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Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal Oktober 2012

Das zweite Leben

Endlich am Ziel. Patrick Okoroafor (ganz rechts) mit Berliner Aktivisten und seinem Bruder Henry.: ©AmnestyEndlich am Ziel. Patrick Okoroafor (ganz rechts) mit Berliner Aktivisten und seinem Bruder Henry.: ©AmnestyPatrick Okoroafor war in Nigeria wegen eines unfairen Verfahrens 16 Jahre inhaftiert. Amnesty hat sich mit weltweiten Brief­aktionen für ihn eingesetzt. Als er im April frei kam, traf er sich kurz darauf mit Aktivisten in Berlin.

Von Detlev-R. Fliegner

"In meinem Leben bin ich noch nie so weit gelaufen", sagte Patrick Okoroafor, nachdem er endlich den "Ten-Mile-Walk" ­absolviert hatte. Dabei war der Lauf, den die englischsprachige Amnesty-Gruppe in Berlin Ende Juni organisiert hatte, nicht nur sportlich ein besonderes Ereignis für den 31-jährigen Nigerianer. Zwei Jahre zuvor hatten die Berliner Aktivisten den Ten-Mile-Walk seiner Freilassung gewidmet. Ende April diesen Jahres kam Okoroafor, der mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, endlich frei. Wenig später reiste er auf Einladung von Amnesty nach Berlin, um dort um einige der Menschen kennenzulernen, die sich für ihn eingesetzt hatten.

Patrick Okoroafor war gerade 14 Jahre alt, als er im Mai 1995 festgenommen und wegen Raub und Entführung angeklagt wurde. Er beteuerte, diese Verbrechen nicht begangen zu haben. Zwei Jahre später wurde er als 16-Jähriger von einem Strafgericht zum Tode verurteilt, ohne sich ordentlich verteidigen zu können. Das Verfahren fiel in die Zeit der Militärdiktatur von General Sani Abacha, unter dessen Herrschaft eine willfährige Justiz installiert wurde. Amnesty setzte sich jahrelang mit Kampagnen und weltweiten Briefaktionen für Okoroafors Freilassung ein. Während seiner Haft erhielt er mehr als 10.000 Karten und Briefe. "Als Amnesty begann, meine Freilassung zu fordern, und als ich Tausende von Briefen und Postkarten von Amnesty-Mitgliedern erhielt, schöpfte ich wieder Hoffnung", ­erzählte er in Berlin.

Einige Monate, nachdem das Todesurteil für Patrick Oko­roafor verkündet worden war, wandelten die Behörden des nigerianischen Bundesstaats Imo das Urteil wegen seines Alters in lebenslange Haft um. Im Oktober 2001, nach der Widerherstellung einer zivilen Regierung in Nigeria, erklärte ein Richter des Obersten Gerichtshofs das Todesurteil für unrechtmäßig und wandelte seine Strafe in eine Inhaftierung "nach Belieben des Gouverneurs" um, wie es in dem Urteil hieß - und somit in eine unbefristete Haftstrafe. In Nigeria sind Häftlinge auf Hilfe von außen angewiesen, da sie nicht vom Staat versorgt werden. Das Geld, das sie von ihren Angehörigen bekommen, geben sie den Wärtern, die damit Lebensmittel kaufen. Die hygienische Situation ist schwierig und die Gefahr, sich mit Krankheiten zu infizieren, groß. 2009, ein Jahr nachdem Amnesty die Kampagne zur seiner Freilassung gestartet hatte, wurde seine Haftstrafe auf zehn Jahre festgesetzt, ohne die Zeit anzurechnen, die er bereits inhaftiert war. Am 30. April 2012 wurde er freigelassen.

Heute spricht er über seine Rückkehr in die Gesellschaft, seine Trauer über die "verlorene Jugend", und die Möglichkeiten, die sich ihm jetzt eröffnen. Ohne die Kampagnen und Briefe von Amnesty, betont er immer wieder, würde er wohl immer noch im Gefängnis sitzen. Nun will er seine Schulausbildung fortsetzen. Er möchte gerne nach Großbritannien ziehen, um dort später Jura zu studieren und sich für die zu Unrecht Inhaftierten speziell in Nigeria einzusetzen. "Die Hälfte der Häftlinge in den nigerianischen Gefängnisse ist unschuldig", meint Okoroafor. Er weiß, wovon er spricht.

Der Autor ist Mitglied der Nigeria-Ländergruppe der deutschen ­Amnesty-Sektion.