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Sektion der Bundesrepublik Deutschland

Amnesty Journal April 2012

Die Kunst des Protests

Die feministische Band "Pussy Riot" auf dem Roten Platz in Moskau, 20. Januar 2012.: Foto: Denis Sinyakov / ReutersDie feministische Band "Pussy Riot" auf dem Roten Platz in Moskau, 20. Januar 2012.: Foto: Denis Sinyakov / Reuters
Viele russische Künstler und Publizisten engagieren sich in der Anti-Putin-Bewegung und nehmen dafür Repressionen in Kauf.

Von Barbara Oertel

Das hatte sich Russlands Regierungschef Wladimir ­Putin wohl alles etwas reibungsloser vorgestellt. Zunächst die Ankündigung auf dem Kongress der Regierungspartei "Einiges Russland" am 24. September 2011, er und Präsident Dmitri Medwedjew würden im kommenden Jahr die Posten tauschen. Sodann ein passables Ergebnis für die Regierungspartei am 4. Dezember bei den Parlamentswahlen. Und schließlich Putins überzeugender Sieg gleich in der ers­ten Runde bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März 2012.

Die Wahl hat er gewonnen. Doch der Sieg dürfte schal schmecken. Zehntausende Menschen in Russland, ihnen voran Intellektuelle und Künstler, demonstrierten prompt ihren Unwillen gegen die laut OSZE unsauber durchgeführte Wahl. Die Polizei nahm Hunderte in Haft. Mitglieder der Frauen-Punk-Band "Pussy Riot" präsentierte die Polizei gar in einem Käfig.

Die oppositionelle "weiße Bewegung", benannt nach ihren weißen Armbändern, hat mittlerweile Protesterfahrung. Bereits einen Tag nach den Dumawahlen standen in Moskau rund 10.000 Menschen auf der Straße. Sie protestierten gegen Wahlbetrug, Zensur in den Medien, die "gelenkte Demokratie" sowie gegen Putin und die Aussicht auf weitere zwölf Jahre autoritärer Herrschaft. Auch in anderen Städten wagen sich Menschen aus der Deckung und am 4. Februar mobilisierten die Organisatoren in Moskau sogar knapp 100.000 Demonstranten.

An der Spitze der Bewegung sind so bekannte Schriftsteller wie Boris Akunin oder Dmitri Bykow, die Journalistin Mascha Gessen, aber auch die Rocklegende Juri Schewtschuk. Prompt hat das Lager um Putin kulturelle Superstars wie die Opernsängerin Anna Netrebko oder den Oscar-prämierten Regisseur Nikita Michalkow in Stellung gebracht. Hunderte Prominente hat Putin für sich gewinnen können - mit welchen Mitteln auch immer: Von ökonomischem Druck und gar Bedrohung ist die Rede.

Doch längst nicht alle lassen sich unter Druck setzen: Der 55-jährige Akunin, der mit seinen Kriminalromanen aus dem 19. Jahrhundert um den Ermittler Erast Fandorin ein Millionenpublikum erreicht, meldete sich schon lange vor dem jüngsten gefälschten Urnengang zu Wort. Im Januar 2011 empfahl er Russland eine "dringende Amputination". Nach den Dezember-Wahlen prophezeite er in einem Interview, dass der Hauptzirkus den Menschen in Russland noch bevorstehe und Putin das Schicksal al-Gaddafis erleiden werde. Sein Engagement begründet Akunin mit der gesellschaftlichen Verantwortung der Künstlerszene. "Das Haus brennt, und wir müssen den Brand gemeinsam austreten. Dann können wir zu dem zurückkehren, was wir wirklich tun wollen", sagte er unlängst.

Als Löschmeister sieht sich auch der Satiriker Dmitri Bykow. Wöchentlich werden seine Anti-Putin-Gedichte von einem Schauspieler vorgetragen und als Video-Clip im Internet gepostet. Das Projekt "der Bürgerpoet" ist so erfolgreich, dass es nun einige Theater in ihr Programm aufgenommen haben.

Akunin und Bykow gehören zu den Mitbegründern der "Wählerliga". Diese will ein landesweites Netzwerk von Wahlbeobachtern aufbauen, die für Transparenz an den Urnen sorgen und somit Wahlbetrug verhindern helfen sollen. Eine weitere Forderung ist ein gleichberechtigter Zugang für Oppositionelle und alle Präsidentschaftskandidaten zum staatlichen Fernsehen. Als politisch wollen die Initiatoren die Liga aber keinesfalls verstanden wissen und brachten zur Gründung weiße Bänder und Milchflaschen mit, als Symbole für Unschuld und ihre Ablehnung der "schmutzigen Politik".

Dass gerade namhafte Schriftsteller zu den Motoren der Protestbewegung zählen, erklärt Alexander Auzan vom Moskauer "Institut für das Nationale Projekt Gesellschaftsvertrag", einer NGO, die sich für Demokratisierung einsetzt, so: Auf die Straße ginge der kreative Teil der Mittelklasse. Deren Vorbild seien keine Politiker, sondern Schriftsteller: "Wer spricht von Gewissen, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit? In der russischen Kultur ist das der Schriftsteller. Er darf den Zaren die Wahrheit sagen, aber auch dem Volk." Den Literaten, die nicht nach Macht strebten, bringe das Volk Vertrauen entgegen. Juri Dschibladse vom "Zentrum zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten" in Moskau meint: "Die aktive Rolle der Künstler unterstreicht ganz klar den Charakter der jetzigen Etappe der Proteste. Im Moment stehen noch moralische und ethische Fragen im Vordergrund."

Doch es sind nicht nur die großen Künstlernamen, die der Anti-Putin-Bewegung ihre Dynamik verleihen. Vor allem der Umstand, dass sich oppositionelle Aktionen und subversive politische Debatten aus den Küchen, wie noch zu Sowjetzeiten, in das Internet verlagert haben, ruft bis dato eher unbekannte, dafür aber umso kreativere Gruppen auf den Plan. So sorgte die achtköpfige Frauen-Punk-Band "Pussy Riot" erst im Januar für Furore. Mit Rauchbomben, bunten Fahnen und ihrem Song "Revolte in Russland - das Charisma des Protests - Putin hat Angst bekommen" traten die erklärten Feministinnen unangemeldet auf dem Roten Platz auf - genau an der Stelle, wo 1968 sieben Dissidenten gegen den Einmarsch der Roten Armee in Prag demonstriert hatten.

Die von der Gruppe als "feministische Einnahme des Kreml" titulierte Aktion dauerte nur wenige Minuten, dann griff die Polizei ein. Alle Band-Mitglieder wurden festgenommen, kamen aber nach fünf Stunden wieder frei. Zwei von ihnen wurden zu symbolischen Geldstrafen verurteilt.

Das Video der spontanen Aktion avancierte innerhalb kürzester Zeit zu einem YouTube-Hit mit über tausend Kommentaren. "Wir glauben, dass der Rote Platz besetzt werden muss, um wirkliche politische Veränderungen zu erreichen. Für Russland ist er die Entsprechung zum Tahrir-Platz in Kairo", teilte ein Bandmitglied im Internet mit. Ähnlich groß war die Resonanz, als "Pussy Riot" mit dem Lied "Tod den Gefängnissen, Freiheit für Proteste" neben der Haftanstalt auftrat, wo der oppositionelle Blogger Alexej Navalny, der zum Leidwesen einiger Oppositioneller mit den Nationalisten flirtet, kurzzeitig einsaß.

Durch das Netz quasi über Nacht berühmt wurden auch zwei Moskauer Fallschirmspringer-Veteranen, die kurzerhand zu Gitarre und Mikrofon griffen, um ihrem Unmut über Putin Luft zu machen. "Präsident schon acht Jahre lang und wieder Kandidat. Schau in deine Augen und verzichte auf dein Mandat. Dir wurde vertraut, aber du hast die ganzen Jahre gelogen und überall deine KGB-Tricks angewandt. Du bist ein gewöhnlicher Bürokrat, weder ein Zar noch ein Gott", heißt es in dem Song, der auf dem besten Weg ist, zur Hymne des Protests zu werden. Innerhalb weniger Tage sahen sich über eine Million Nutzer das Video an.

Das Engagement der Künstler sei wichtig für den Erfolg des Protests, glaubt die Soziologin und Grünen-Politikerin Olga Zepilowa aus St. Petersburg. "Nur wenn sich diese Leute auch weiter an diesen Prozessen beteiligen", sagt sie, "können wir hoffen, dass sich in unserem Land etwas zum Besseren verändert."

Die Autorin ist Russland-Expertin der "taz" und lebt in Berlin.