International zusammenarbeitende Nichtregierungsorganisation LEDAP (Legal Defence and Assistance Project) kämpfen für eine faire Prozessführung und eine humanere Auslegung des Scharia-Rechts, aber auch für dessen Reform, mit dem Ziel es in Einklang mit der nigerianischen Verfassung und den Menschenrechten zu bringen.

Bei den Christen bilden die römisch-katholischen mit geschätzten 39 Millionen und die anglikanische Church of Nigeria mit 17 Millionen Anhängern die größten Gruppen. Seit den siebziger Jahren spielen allerdings neue evangelikale und pfingstkirchliche Bewegungen eine immer größere Rolle. Diese Kirchen sind oft kommerziell ausgerichtet und ihre "spirituelle" Arbeit verfolgt vor allem das Ziel ihren Führern, die auch ihre Eigentümer sind, möglichst großen Reichtum zu bescheren. Da ständig neue Kirchen gegründet werden, stehen sie in harter Konkurrenz, die in Werbekampagnen ausgetragen wird, in denen Wunderheilungen und Reichtum versprochen wird. Der Markt scheint unerschöpflich zu sein und die Pfingstbewegung gilt als der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig Nigerias.

In den Pfingstkirchen werden auch exorzistische Rituale praktiziert und deren Opfer sind zunehmend Kinder, die beschuldigt werden Hexen zu sein und deshalb stigmatisiert, verstoßen, misshandelt oder getötet werden. Allein im südlichen Bundesstaat Akwa Ibom wird ihre Zahl auf 15.000 geschätzt. Die "Prophetin" Helen Ukpabio, deren Liberty Gospel Church über 150 Gemeinden zählt, produzierte den weit verbreiteten Film: "End of the Wicked", in dem geschildert wird, wie Kinder vom Teufel besessen und in Hexenzirkel eingeführt werden. Dort ernähren sie sich von Menschenfleisch und bringen ihren Gemeinden und Familien Unglück und Tod. Eltern können - laut Helen Ukpabio - leicht feststellen ob ihre Kinder Diener des Teufels sind, etwa wenn sie nachts schreien oder Fieber haben.

Während die Pfingstkirchen eher in kleineren Gruppen operieren, suchen die modernen evangelikalen Bewegungen die Massen. So findet der Deutsche Reinhard Bonnke, der sich selbst als "Mähdrescher Gottes" bezeichnet, in Nigeria ein Millionenpublikum, dem er auf der Bühne ein Spektakel mit Wunderheilungen und Teufelsaustreibungen bietet. Sein Heiliger Krieg schürt Hass gegen andere Religionen und im Anschluss an seine Veranstaltungen kommt es häufig zu Gewaltexzessen. Nach einer Missionsveranstaltung in der nordnigerianischen Stadt Kano 1991 kam es zu Ausschreitungen mit mehreren hundert Todesopfern und Bonnke wurde zur unerwünschten Person erklärt. Seit 2000 ist er aber wieder in Nigeria aktiv.

Auch "traditionalistische" Riten sind nicht immer so friedvoll folkloristisch, wie sie von außen gerne imaginiert werden. Besonders brutal sind die in Nigeria verbreiteten, magischen Praktiken zu denen Leichenteile benötigt werden. Immer wieder werden Morde mit anschließender Verstümmelung begangen um Leichenteile für solche Kulte zu besorgen. Traditionelle Shrines (heilige Bezirke) kamen 2004 in die Schlagzeilen, als die Polizei Hinweisen nachging und in einigen Shrines wie den "Ogwugwu Akpu Shrine" in Okija, Anambra State, über 80 zerstückelte Leichen fand.

Auch zwischen Kultgruppen und christlichen Kirchen kommt es bisweilen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen sowohl "Shrines" als auch Kirchen niedergebrannt werden.