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Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal August 2012

Ein Freiraum von hundert Leuten

Brillantes politisches Theater. "No Time for Art" von der ägyptischen Theatermacherin Laila Soliman.: ©Gunnar Lüsch/MuTphotoBrillantes politisches Theater. "No Time for Art" von der ägyptischen Theatermacherin Laila Soliman.: ©Gunnar Lüsch/MuTphoto
Die alternative Theaterszene in Ägypten schwankt zwischen Euphorie und Resignation. Die Revolution steckt fest, freie Meinung auf der Bühne ist nach wie vor nur in kleinen Off-Theatern möglich.

Von Georg Kasch

Die Frage, ob Theater etwas verändern kann, vielleicht sogar die Politik oder eine Gesellschaft, ist bis heute nicht geklärt. "Ich kann über die Wirkung des Theaters keine zufriedenstellende Antwort geben", sagt auch Laila Soliman, eine der profiliertesten ägyptischen Theatermacherinnen der Revolutions-Generation. "Jeder muss machen, was er für ehrlich hält. Ich selbst habe eine gespaltene Meinung über die Rolle des Theaters."

Dennoch hat Soliman, Jahrgang 1981, sich einem Theater verschrieben, das informieren und aufklären will. Ein Theater, das sich unabhängig nennt und sich insofern mit dem Off-Theater europäischer Prägung vergleichen lässt, als dass hier mit einfachsten Mitteln und dafür nur mangelhaft ausgestatteten Orten Inszenierungen erarbeitet werden, die pro Vorstellung etwa hundert Zuschauer erreichen. Ein Theater, das sich kritisch mit dem Status quo der ägyptischen Revolution auseinandersetzt - und ans Gestern erinnert, um daraus fürs Morgen zu lernen.

Entwickelt hat sich dieses unabhängige Theater in den achtziger Jahren, als die beiden anderen nennenswerten Zweige des traditionsreichen ägyptischen Theatersystems ästhetisch wie inhaltlich nur noch Leerlauf produzierten: die staatlich finanzierten Regierungs- und die auf reine Unterhaltung ausgerichteten Privattheater. In einem Klima der Sicherheits-Paranoia und der Zensur, einem dauerhaften Ausnahmezustand einerseits und religiösem Extremismus andererseits keimte in den Theatermachern und Dramatikern die Sehnsucht danach, sich kritisch und aktuell an ihrer Gegenwart abzuarbeiten. Mit jungen, oft halbprofessionellen Truppen, die schnell, mit wenig Geld und bescheidenen Mitteln aktuelle Abende produzieren, schufen sie vor allem in Kairo und Alexandria ein unabhängiges Theater, das nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine politische Bewegung sein will. Neben Inszenierungen ermöglicht es Seminare, Versammlungen und Veröffentlichungen, die das Bewusstsein vor allem junger Menschen prägen.

Weil viele dieser jungen Menschen zu jenen Demonstranten gehören, die die ägyptische Revolution im Januar 2011 erst ermöglichten, sagt Soliman trotz ihrer generellen Skepsis: "Ohne diese Entwicklung der freien Theaterszene wären die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz nicht denkbar gewesen." Von der Euphorie der Revolutionstage wie von der vorangegangenen Unterdrückung erzählt sie in ihrer mehrteiligen Inszenierung "No Time For Art", die mehrfach in Deutschland gastierte. Teil 1 verwebt drei Augenzeugenberichte miteinander. Minimalistisch ist das Setting dieser dokumentarischen Performance; die Kraft geht von den Worten der präzise aneinander geschnittenen Zeugnisse aus. Oft wechseln sich die Erzählstränge rasant ab, unter den drei Performern und dem Oud-Spieler, die nebeneinander auf der Bühne sitzen, entwickeln sich kurze Dialoge, spalten sich Berichte in Szenen auf. Die Dichte überfordert und berührt. Während auf der Bühne so gut wie nichts geschieht, läuft beim Zuschauer umso eindrucksvoller das Kopfkino an.

Das zeigt, wie sehr man jeglichen Bildern misstrauen muss: "No Time For Art 1" beginnt mit Nachrichtenausschnitten des öffentlichen ägyptischen Fernsehens, das die Revolution aus Staatssicht zeigt. Auf die dankbaren Bürger, die Lobeshymnen auf die ägyptische Polizei singen, folgen Aufnahmen zusammengepferchter junger Männer: Gefesselt, mit verbundenen Augen hocken sie beisammen, vor ihnen liegen Molotowcocktails, Messer und Bomben. Triumphierend berichtet der Nachrichtenkommentator von der Festnahme der verabscheuungswürdigen Aggressoren.

Erst später wird die Verbindung zum Stück klar, wenn sich die Geschichte des Schauspielstudenten herausschält, der 2011 am Rande einer Tahrir-Platz-Demo verhaftet wird. Bevor er selbst in die Hände der Polizei gerät, versucht er, die anderen Festgenommenen zu beruhigen: "Ich habe überhaupt nicht verstanden, wieso die alle so ein ängstliches Gesicht gemacht haben. Jetzt, wo ich aus dem Gefängnis raus bin, weiß ich, wieso." Was nun folgt, ist ein Albtraum: Er wird verprügelt, an seinen langen Haaren aufgehängt, damit ihm die staatlichen Henkersknechte besser auf die Knie und die Schienbeine schlagen können, später traktieren sie ihn mit Elektroschocks, jemand trampelt auf seinem geschundenen Körper herum. Dann wird er mit weiteren Gefangenen zu jenem Fernsehbild inszeniert, das zu Beginn gezeigt wurde.

Nichts ist, wie es scheint - dieses Motto steht unsichtbar über vielen Produktionen und Stücken aus Ägypten. Es gilt auch für die Revolution und ihre Folgen. Während man in Deutschland hin und wieder von den Schwierigkeiten des Demokratisierungsprozesses erfährt, sieht die Realität in Ägypten wesentlich dramatischer aus. "Das alte System wird fortgeführt in Form von Militärrat und Wahlfälschung - das hängt alles zusammen", sagt Soliman. "Wir sind unzufrieden mit den Gerichtsverfahren. Es gibt keine echte Gerechtigkeit. Viele der gewalttätigen Polizisten wurden nicht verurteilt." Demgegenüber stehen 13.000 seit Januar 2011 durch Militärgerichte verurteilte Demonstranten. Nur ein Teil von ihnen kam wieder frei, jedem aber bleibt die Haft als Vorstrafe, sagt Soliman.

Der Revolution und ihrer Opfer gedenkt auch die Mutiny Group for Arts aus Alexandria. Sherif Dessouky fügt in seinem Stück "No Matter What Happens Now", uraufgeführt beim Heidelberger Stückemarkt, der in diesem Jahr seinen Gastland-Schwerpunkt Ägypten widmete, Interviews und Blogeinträge zu einer Textfläche zusammen. Die Machart ähnelt Solimans Abend verblüffend: Auch hier flimmern Fernsehbilder über die Leinwand, auch hier erzählen die Performer mit Herzblut von real erlittenen Misshandlungen, Verhaftungen, Folter. Noch durch verzögerte Übertitel und andere Pannen hindurch spürt man, dass es den Schauspielern aus Alexandria um ihr Innerstes geht. Was diese drei Monologe erzählen, ist stark.

Und doch kann man beide Versuche, mit der jüngsten Geschichte umzugehen, kaum vergleichen. Denn Ästhetik wie Reflexion muss man im Fall der Mutiny Group zumindest naiv nennen: Zwischen einer zweckfreien Deko aus Stoffbahnen sitzen die drei Schauspieler, die in dieser Produktion ausdrücklich keine sein wollen (als ob das ginge) und illustrieren mit Betroffenheitsbalsam auf den Stimmbändern und mimetischen Schreien, wo Stille hilfreicher gewesen wäre. Eingebettet sind die Texte in Nachrichtenbilder, die tief in buttercremigem Musikpathos waten. Während auf den verwackelten Aufnahmen Menschen ihr Leben lassen, dröhnt die Hollywood-Botschaft "Wir werden siegen!", als Apotheose leuchtet die ägyptische Fahne, denn "Ägyptens Kinder starben, damit Ägypten lebt".

Das ist starker Tobak, der sich zum einen aus den Produktionsbedingungen der unabhängigen Theater erklärt: Lärm und überlange Bilderfluten sind der Versuch der Mutiny-Truppe, gegen potentielle Langeweile anzukämpfen. Aufführungen, die länger als eine Stunde dauern und wenig Abwechslung bieten, ist das Publikum nicht gewöhnt. Außerdem hätten viele Ägypter, so erzählen die Theaterleute, die Revolution wie Hollywood-Action wahrgenommen. Und das Pathos? Auch die "No Time for Art"-Truppe scheut große Begriffe wie Märtyrer und Gefallene nicht - ohne ist Ägypten derzeit nicht zu haben. Dennoch ist es bezeichnend, dass dieser Abend voll klebriger Revolutionsfolklore und Sieges-, also Happy-End-Metaphorik so resonanzlos bleibt, während Solimans Abend auch deshalb schmerzt, weil sie die ägyptische Stunde Null als Illusion entlarvt: Es kommt sehr wohl darauf an, was jetzt geschieht.

Auch die zeitgenössische Dramatik ist wesentlich skeptischer, was die Zeit nach der Revolution betrifft. Zeinab Magdy etwa, Jahrgang 1988, schildert in "Rivo-loo-shun" die ägyptische Revolution aus Sicht einer jungen Dichterin, die von ihrer Mutter nicht an den Krisenherd auf der Straße gelassen wird. Also zieht sie sich ihre Informationen aus dem Netz (ein interessanter Punkt: die Botschaft "Sie haben Twitter blockiert" würde bei uns nur Nerds schockieren, in Ägypten kostete sie Leben), kommuniziert mit ihrer besten Freundin via Skype und erfindet eine Revolution auf dem Papier.

Während des seifenopernhaften Fortgangs der Dinge zerbricht sie sich auffallend ausführlich den Kopf über ihr Jungfernhäutchen. Diese und andere Lamenti würzen ironisch, spielen mit Zensur und Sexualität, Rollen- und Umsturzbildern. Daneben markieren sie die unterschiedlichen Arten, mit denen junge Menschen auch in Ägypten die politischen Verhältnisse reflektieren: Während die Hauptfigur aus Angst vor einem nach der Revolution eingeführten Jungfrauentest erstarrt, unfähig,
an etwas anderes zu denken, macht sich ihre Freundin ernsthaft Sorgen um all jene Demonstranten, die auch nach Mubaraks Rücktritt nicht aus den Gefängnissen entlassen wurden.

Der Opfer der Revolution gedenkt auch "No Time for Art 0", das sich übergangslos an Teil 1 anschließt: Zettel gehen durch die Reihen mit den Daten jener Menschen, die während der Revolution ums Leben kamen. Name, Alter, oft auch Beruf und Todesart haben die Theaterleute recherchiert und dabei eng mit Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen zusammengearbeitet. Wer will, kann nun einen dieser Zettel vorlesen und so auf Englisch ein Gerichtsverfahren fordern für all diejenigen, die für den Tod dieses Menschen verantwortlich sind. Aus Zuschauern werden Beteiligte und trotz Unruhe und Ausspracheproblemen formt sich eine Viertelstunde lang eine enge Gemeinschaft.

Wie stark die ägyptische Gesellschaft aber noch vom alten Geist geprägt ist, zeigte eine Szene am Rande der Aufführung beim Heidelberger Stückemarkt im Mai: Da weigerte sich der anwesende stellvertretende ägyptische Generalkonsul, der zu Festivalbeginn noch ebenso großspurig wie allgemein davon gesprochen hatte, wie wichtig es sei, ägyptische Kultur in Deutschland zu präsentieren, sich diesem anrührenden Menschenrechtsritus zu unterziehen. Er warf die Zettel auf den Boden,
die dann eine der Schauspielerinnen aufhob und unter Tränen vorlas.

Soliman war empört, hatte es allerdings nicht anders erwartet, weil der stellvertretende Generalkonsul noch zur alten Garde gehört. Allerdings sieht sie auch die aktuelle Entwicklung im Land mit Sorge. "Alle Zeichen stehen auf Stillstand. Wir haben eine Übergangsregierung, die nicht zu einem Übergang führt." Stattdessen warteten alle auf einen neuen Präsidenten. Dass bei der zweiten Wahlrunde nur noch ein Vertreter des alten Regimes und einer der Muslimbrüder antraten, die Revolutionsgeneration also durch keinen Kandidaten vertreten war, bestätigt alle ihre Befürchtungen: "Der Kopf ist gefallen, aber der Körper ist noch da und genest auf geschwinde Art und Weise."

Nicht mal den Umstand, dass zurzeit niemand seine Texte von der Zensurbehörde genehmigen lassen muss, will sie als gute Nachricht deuten. "Im Moment wissen die Zensurbüros nicht genau, nach welchen Regeln sie zu urteilen haben", erklärt Soliman, also werden die Büros umgangen, niemand legt seine Texte und Inszenierungspläne vor. Dass darin auch neuer Freiraum stecken könnte, lässt die Regisseurin nicht gelten und stellt die Gegenfrage: "Was ist ein Freiraum von hundert Leuten im Theater, wenn es draußen keinen Freiraum gibt?"

Der Autor ist Kulturjournalist und lebt in Berlin.